Start-ups

Warum immer mehr Berliner mit Lebensmitteln experimentieren

Vor allem junge Start-ups verdienen in Berlin Geld mit Lebensmitteln. Warum die Stadt so attraktiv für die Branche ist.

Verkaufen Frühstück zum Mitnehmen: Die „Haferkater“-Gründer Anna Schubert und Leandro Burguete

Verkaufen Frühstück zum Mitnehmen: Die „Haferkater“-Gründer Anna Schubert und Leandro Burguete

Foto: David Heerde

Berlin. Möglicherweise ist die große, weiße Tiefkühltruhe in der Raummitte das beste Symbol für den Erfolg von „Wholey“. Das begehbare Riesen-Kühlfach habe die Lagerkapazitäten verzehnfacht, erzählt Wholey-Mitgründer Casimir von Carmer. Um den Erfolg des Unternehmens zu untermauern, das seit Frühjahr 2017 tiefgefrorene Smoothies zum Selbermixen verkauft, genügt aber auch ein Blick in die Bücher: Die derzeit vorliegenden Aufträge decken bereits einen Großteil des angepeilten Jahresumsatzes. Momentan produzieren die Wholey-Mitarbeiter jeden Monat rund 25.000 Smoothies. Erhältlich sind die kühlen Getränke im Webshop des Start-ups und bei etwa 50 Cafés, Hotels und Fitness-Studios in Berlin.

Wholey trifft mit den tiefgekühlten Obstportionen, die nur noch im Mixer zerkleinert werden müssen, offenbar den Nerv der Zeit. „Schon während der Testphase im vergangenen Jahr sind wir überrannt worden“, erzählt der 34 Jahre alte Casimir von Carmer. Die größere Tiefkühltruhe und der Umzug in ein Industriegebiet nach Pankow sind nur der erste Schritt zur Expansion. Carmer denkt mit seinen drei Geschäftsführerkollegen bereits über den Kauf einer automatischen Produktionsanlage nach: Dann könnten monatlich rund 100.000 Smoothies produziert werden.

In Berlin gibt es mehr als 100 Unternehmen, die ihr Geld mit der Produktion von Lebensmitteln verdienen. Die Branche erwirtschaftet nach Angaben der Senatsverwaltung für Wirtschaft rund 2,2 Milliarden Euro Jahresumsatz und beschäftigt fast 12.000 Mitarbeiter. Neben den produzierenden Unternehmen gibt es noch zahlreiche Cafés, Imbisse, Restaurants und Lieferdienste. Allein für das Bringen von Essen schätzen Experten das Marktvolumen in der Stadt auf rund 300 Millionen Euro jährlich.

Nachhaltig erzeugte Lebensmittel im Fokus

Nina Langen ist Professorin für nachhaltige Ernährung und Lebensmittelwissenschaft an der TU Berlin. Die junge Hochschullehrerin beobachtet seit Jahren, wie sich Essen, Konsumenten und Lebensmittelproduzenten in der Stadt verändern. Vor allem für junge Menschen, die darauf achten, woher ihr Essen kommt, sei Berlin ein attraktiver Wohnort, sagt Langen. Weil die Nachfrage steige, werde nachhaltig erzeugtes Essen in der Stadt einfacher verfügbar – und auch günstiger. Neue Unternehmen müssen sich dem schärferen Wettbewerb stellen. „Berlin ist eigentlich satt“, sagt Wholey-Mitgründer Casimir von Carmer. „Aber wenn etwas hier gut ankommt, dann funktioniert die Idee auch woanders.“

