Warum der neue FU-Präsident Günter Ziegler besonders ist

Günter Ziegler ist designierter Präsident der Freien Universität - und der Popstar der Mathematik. Ein Spaziergang.

Prof. Günter M. Ziegler, FU Berlin Spaziergang in Dahlem

Prof. Günter M. Ziegler, FU Berlin Spaziergang in Dahlem

Foto: Reto Klar

Der Fotograf hat die Lage schon sondiert an diesem schönen Tag im Mai. Es gebe da doch dieses Holzhäuschen ein Stück weiter die Königin-Luise-Straße hoch, sagt er, als wir uns vor dem Botanischen Garten mit Günter Ziegler treffen. Das könnte doch ein gutes Bild hergeben. Und irgendwie passt das auch zur Geschichte dieses Spaziergangs.

Denn der Mathematiker Günter Ziegler ist am 2. Mai als Nachfolger von Peter-André Alt zum neuen Präsidenten der Freien Universität gewählt worden, wird also gewissermaßen jetzt zum Hausherrn dieses riesigen Lehr- und Forschungsreichs mit 31.500 Studierenden, 4400 Doktoranden, 11 Fachbereichen und 4350 Beschäftigten. Zugegeben, dafür ist das Holzhäuschen dann doch wieder ein paar Nummern zu klein gewählt.

Aber zuerst begrüßen wir uns vor dem Eingang zum Botanischen Garten am Königin-Luise-Platz. Günter Ziegler ist ein freundlicher, offener Mensch, mit dem schnell Einigkeit darüber besteht, dass keiner der Anwesenden irgendeine Ahnung von Botanik hat. Wollen wir also nicht lieber von seiner jetzigen Wirkungsstätte zu seiner künftigen spazieren, also von der kleinen Villa der Arbeitsgruppe für Diskrete Geometrie an der Arnimallee zur großen Präsidentenvilla in der Kaiserswerther Straße? Gute Idee, finden wir. Der Fotograf macht sein Bild und verabschiedet sich, dann geht es los.

Ein brillanter Wissenschaftler und Vermittlungskünstler

Vorher aber noch ein paar Bemerkungen zu unserem Gesprächspartner. Im Internet kann man auf Youtube ein Video finden, das 2010 bei einem Science Slam in Berlin aufgenommen wurde. Science Slams sind Veranstaltungen, bei denen Wissenschaftler ihre Forschungsprojekte in kurzen Vorträgen möglichst unterhaltsam präsentieren können. Der Moderator kündigt Professor Günter Ziegler an, aber was dann kommt, ist eben nicht im klassischen Sinne professoral, also gediegen und gravitätisch, sondern schnell, wach und wahnsinnig unterhaltsam.

Ziegler verteilt Smarties, setzt Pointen und erzählt immer wieder kleine Geschichten, während er mit ansteckender Begeisterung über das Problem referiert, eine Anzahl von Punkten auf seiner Tafel auf eine bestimmte Weise zu Dreiecken zu verbinden. Mit diesem Thema könnte man mühelos Menschen zu Tode langweilen oder in Angst und Schrecken versetzen. Bei Ziegler findet man es schade, dass es so schnell vorbei ist.

Das hat ihn in den letzten Jahren weit über sein Fach hinaus bekannt gemacht: Die Fähigkeit, Vorurteile gegenüber der Mathematik abzubauen und Berührungsängste aufzulösen. Ziegler hat mehrere Bücher geschrieben, die das wundersame Reich der Zahlen und Figuren auch dem Laien zugänglich machen.

Öfters hat man ihn zum Paradiesvogel erklärt

Weil er mit einem Mann verheiratet ist, einen Ohrring trägt und lieber angelsächsische Lockerheit pflegt als prätentiöses Gehabe, hat man ihm schon öfter das Etikett des Paradiesvogels angeheftet. Aber wir schreiben das Jahr 2018, da sollte man das alles selbst an der Universität nicht mehr so exotisch finden. Sondern vielleicht einfach so, wie man im mathematischen Sinn das Wort „diskret“ verwendet: unterscheidbar.

Und viel wichtiger ist sowieso, dass Ziegler ein brillanter Wissenschaftler ist. Sein „BUCH der Beweise“, eine Sammlung eleganter mathematischer Herleitungen, ist in Fachkreisen zum Weltbestseller geworden, in sechs Auflagen gedruckt und in 14 Sprachen übersetzt.

Unter den vielen Ehrungen und Auszeichnungen, die ihm zuteilwurden, finden sich der Berliner Wissenschaftspreis und der hoch renommierte Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Da fehlt eigentlich nichts mehr in der Bilanz dieses Lebens für die Wissenschaft. Die Frage ist nur, wie sehr er sie vermissen wird, wenn ihn das Präsidentenamt erst einmal in Beschlag genommen hat.

