Kita-Not

„Wir können es nur gemeinsam schaffen“

Kita-Krise – und kein Ende? Leser diskutierten mit Experten über den Mangel an Erziehern und freien Betreuungsplätzen.

Was kann Berlin gegen die Kita-Krise tun?

In Berlin fehlen rund 3.000 Kitaplätze und vor allem die dazugehörigen Erzieher.

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So viel Diskussionsbedarf war nie: Zwei Stunden sollte das Leserforum „Morgenpost vor Ort“ eigentlich dauern, am Ende waren es drei. Das war eine Premiere in der seit 2013 bestehenden Veranstaltungsreihe. Ganz klar, das Thema „Kita-Krise – und kein Ende?“ brennt vielen Berlinern unter den Nägeln.

Auf dem Podium debattierten zunächst Bildungs- und Jugendsenatorin Sandra Scheeres (SPD), der Neuköllner Jugendstadtrat Falko Liecke (CDU), der Sprecher des Dachverbands der Kinder- und Schülerläden in Berlin, Roland Kern, die Mitorganisatorin der großen Kita-Demonstration am heutigen Sonnabend, Katharina Mahrt sowie die Schul- und Kita-Expertin der Berliner Morgenpost, Susanne Leinemann. Das Leserforum moderierte Morgenpost-Kolumnist Hajo Schumacher.

Erwartungsgemäß war vor allem Sandra Scheeres gefordert, Rede und Antwort zu stehen. Sie betonte gleich zu Beginn, sie könne es nachvollziehen, dass Frauen, die keinen Betreuungsplatz für ihr Kind finden oder sehr lange suchen mussten, eine Demonstration (siehe Seite 15) organisieren. Auch sie habe für ihre beiden Kinder bei vielen Kitas auf der Warteliste gestanden und um ihren Wiedereinstieg in den Beruf gebangt. Zudem sei sie ausgebildete Erzieherin. Deshalb sei ihr das Kita-Thema wichtig. Auf die Frage, wie sich die Krise meistern lässt, stellte sie klar: „Wir können es nur gemeinsam schaffen, Kita-Träger, Bezirke und Land Berlin.“

Dreh- und Angelpunkt der äußerst angespannten Lage in den Kitas ist der Personalmangel. Wie viele Erzieher und Erzieherinnen aktuell fehlen, dazu gibt es unterschiedliche Zahlen. Die Senatsverwaltung geht von 500 aus, andere sprechen von 2000 oder gar 3000. Da es viele unterschiedliche Kita-Träger gibt, lasse sich der tatsächliche Bedarf schwer ermitteln, gab Scheeres zu bedenken. Die Jugendverwaltung geht aber davon aus, dass bis Ende des Jahres 2020 rund 5500 zusätzliche Erzieher benötigt werden. Schließlich sollen weitere Plätze geschaffen und die Gruppen verkleinert werden, um die Qualität der Kitas zu verbessern. „2020, das ist ja bald“, raunte es aus dem Publikum.

Das Problem des Fachkräftemangels existiert nicht nur in Berlin, bundesweit werden laut Bertelsmann Stiftung mehr als 100.000 Erzieher gebraucht. Falko Liecke schilderte, er könnte im für Neukölln zuständigen Kita-Eigenbetrieb sofort 70 Erzieher einstellen, wenn er sie denn fände.

In Berlin fehlten rund 2500 Kitaplätze, so die Jugendsenatorin auf Nachfrage von Moderator Hajo Schumacher. Das sei die Differenz zwischen den noch nicht eingelösten Kitagutscheinen und den aktuell freien Plätzen. Andererseits gibt es laut Senat mehr als 10.000 Plätze, für die eine Betriebserlaubnis vorliegt, die aber nicht belegt werden – in aller Regel, weil keine Erzieher da sind, die die zusätzlichen Kinder betreuen könnten.

Folglich, so Scheeres, müsse mehr ausgebildet werden. Allerdings ziehen Bezirke und Senat dabei nicht immer an einem Strang, wie die Diskussion zeigte, zumal, wenn die verantwortlichen Politiker unterschiedlichen Parteien angehören. So kritisierte die Senatorin, dass ausgerechnet die Kita-Eigenbetriebe des Landes so wenig Erzieher ausbilden. Stadtrat Liecke konterte, angesichts des Fachkräftemangels in den Einrichtungen fehlten Ausbilder.

Ein zentraler Punkt war natürlich die Bezahlung der Erzieher und Erzieherinnen. Alle waren sich einig, dass die Gehälter zu niedrig sind und den Beruf unattraktiv machen. Zurzeit verdienen in Berlin Erzieher zwischen 2800 und 3300 Euro. Im Nachbarland Brandenburg sind es rund 400 Euro mehr. Dort gilt allerdings ein anderer Tarifvertrag. Berlin sei an die Verträge der Tarifgemeinschaft deutscher Länder (TdL) gebunden, betonte Scheeres. Daher könne Berlin keine Gehaltserhöhung im Alleingang beschließen. Die TdL ist der Arbeitgeberverband des öffentlichen Dienstes. Die nächsten Tarifverhandlungen mit den Gewerkschaften finden im Frühjahr 2019 statt.

