Straßenbahnerweiterung

Auf diesen Strecken könnte die Tram durch West-Berlin fahren

Pläne eines Bündnisses sehen in Berlin 235 neue Straßenbahnkilometer vor. Nicht alle Verkehrspolitiker sind davon begeistert.

Berlin. Die Stadtväter von Paris haben gerade angekündigt, bis 2024 das schon heute eng geknüpfte Metro-Netz um gut 200 Kilometer vergrößern zu wollen. Auch in den deutschen Großstädten München und Hamburg werden neue Strecken für die U- und S-Bahn gebaut.

In Berlin hingegen will die rot-rot-grüne Regierungskoalition drohende Engpässe im Nahverkehr vor allem mit einem massiven Ausbau des Straßenbahnnetzes lösen. Ausgerufen wurde dazu von Rot-Rot-Grün eine „Legislaturperiode der Straßenbahn“. Mehr als 20 Strecken für die „Elektrische“ werden in der Koalitionsvereinbarung aufgelistet, die bis zum Ende der Legislaturperiode 2021 entweder gebaut oder wenigstens vorbereitet werden sollen.

Neue Tramstrecken vor allem im Westen Berlins

Vielen Tram-Befürwortern geht das aber nicht weit genug. So stellte am Mittwoch das Bündnis Pro Straßenbahn sein „Zielnetz 2050“ vor. Danach sollen in den kommenden drei Jahrzehnten rund 300 Kilometer neue Tramgleise in der Stadt verlegt werden, das aktuell knapp 200 Kilometer lange Straßenbahnnetz würde sich um mehr als das Doppelte verlängern.

Die „Streckenergänzungen“ liegen fast ausschließlich im einstigen Westteil der Stadt, wo der Straßenbahnbetrieb 1967 zugunsten des Umbaus in eine autogerechte Stadt eingestellt wurde. Seither fuhr die Tram nur noch im Ostteil. Nach dem Mauerfall gab es von dort aus zwar einige wenige Streckenverlängerungen, etwa zum Virchow-Klinikum im Wedding oder zum Hauptbahnhof in Moabit. Doch bislang ist die Straßenbahn weiterhin ein überwiegend im Osten verankertes Fortbewegungsmittel.

"Zielnetz 2050" schlägt Bau von 235 Kilometern Gleise vor

Die Koalitionsvereinbarung von Rot-Rot-Grün sieht unter anderem die Weiterführung der Straßenbahn vom Alexanderplatz über den Potsdamer Platz bis zum Rathaus Steglitz vor. Ein zweites Vorhaben ist die Verlängerung der Tram vom Hauptbahnhof über den U-Bahnhof Turmstraße bis zum Mierendorffplatz. Ein drittes zentrales Vorhaben, für das bis 2021 zumindest planerisch die Voraussetzungen geschaffen werden sollen, ist die Verlängerung der Tram vom S- und U-Bahnhof Warschauer Straße bis zum Hermannplatz nach Neukölln. Würden alle Projekte aus der Koalitionsvereinbarung umgesetzt, kämen 60 zusätzliche Tramkilometer dazu.

Das vom Bündnis Pro Straßenbahn vorgelegte „Zielnetz 2050“ geht nicht nur beim Zeithorizont weit darüber hinaus. Konkret wird der Bau von weiteren 235 Kilometer Gleisen vorgeschlagen, darunter die Erschließung des zur „Urban Tech Republic“ umfunktionierten Flughafens in Tegel und der Wiederaufbau einst stillgelegter Tramstrecken etwa vom Bahnhof Zoo nach Spandau, zum Fehrbelliner Platz und weiter bis nach Zehlendorf sowie über die Heerstraße bis zum Rathaus Spandau. Als Grundlage für die Trassenvorschläge dienten einerseits Analysen, auf welchen Strecken Buslinien bereits heute an ihre Kapazitätsgrenzen gelangen. Zum anderen wurden die Erschließung neuer Wohngebiete sowie „sinnvolle Lückenschlüsse“ als Zielvorgabe ausgegeben. Danach soll selbst zum Flughafen Schönefeld einmal die Straßenbahn fahren.

Doch gerade dorthin wird seit Jahren auch von Vertretern der Regierungspartei SPD die Verlängerung der U-Bahnlinie 7 ab Rudow gefordert. Die Strecke ist eine von drei, für die die BVG für den Senat Machbarkeitsstudien erarbeiten soll. Geprüft werden soll dabei auch die U8-Verlängerung zum Märkischen Viertel sowie ein Abzweig der U6 zum geplanten Wohn- und Gewerbegebiet auf dem Areal des heutigen Flughafens Tegel.

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"Noch ist nichts entschieden"

Doch Linke und Grüne wollen keinen weiteren Ausbau des U-Bahnnetzes. „Alle finanziellen und planerischen Mittel müssen jetzt auf die Straßenbahn konzentriert werden“, forderte am Mittwoch der verkehrspolitische Sprecher der Linken, Harald Wolf. Für den Grünen-Politiker Harald Moritz ist die Tram heute „nicht mehr die Quietschbahn von 1967, sondern ein leises, wirtschaftlich effizientes und umweltfreundliches Verkehrsmittel“.

Doch längst nicht alle Verkehrspolitiker sind davon überzeugt. „Eine aufgrund ihres Wachstums zunehmend stärker verdichtete Stadt kann in der Innenstadt den Verkehr nicht vorwiegend über Straßenbahnen abwickeln. Wenn in neue Schienenstrecken investiert wird, ist deshalb der Bau weiterer U-Bahnverbindungen in der Innenstadt unabdingbar“, sagte etwa der FDP-Abgeordnete Henner Schmidt.

Auf dem Tisch liegt auch noch der Entwurf eines ÖPNV-Bedarfsplans, der vom Center Nahverkehr für den Senat erarbeitet wurde. Auch dieser sieht viele neue Tramstrecken nach Prioritäten sortiert bis 2035 und darüber hinaus vor. Welche neue Strecken in die Senats-Verkehrsplanung Eingang finden werden, ist indes offen. „Die Straßenbahn sorgt schnell für einen attraktiveren und effektiveren öffentlichen Nahverkehr, weil sie vergleichsweise kostengünstig und schnell zu realisieren ist. Auf dem Forum Nahverkehr wurden dafür viele gute Ideen vorgestellt und diskutiert, noch ist jedoch nichts entschieden“, sagte dazu Matthias Tang, Sprecher von Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne).

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