Wachsender Markt für nachhaltige Lebensmittel

Die erfolgreiche Gründerszene in der Lebensmittelbranche lockt auch Investoren an. Seit anderthalb Jahren hat ein Investmentableger des Süßwarenherstellers Katjes seinen Sitz in Berlin. „Mit Katjesgreenfood investieren wir im stark wachsenden Markt für nachhaltige Lebensmittel“, sagt Geschäftsführerin Manon Sarah Littek. Die Beteiligungsgesellschaft zahlt zwischen 200.000 und zwei Millionen Euro für Anteile an den Food-Firmen. Zuletzt erwarb Littek einige Prozent an der amerikanischen Bio-Backmischungen-Firma „Foodstirs“. In Deutschland sind unter anderem die vegane Supermarktkette Veganz, das Kaffeefrucht-Getränk „Caté“ und das Berliner Start-up „Haferkater“ Teil der Katjes-Familie. „Wir investieren langfristig und helfen den Unternehmen, eine starke Marke aufzubauen“, erklärt Littek.

Die Geschichte des Katjesgreenfood-Investments Haferkater begann 2014 in einer ehemaligen Dönerbude in Friedrichshain. Mittlerweile hat die Firma drei Läden in Berlin und einen in Köln. In dem neuen Haferkater-Store in der Domstadt gehen derzeit rund 400 Portionen Haferschleim über die Theke. Haferkater verkauft den süßen Brei, „Porridge“ genannt, als schnelles Frühstück. 3,50 Euro kostet die kleine Portion. Die klebrige Masse ist vegan, zucker- und laktosefrei. Die vielen Ballaststoffe in dem Haferbrei machen lange satt. „Es gab bislang noch kein gesundes, schnelles Frühstück zum Mitnehmen. Diesen Markt haben wir besetzt“, erklärt Levin Siert, der das Start-up mit seinen Freunden Anna Schubert und Leandro Burguete gegründet hat.

Rückkehrer kommen mit neuen Ideen nach Berlin

Es gibt unter den Food-Start-ups aber auch die Rückkehrer: Der gebürtige Berliner Beschir Hussain hat im Nahen Osten eine Lieferdienst-Plattform aufgebaut und seine Firma nach ein paar Jahren an die Rocket-Internet-Beteiligung Foodpanda verkauft. Seit zwei Jahren ist Hussain wieder in Berlin. Die Lieferdienst-Branche hat den jungen Mann nicht losgelassen, auch, weil er gesehen hat, wo die Fehler liegen. Er sagt: „Marktplätzen, die nur Bestellungen vermitteln, fällt es schwer, die Qualität des ausgelieferten Essens zu kon­trollieren. Kunden sind deswegen mitunter verärgert.“ Beschir Hussain will vieles anders machen.

Vor zwei Jahren gründete er den Premium-Pizzalieferdienst „Vadoli“, bietet seitdem Bestellannahme, Produktion und Lieferung aus einer Hand an. Erst vor einigen Monaten sammelte Hussain mehr als eine Million Euro Kapital von Investoren ein. „Mit dem Geld wollen wir weitere Delivery-Hubs bauen“, sagt er. In diesen Produktionsküchen sollen die Pizzen belegt und gebacken werden. Zuletzt hat Hussain mit „Fresh's“ noch einen weiteren Lieferdienst gegründet, der etwa Salate oder Wraps ausliefern soll. Für die Food-Start-ups öffnen die Ideen mitunter ungewollt Türen: Beschir Hussain übernimmt mit seinen Lieferdiensten seit einigen Wochen den Room-Service für ein Hotel.

Profisportler als möglicher weiterer Kundenstamm

Auch Wholey-Mitgründer Carmer hat noch ein anderes Geschäftsmodell im Visier: Die Handballer der Füchse Berlin werden bereits von
Wholey mit Smoothies versorgt. „Für frische und vitaminreiche Smoothies gibt es einen Markt im Profisport“, glaubt Casimir von Carmer. Beim Pokalfinale in Berlin hat er Verantwortlichen von Bayern München die Idee vorgestellt. Vielleicht kommen also auch bald Fußball-Stars wie Manuel Neuer und Robert Lewandowski auf den Geschmack der gesunden Fruchtshakes aus Berlin.

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