„FU-Präsident ist ein 120-Prozent Job“

Wir sind in der Villa an der Arnimallee 2 angekommen, wo Zieglers Arbeitsgruppe für Diskrete Geometrie ihr Zuhause hat. Er öffnet die Tür. Man sieht sofort, dass man sich hier mit Polyedern beschäftigt, also mit geometrischen Körpern, die von geraden Flächen begrenzt sind, Würfeln zum Beispiel. Je mehr Flächen das sind, umso verrückter können diese Dinger aussehen, und davon stehen hier überall bunte Modelle herum.

An die Tür vor Zieglers Büro hat jemand einen Zettel gehängt, auf dem groß „PROFUB“ steht, also „president of the Freie Universität Berlin“ in Anspielung auf „POTUS“ („president of the United States“). Klein steht „elect“ daneben. Ziegler legt Wert auf den Hinweis, dass er zwar bereits gewählt ist, die offizielle Amtsübergabe aber noch bevorsteht.

Wir stehen auf der Terrasse, die Glyzinien duften, über allem liegt eine herrliche Ruhe. Und das hier wird er nun alles aufgeben, obwohl er es doch erkennbar liebt? Fast, sagt Ziegler, in dessen Sprache immer ein Hauch seiner Münchener Herkunft mitschwingt: „Präsident der Freien Universität – das ist ein 120-Prozent-Job. Einige Dinge möchte ich hier fortsetzen. Es gibt zwei Doktorandinnen, die ich weiterbetreuen werde. Da darf niemand wegen meines Jobwechsels durch den Rost fallen.“

Ziegler kann sich gleich in die großen Themen stürzen

Der Umgang mit Mitarbeitern ist ihm wichtig. Als wir die Villa verlassen und die Arnimallee in Richtung Rostlaube entlanglaufen, erzählt er von den vielen Änderungen, die in seinem Leben bevorstehen oder längst im Gange sind: „Mit dem Stab des Präsidenten wird das eine völlig andere Arbeitsweise sein, als ich es bisher gewohnt bin. Im Moment kann man mich direkt anrufen, wann man will. Büroadresse und Telefonnummer stehen im Netz, den Terminkalender führe ich selbst. Wer mich sprechen möchte, kann das direkt mit mir persönlich ausmachen. In Zukunft werden solche Sachen über das Sekretariat des Präsidenten organisiert.“ Zwei Sekretärinnen, drei Referenten, ein Pressesprecher und ein Fahrer werden sich in Zukunft um ihn kümmern.

Ziegler ist froh darüber, dass er den Stab des Vorgängers weitgehend übernehmen kann. Weil er gegen Peter-An­dré Alt keinen Wahlkampf geführt hat, muss er nicht mit Loyalitätskonflikten rechnen. Da gibt es Beispiele von anderen Universitäten, wo genau diese Kon­stellation ein paar Rochaden erzwang. Er dagegen muss sich nicht in Personalfragen aufreiben, sondern er kann sich gleich in die großen Themen stürzen, die die Universität derzeit bewegen.

Termindruck schon vor der Amtsübergabe

Da ist zum einen die Exzellenzinitiative des Bundes, das große Förderprogramm, um das sich die Humboldt-Universität, die Freie Universität, die Technische Universität und die Charité im Verbund bewerben wollen. 28 Millionen Euro Fördergelder könnten die vier Institutionen auf diesem Weg erhalten. Entsprechend hoch ist der Druck, eine herausragende Bewerbung abzuliefern. Derzeit ist man in der in der Phase der sogenannten Clusterbegutachtung.

Exzellenzcluster sind große Verbundforschungsprojekte, mit denen sich die Universitäten um die Fördergelder bewerben. Und da lastet jetzt schon ein hoher Termindruck auf dem designierten Präsidenten: „Die Entscheidung über die Exzellenzcluster wird Ende September getroffen, über den Verbundantrag wird dann im nächsten Jahr im Juli entschieden. Das sind sehr wichtige Entscheidungen. Es geht um mehrere Cluster an der Freien Universität, um große Strukturen mit viel Geld und vielen Möglichkeiten, da muss man dann sehr schnell die Dinge zum Laufen bringen.“

Mit 28 Millionen könne man eine ganze Menge machen, sagt Ziegler, obwohl das gemessen an den Budgets der Universitäten gar nicht so viel sei – „aber es hängt eine Menge Renommee daran und es gibt eine Menge Rückenwind.“ Das kann man gerade in Berlin immer gut gebrauchen.

Den Lehrermangel wird die FU nicht beheben können

Und dann ist da noch das zweite Großthema, das seine Präsidentschaft prägen wird: der Lehrermangel in Berlin und die Frage, wie man ihn beheben kann. Den Hochschulverträgen von 2017 zufolge sollen die Berliner Universitäten statt der bislang jährlichen 1000 Lehramts-Absolventen 2000 bereitstellen.

