Berlin

Dorfbewohner zeigen das Leben im Mittelalter

Wie alles in Berlin angefangen hat, ist auch in einer neuen Ausstellung im Museumsdorf Düppel zu sehen

In der mittelalterlichen Stadt Cölln bei Berlin sah es rund um den Petriplatz um das Jahr 1200 nicht viel anders aus als in einer kleinen Siedlung, fast elf Kilometer entfernt in Düppel. Während der Petriplatz als Wiege von Berlin gilt, hat sich das Museumsdorf Düppel als rekonstruiertes mittelalterliches Dorf slawischer und deutscher Siedler einen Namen gemacht. Das ist Paul Spies zu wenig. „Wir können genau wie in Mitte auch in Düppel die Anfänge von Berlin erzählen“, sagt der Direktor im Stadtmuseum Berlin. Mit dem Unterschied, dass es am südlichen Ende von Zehlendorf genug Platz dafür gibt. Ein erster Schritt dafür ist jetzt gemacht: Wie alles in Berlin angefangen hat, wird in der neuen Dauerausstellung „Leben im Mittelalter“ gezeigt, die ab 19. Mai im Museumsdorf Düppel an der Clauert­straße 11 zu sehen ist.

Wo vorher Originalfunde wie Keramik und Werkzeuge in Vitrinen gezeigt und mit viel Text versehen wurden, ist heute eine Ausstellung entstanden, die gerade Familien und Kinder anspricht. Durch den Alltag im Mittelalter führen sechs fiktive Dorfbewohner, die in lebensgroßen, absolut realistischen Illustrationen dargestellt werden. So erzählt ein Kind, dass es mit sieben Jahren Getreide mahlen muss, eine spinnende Frau, ein Bauer und ein Wanderschmied veranschaulichen an praktischen Beispielen Themen wie Kleidung, Landwirtschaft und Handwerk. Gleich am Eingang steht ein alter Brunnen. „Dafür wurde das originale, 800 Jahre alte Holz verwendet“, sagt Julia Heeb, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Museumsdorf. Anhand der Baumringe hätte man die Siedlung auf 1170 datieren können.

Ein neues Empfangsgebäude und das ganze Jahr geöffnet

Die Ausstellung ist erst der Anfang einer Reihe von Aktivitäten, mit denen das Museumsdorf in die Zukunft geführt werden soll. Stadtmuseumsdirektor Paul Spies will den Standort weiterentwickeln und hat für die nächsten fünf Jahre mit dem Förderkreis Pläne gemacht. „Wir haben jetzt 50.000 Besucher pro Jahr“, sagt Spies. Gerechnet auf die 70 Tage pro Jahr, an denen das Museumsdorf geöffnet ist, „ist es das erfolgreichste Haus innerhalb der Stadtmuseen“. Deshalb müsse es ausgebaut und erweitert werden.

Während das Museum im Moment nur an den Wochenenden, in den Ferien und an Feiertagen geöffnet ist, soll es künftig einen Ganzjahresbetrieb geben. Dafür müssen die Voraussetzungen geschaffen werden. Spätestens in sechs Jahren soll ein neues Gebäude fertig sein, das auf dem Wirtschaftshof geplant ist. In dem Gebäude werden Empfang, Büro, Ausstellung und Seminarräume vereint. „Im Winter kann man dann schon viel in diesem Haus sehen und erleben und muss nicht so viel draußen sein“, sagt Paul Spies.

Doch auch im Außenbereich, wo auf den alten Grundmauern die Häuser eines mittelalterlichen Dorfes wiederentstanden sind, soll einiges passieren. So ist geplant, das Runddorf bis zu einem kleinen Wasserlauf – dem Krummen Fenn – zu erweitern. Die eiszeitliche Senke war nicht nur für die Wasserversorgung des Dorfes wichtig, sondern auch für die Verteidigung. Genau wie die Palisaden auf der einen Seite, sei das Wasser auf der anderen Seite der beste Schutz gewesen, sagt Spies.

Wichtig ist ihm vor allem, den Besuchern das komplexe Leben im Mittelalter näherzubringen. „Es war nicht einfach, jeder musste alles können, Getreide anbauen, Tiere züchten, Kleidung herstellen und das Haus bewirtschaften“, so der Direktor. Alle lebten in einer großen Gemeinschaft und seien aufeinander angewiesen gewesen. Um die Arbeits- und Produktionskette vor 800 Jahren zu erklären, sollen sechs Themeninseln im Dorf entstehen, darunter zu Holz- und Lehmbau, zur Kulturgeschichte der Bienen, Artenvielfalt und Alltagswelten. Etwa vier Millionen Euro sind für den Ausbau und die Modernisierung in Düppel geplant.

Wenn der Besucher das Museumsdorf verlässt – so der Wunsch von Paul Spies –, soll sich sein Blickwinkel verändert haben. „Respekt vor den Dingen, vor der Arbeit, der Natur und dem Material“ solle entwickelt werden und ein Nachdenken über die heutige Verschwendung einsetzen. Seine Botschaft: „Das Mittelalter ist ein Spiegel, der uns heute positiv beeinflusst.“ Bescheidenheit, Geduld, Besinnung – diese Werte gilt es mitzunehmen. Oder auch in Workshops zum Beispiel Managern zu vermitteln.

Paul Spies denkt auch darüber nach, den zeitlichen Rahmen weiterzustecken, über das Mittelalter hinaus. Aus der Vorgeschichte sieht er schon ein Langhaus auf dem Gelände, wie es in der Zeit der Wikinger zu finden war. Aber auch die Christianisierung der Slawen, die mit den Deutschen kam, ist für ihn ein wichtiges Thema. „Dafür könnten zum Beispiel die Ansätze einer kleinen Kirche nachgebaut werden“, sagt Spies. Womit er wieder bei den Anfängen der Städte Cölln und Berlin ist, beim Petriplatz und der Petrikirche.

Nächste Veranstaltung: 19. bis 21. Mai, 10–18 Uhr: „Holz und Lehm. Natürliches Bauen in Vergangenheit und Zukunft“, Museumsdorf Düppel, Clauertstraße 11