Konzert in Berlin

So war's bei Nickelback in der Max-Schmeling-Halle

Nickelback mag die meistgehasste Band der Welt sein, doch in Berlin liefern sie besten Stadionrock und werden euphorisch gefeiert.

Nickelback-Frontmann Chad Kroeger

Nickelback-Frontmann Chad Kroeger

Foto: pa

Berlin. Eine enorme Digitaluhr füllt den Bildschirm hinter der Bühne aus, sie beginnt von 20 Minuten an abwärts zu zählen. 20 Minuten, dann sollen sie kommen, die Weltstars von Nickelback. Mit jeder herabgezählten Sekunde steigt die Spannungskurve.

15 Minuten noch: Ein Techniker befreit die Bühne mit einem Wischmopp vom Schweiß der Vorband Seether. Fünf Minuten: Die Leute strömen von den Getränkeständen und Toiletten zurück auf ihre Plätze. Die letzten Zehn Sekunden: Das Publikum johlt, man tippt sich gegenseitig auf die Schulter und deutet zur gewaltigen Uhr.

Fünf Sekunden: Die Menge zählt lauthals runter. Der Countdown läuft ab, die Uhr zeigt Null; doch die Band erscheint nicht auf der Bühne, stattdessen wird auf dem Bildschirm ein Werbefilm für einen bald erscheinenden Nickelback-Dokumentarfilm gezeigt. Das kurze Video endet, noch immer lässt die Band auf sich warten.

Etwa eine Minute vergeht, ohne dass etwas geschieht. Man blickt in ratlose Gesichter. Dann endlich springen die Nebelmaschinen an. Nickelback stürmen die Bühne, die Akkorde des Songs "Feed The Machine" werden angeschlagen. Das Publikum bricht in euphorischen Lärm aus, die vergeigte Spannungskurve scheint vergessen.

Die Band Nickelback ist ein Phänomen, das kaum jemand zu erklären weiß. Auf der einen Seite gehören sie zu den erfolgreichsten Rockbands der Gegenwart, auf der anderen Seite belegen in sie in fast jedem Ranking namhafter Musikmagazine den Platz der meistgehassten Band der Welt. Trotz ihrer sechs Grammy-Nominierungen und über 50 Millionen verkaufter Tonträger stößt man vor allem im Internet auf Hasstiraden gegen die Band um Frontmann Chad Kroeger und seinen Bruder Mike. Erst 2016 drohte eine kanadische Polizeiwache damit, Straftäter zur Musik von Nickelback im Einsatzwagen abzuführen.

Bei ihrem Konzert am Mittwochabend in der Max-Schmeling-Halle ist von dieser Negativität nichts zu spüren. Die Fans feiern die vier Musiker aus Alberta, jedes Lied wird textsicher mitgesungen. Vor dem Welthit "Photograph" findet Chad Kroeger sogar die Zeit, ein weiteres Mal auf die in Kürze erscheinende Doku hinzuweisen.

Die Bühnenshow ist auf das aktuelle Album "Feed The Machine" abgestimmt, das Schlagzeug steht auf einem Podest, dem man einen industriellen Look verpasst hat, Blinklichter, leuchtende Schläuche und Stahloptik ziehen die Aufmerksamkeit auf sich. Die Band spielt energiegeladenen Stadionrock, zeigt Bühnenpräsenz. Die Hände der Fans werden abgeklatscht, die Musiker wirken souverän und erfreuen sich mit dem Publikum an der eignen Show.

„Mein Verlobter hasst euch"

Die Max-Schmeling-Halle ist gut gefüllt, aber nicht vollbesetzt, vor allem die Stehplatz-Kapazitäten direkt am Bühnenrand wurden nicht ausgereizt, was unter anderem mit den happigen Ticket-Preisen von bis zu 100 Euro zu tun haben mag. Im Publikum sind alle Altersgruppen nahezu gleichmäßig vertreten. Gitarrist Ryan Peake bemerkt eine Frau mit Pappschild, auf dem in englischer Sprache zu lesen ist: „Mein Verlobter hasst euch, lasst uns ein Foto machen, um ihn anzupissen.“ Ohne zu zögern, verspricht der Frontmann ihr, das Foto im Laufe der Show aufzunehmen.

Die Band spielt viele ihrer Hits, nur einige Lieder entstammen dem aktuellen Album. Für "Rockstar", eine ihrer bekanntesten Nummern, werden zwei Freiwillige aus dem Publikum gesucht, die die Band gesanglich unterstützen sollen. Ein junger Mann und eine noch jüngere Frau werden auf die Bühne gezogen. Sie sind textsicher, verpassen keinen einzigen ihrer Einsätze, spielen sogar ein bisschen mit dem Publikum, zwar wirken sie äußerst nervös, doch man fragt sich, wie zufällig ihre Auswahl tatsächlich war.

Wenig später findet erneut ein Fan auf die Bühne. Auf einem Pappschild hatte er darum gebeten, die Band bei ihrem Song "Animals" auf der Gitarre begleiten zu dürfen. Schnell bringt man ihn nach vorne, er bekommt ein Mikro in die Hand gedrückt, stellt sich als Colin vor und verkündet: „Tim, ich kriege zwei Kisten Bier von dir.“ Colin beherrscht sein Instrument, sowohl die Bandmitglieder als auch die Fans werden das Grinsen in ihren Gesichtern nicht mehr los.

„Jetzt ist es ‘ne Party“, verkündet Chad Kroeger, und niemand kann ihm widersprechen. Bei diesem Konzert haben alle eine gute Zeit, auch wenn die Songs sich untereinander bisweilen stark ähneln und die Witzeleien zwischen den Liedern nicht jeden in schallendes Gelächter ausbrechen lassen. Man kann sich dem Sog und vor allem diesen radiotauglichen Ohrwürmern nicht verwehren.

Gegen Ende spielen Nickelback ihren bekanntesten Hit "How You Remind Me?", den weltweit erfolgreichsten Rocksong des vergangenen Jahrzehnts. Und während der Zugabe kommt schließlich auch noch das versprochene Foto mit der jungen Frau zustande, die auf diese Weise ihren Verlobten ärgern will. Man holt sie auf die Bühne, gemeinsam mit dem Frontmann lächelt sie in eine Handykamera, Kroeger streckt den Mittelfinger aus und lacht, bevor er und seine Bandkollegen mit "Burn It To The Ground" den letzten Song des Abends spielen und sich unter Jubel verabschieden.

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