Senatorin will bessere Tarifgruppe für Erzieher

Scheeres setzt auf diese Verhandlungen und will erreichen, dass die Erzieher in eine höhere Tarifgruppe eingestuft werden. Zulagen würden ihr nicht ausreichen. Bei den letzten Verhandlungen 2017 wurde eine Zulage von 80 Euro pro Monat für die Erzieher vereinbart. „Da war ich auch enttäuscht“, bekannte Scheeres. Damals seien die anderen Bundesländer noch nicht bereit gewesen, mehr zu gewähren. Das habe sich aber geändert, betonte die Senatorin. Schließlich würden bundesweit Erzieher fehlen. Sie habe für ihren Vorstoß auch auf der Konferenz der Familienminister große Zustimmung erhalten. Und schließlich, so deutete sie an, könne vielleicht auch helfen, dass der derzeitige Vorstandsvorsitzende der TdL Berlins Finanzsenator Matthias Kollatz-Ahnen (SPD) ist.

Offen blieb aber die Frage – einen Erfolg bei den Tarifverhandlungen vorausgesetzt –, wie lange es wohl dauern wird, bis tatsächlich mehr Geld auf den Konten der Erzieher landet. Und strittig blieb die Forderung, bis dahin den Berliner Erziehern Zulagen zu zahlen. Das sei rechtlich schlichtweg nicht möglich, beharrte Scheeres mit Blick auf die Zugehörigkeit Berlins zur Tarifgemeinschaft der Länder. Zudem fänden die nächsten Tarifverhandlungen ja in einigen Monaten statt.

Falko Liecke und auch einige Gäste überzeugte das indes nicht. Sie meinten, es müsse möglich sein, kaufmännisch-kreative Lösungen zu finden, die dennoch rechtskonform seien. Bei den Lehrern sei es schließlich auch gelungen, sie besser zu bezahlen, weil sie bereits zu Berufsbeginn in eine höhere Erfahrungsstufe eingruppiert werden. Das sei nur gelungen, weil die TdL diesem Weg zugestimmt habe, konterte Scheeres.

Roland Kern kritisierte, wie auch mehrere Gäste, der Fachkräftemangel sei zu spät erkannt worden. „Ich freue mich über die Diskussion um eine bessere Bezahlung, habe aber ein wenig Angst vor dem Ergebnis“, bekannte er. Er sprach sich dagegen aus, Erzieher wie Grundschullehrer zu bezahlen. Das ginge mit einer Akademisierung der Ausbildung und letztlich mit einem anderen Berufsbild einher, das er nicht wolle. „In den Kitas findet Bildung den ganzen Tag statt“, sagte er und erntete dafür starken Applaus von den im Publikum gut vertretenen Erzieherinnen.

Kern wagte eine bemerkenswerte These: Um dem Personalmangel entgegenzuwirken, würde er „am Fachkraftbegriff kratzen wollen“ und allen Bewerbern, die geeignet sind und in einer Kita arbeiten wollen, gern einen Arbeitsplatz anbieten. Der Kita-Träger und vor allem das Team könnten beurteilen, wer geeignet ist. Dabei mochte ihm die Senatorin nicht folgen. Sie möchte die berufsbegleitende Ausbildung verstärken und die Quote der Quereinsteiger in den Kitas vergrößern.

Morgenpost-Redakteurin Susanne Leinemann betonte, der Personalmangel und die Gruppengröße belasteten die Erzieherinnen sehr. Diese arbeiteten meist an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit und hätten für Dinge wie das Sprachlerntagebuch, Elterngespräche und Berichte an die Verwaltung eigentlich keine Zeit.

Zwangspause beim Studium gefährdet die Karriere

Den betroffenen Müttern, die zu den Organisatorinnen der Kita-Demo zählen, geht es vor allem darum, dass schnelle Lösungen gegen die Krise gefunden werden. Katharina Mahrt schilderte, dass sie wegen fehlender Betreuung für ihr Kind bereits zwei Semester ihres Masterstudiums verpasst habe und auch ihren Uni-Job, der ihr 450 Euro im Monat eingebracht hat, nicht ausüben kann. Es gehe aber nicht nur um die zwei Semester. Dieser Zeitverlust könne ihre gesamte wissenschaftliche Karriere gefährden.

Mahrt betonte, es gebe nicht nur einen Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz, sondern auch einen Rechtsanspruch auf frühkindliche Bildung. Dieser werde nicht erfüllt, wenn die Gruppen zu groß seien und die Erzieher nicht so auf die Kinder eingehen könnten, wie es nötig wäre. Sie sprach sich gegen die temporäre Überbelegung von Kitagruppen aus, die Scheeres zuvor verteidigt hatte, um den Rechtsanspruch auf einen Platz zu gewährleisten.

Die Mutter, die sich einen Kitaplatz in Neukölln erklagt hatte, riet, „viele kleine Lösungen“ ins Auge zu fassen, um das Problem zu mindern. Sie bot der Senatorin die Unterstützung der Demo-Organisatorinnen an. Scheeres erklärte, es werde noch einige Zeit dauern, bis sich die Lage in den Kitas entspanne. Auch das kommende Jahr werde schwierig, prognostizierte sie. Sie betonte aber auch, dass die Landesregierung in den vergangenen fünf Jahren 40.000 zusätzliche Kitaplätze geschaffen habe. Weitere 25.000 seien geplant.

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