Ziegler macht kein Geheimnis daraus, dass das kaum zu schaffen ist und verweist darauf, dass es ja auch um die Qualität der Lehrerausbildung gehe und nicht nur um die schiere Zahl. Wie macht man das Lehramtsstudium attraktiv? Wie koordiniert man die Lehramtsausbildung dann so, dass nicht übervolle Seminarräume und damit schlechte Studienbedingungen an den Fachbereichen entstehen? Über solche Fragen wird während seiner Präsidentschaft viel zu diskutieren sein. Der politische Druck ist jedenfalls da.

Für das Mittagessen wird er sich immer Zeit nehmen

Druck und wie man mit ihm umgeht, das ist noch so ein Thema, mit dem sich Günter Ziegler bereits beschäftigt hat. Wir sprechen darüber, als wir vor der Holzlaube stehen, in der die Campusbi­bliothek der Freien Universität untergebracht ist. An der Eingangstür sind die Institute aufgelistet, deren Bestände man hier studieren kann: Ägyptologie, Biologie, Erziehungswissenschaft, Japanologie, Iranistik, Koreastudien, Pharmazie und zig andere mehr – viele Fachbereiche, viele Bedürfnisse und Erwartungen, auch das erzeugt Druck.

Günter Ziegler spricht sympathischerweise offen darüber, dass er sich professionell coachen lässt, wenn der Stress zu groß wird. Aus einer seiner Sitzungen habe er den Vorsatz mitgenommen, dass ihm der Satz „Ich habe keine Zeit für ein Mittagessen“ nie mehr über die Lippen kommen würde, stand letztens in der „Zeit“. Zieglers neue Sekretärinnen wussten es deshalb schon, als er mit ihnen die kommende Zeit plante: „Mit denen habe ich ausgemacht, dass der Mittag geblockt wird.“

Die Mathematik lässt ihn nicht ganz los

Wir sind an der Silberlaube vorbeigeschlendert und haben in Höhe der Rostlaube die Habelschwerdter Allee überquert, um dann über die Thielallee die Kaiserswerther Straße zu erreichen. Dort steht das markante Gebäude mit bewegter Geschichte, das heute das Präsidium der FU beherbergt. Einstmals das Verwaltungsgebäude für den Verband der öffentlichen Feuerversicherungsanstalten, dann von 1945 bis 1990 Sitz der Alliierten Kommandantur in Deutschland. Ziegler wird ein Eckbüro mit Blick auf die Thielallee beziehen. Die Aussicht dürfte großartig sein, aber wir können es nicht überprüfen, weil das Haus geschlossen ist und er als noch designierter Präsident auch keinen Schlüssel dafür hat.

Unser Spaziergang ist zu Ende. Hin und wieder, gibt Günter Ziegler auf dem Weg zum U-Bahnhof Thielplatz zu, würde er natürlich noch ins Gebiet der Mathematik hinüberschauen und prüfen, was die Kollegen da so treiben. Es gebe da so ein Problem mit konvexen Teilen von Dreiecken, über dem er mit seinen Mitarbeitern zuletzt gebrütet habe.

Da sei jetzt russischen Kollegen ein wichtiger Vorstoß gelungen, das müsse er sich noch ganz genau anschauen. „Ich liebe das Problem, weil es so einfach klingt, aber die Methoden sind sehr aufwendig.“ An der Mathematik mag er, dass er so viel von ihr lernen kann „in Sachen Technik, Problemlösungen, Sachen strukturieren“. Spaß zu haben am Dazulernen, ein Leben lang: Man darf erwarten, dass ihm diese Fähigkeit auch in seiner neuen Aufgabe behilflich ist.

Zur Person:

Günter Ziegler wurde am 19. Mai 1963 in München geboren. Nach dem Abitur studierte er Mathematik und Physik an der Ludwig-Maximilians-Universität. Danach verbrachte er drei Jahre am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge, wo er auch promovierte. Nach vier weiteren Jahren als wissenschaftlicher Assistent von Martin Grötschel in Augsburg und einem Forschungsjahr in Schweden habilitierte er an der Technischen Universität in Berlin. Als Leiter der Abteilung „Kombinatorische Optimierung“ arbeitete er zwei Jahre am Konrad-Zuse-Zentrum für Informationstechnik Berlin und als Privatdozent an der TU Berlin. Er war von 1995 bis 2011 Professor für Mathematik an der TU Berlin, seit 2011 lehrt er als Professor an der FU. Am 2. Mai 2018 wurde er mit 39 von 61 abgegebenen Stimmen als Nachfolger von Peter-André Alt zum Präsidenten der Hochschule gewählt.

Auszeichnungen Ziegler ist vielfach für sein wissenschaftliches Werk geehrt worden, unter anderem mit dem Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis (2001), dem Communicator-Preis (2008) und dem Berliner Wissenschaftspreis (2017)

Der Spaziergang führte vom Arbeitsbereich für Diskrete Geometrie an der Arnimallee zum Präsidium der Freien Universität an der Kaiserswerther Straße.

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