Berlin

Sommer ohne Auto

50 Bewohner von Mierendorff-Insel und Klausenerplatz-Kiez sollen einen Monat lang auf ihren Wagen verzichten

Wenn es um Projekte und Experimente zu urbanem Leben in Berlin geht, hat die Mierendorff-Insel seit Jahren die Nase vorn. Deutlich durch Spree, Charlottenburger Verbindungskanal und Westhafenkanal abgegrenzt, mit rund 15.000 Einwohnern so groß wie eine Kleinstadt, eignet sich der Charlottenburger Kiez für Tests. Unterstützt vom Bezirksamt startet im Juni ein neues Experiment.

Plakate und Flyer auf der Mierendorff-Insel und im Klausenerplatz-Kiez kündigen es an: „Deine Sommerflotte – Tausch Dein Auto gegen 5000 Sharing-Fahrzeuge.“ Gesucht werden 50 Freiwillige, die in einem der beiden Kieze wohnen und bereit sind, für einen Monat auf ihr Auto zu verzichten. Damit die Testpersonen nicht schwach werden, ist auch eine Hürde eingebaut: „Wir werden die Fahrzeuge für den Zeitraum des Experiments in einem Parkhaus am BER einstellen“, sagt Projektleiter Rolf Mienkus.

Wer sich beteiligt, bekommt ein Gutscheinheft, mit dem er im Testzeitraum Carsharing-Angebote wahrnehmen, aber auch Elektroroller, Lastenräder, Fahrräder und den öffentlichen Personennahverkehr nutzen kann.

Freie Parkplätze sollen anders genutzt werden

Aktuelle Studien der Städte München und Wien zu urbanen Carsharing-Angeboten zeigen Mienkus zufolge eine deutliche Reduzierung des Pkw-Bestands sowie gefahrener Pkw-Kilometer auf: Ein Carsharing-Fahrzeug ersetze demnach bis zu sechs privat genutzte Autos.

Der Stadtentwicklungsstadtrat von Charlottenburg-Wilmersdorf, Oliver Schruoffeneger (Grüne) unterstützt das Projekt. „Wenn wir das Pariser Klimaschutzabkommen ernst nehmen und bis 2050 eine klimaneutrale Stadt haben wollen, müssen wir schnell Erfolg haben mit solchen Projekten“, sagt er. „Wir müssen anfangen, Stadt ganz neu zu denken und uns überlegen, wie wir der demografischen Entwicklung, der älter werdenden Gesellschaft begegnen.“ Überlegt werden müsse auch, welche Konsequenzen beispielsweise die Zunahme des Onlinehandels hat. Auf der einen Seite sei da die Frage des wachsenden Lieferverkehrs zu bedenken, aber auch, was künftig mit leer stehenden Ladenlokalen passieren solle. Im Herbst starte deshalb ein Projekt mit der DB-Logistik-Tochter Schenker auf dem Platz unter der Autobahnbrücke am Bundesplatz. Lieferungen sollen dort von Lastwagen auf Lastenfahrräder umgeladen und in die umliegenden Kieze verteilt werden. Antworten zu künftigen Entwicklungen will der Stadtrat auch auf der „neuen Achse der Mobilität“ finden. Schruoffeneger meint damit die Kantstraße und ihr Umfeld. „Wir haben da natürlich die Technische Universität, demnächst aber auch die Kantgaragen als Innovationscluster“, sagt Schruoffeneger. Auf etwa 7000 Quadratmetern sollen sich dort Unternehmen, Ingenieurbüros und Start-ups ansiedeln, die sich im weitesten Sinn mit neuer Mobilität beschäftigen. Zu der Achse gehöre auch die Messe Berlin. „Vielleicht können wir mit neuer Mobilität eines Tages der Automobilmesse in Frankfurt Konkurrenz machen“, hofft er.

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