„Band des Bundes“

„Tiefpunkt der Kultur städtebaulichen Planens“ in Berlin

Ex-Baudirektor Hans Stimmann über die Absicht der Bausenatorin Katrin Lompscher, die Vollendung des „Band des Bundes“ zu verhindern.

 Hans Stimmann ist ehemaliger Senatsbaudirektor

Hans Stimmann ist ehemaliger Senatsbaudirektor

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Vor 25 Jahren gewannen die Architekten Axel Schultes und Charlotte Frank den internationalen Wettbewerb zur Gestaltung des Spreebogens. Ihre Idee eines „Band des Bundes“, eines 900 Meter langen Gebäuderiegels, der Ost und West verbindet und dabei zweimal die Spree kreuzt, überzeugte. Doch während das Bundeskanzleramt, das Paul-Löbe- und das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus bereits Patina angesetzt haben, wurde das sogenannte „Bürgerforum“, das zwischen dem Kanzleramt und den Parlamentsbauten das verbindende Gebäude sein sollte, nie realisiert.

Anstelle eines Gebäudes wurde auf der verbliebenen Freifläche eine provisorische Straße asphaltiert, die eigentlich nur so lange betrieben werden sollte, bis der Tiergartentunnel zwischen Landwehrkanal und Hauptbahnhof noch nicht fertig war. Völlig überraschend will die Verwaltung von für Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (Linke) nun Fakten schaffen. Mit der Änderung des Bebauungsplans soll aus dem Provisorium – in etwas veränderter Führung – eine Dauerlösung werden. Das Vorhaben ist schon weit fortgeschritten, die öffentliche Auslegung der Pläne im Februar und März bereits abgeschlossen. Auf Nachfrage der Berliner Morgenpost teilte die zuständige Senatsbehörde mit, dass 77 Stellungnahmen von Bürgern eingegangen seien. Die Auswertung der Einwendungen sei noch nicht abgeschlossen.

Als nächste Schritte soll nun die Beschlussfassung des Senats und die Vorlage zur Zustimmung des Abgeordnetenhauses von Berlin erfolgen. „Das Band des Bundes wird damit „handstreichartig einfach beerdigt“, kritisiert Hans Stimmann, Berlins früherer Senats-Baudirektor, der das städtebauliche Zusammenwachsen nach dem Fall der Mauer leitete. Für Stimmann ist das Vorgehen der Senatsverwaltung nicht einfach nur ein singuläres Ärgernis – sondern beispielhaft für die Art, wie in Berlin Städtebau betrieben werde.

Herr Stimmann, brauchen wir wirklich ein Bürgerforum, es gibt doch auch andere Orte in der Stadt, wo Politik und Bürger miteinander ins Gespräch kommen können?

Hans Stimmann: Tatsächlich muss man sich nach mehr als 25 Jahren fragen, ob das damalige Konzept mehr als nur eine gut gemeinte politische Idee ist, Ost- und West sowie Regierende, Parlament und Volk in einem Forum zu verbinden. Als damaliges Jurymitglied war ich von der Idee begeistert, heute denke ich, es war gut gemeint, aber nicht realitätsnah.

Was genau stört Sie denn dann an der Straße, die ohnehin schon existiert?

Der Wettbewerb damals war ein nationales und internationales Ereignis, das kann man auch an der Zusammensetzung der Wettbewerbsjury ablesen. Die Spitzen der Bundes- und Landespolitik gehörten genauso zu den Juroren, wie namhafte Architekten aus acht Ländern. Wenn man ein Vierteljahrhundert später zu der Überzeugung kommt, dass das vorgesehene Bürgerforum, in dem Regierende und Regierte mit einander in Dialog treten können, nicht funktioniert, dann sollte man nicht einfach klammheimlich davon Abschied nehmen, sondern das öffentlich thematisieren. Einfach Asphalt darüber zu kippen, ist ein Tiefpunkt der Kultur städtebaulichen Planens.

Wieso klammheimlich? Der Bebauungsplan wurde doch öffentlich ausgelegt?

Reicht es wirklich aus, die Änderung des Bebauungsplans im Amtsblatt und mit einer Annonce in der Tagespresse anzukündigen? Ich finde nicht. Außer Planungsprofis versteht doch kein Mensch diese Ankündigungen. Und dann soll ich mich auch noch auf den Weg machen in die Württembergische Straße zur zuständigen Senatsverwaltung und mir da die Unterlagen zu dem Vorhaben anzuschauen. In diesem Fall sind das 53 Seiten auf denen bürokratisch abgearbeitet wird, wie sich das Projekt hinsichtlich Umwelt, Lärmbelastung, Verkehrsaufkommen und so weiter und so fort auswirkt. Wenn man Bürgerbeteiligung wirklich will, und das betonen der rot-rot-grüne Senat und vor allem die linke Bausenatorin Katrin Lompscher immer wieder, sollte man solche Unterlagen erst einmal so veröffentlichen, dass sie auch verstanden werden.

Was schlagen Sie also vor?

Man sollte es machen wie die großen Bauträger und das Projekt in farbigen Zeichnungen vorstellen, also mit sogenannten Visualisierungen arbeiten. Aber noch einmal zurück zu dem konkreten Fall Bürgerforum: Es geht ja hier nicht um irgendein Gewerbegebiet in Neukölln, sondern um das politische Zentrum des wiedervereinigten Deutschlands, den Ausschnitt Berlins, der in jeder zweiten Nachrichtensendung zu sehen ist, nämlich den Platz unmittelbar vor dem Bundeskanzleramt. Da reicht eine knappe Mitteilung im Amtsblatt eben einfach nicht.

Sondern?

Angemessen wäre ein großer Aufruf zu einem neuen Ideenwettbewerb, denn 25 Jahre später hat sich herausgestellt, dass das Band des Bundes nicht funktioniert, wie einst geplant. Die Menschen haben sich inzwischen das Brandenburger Tor, beziehungsweise den Pariser Platz und den Platz des 18. März als Orte gesucht, an dem sie der Regierung ihre Meinung sagen, demonstrieren. Aber auch die Regierung organisiert hier Feste für das Volk. Und Besucher aus dem Ausland versammeln sich ebenfalls dort oder auf dem Rasen vor dem Reichstagsgebäude, wenn sie ein Selfie von sich und dem Berliner Parlaments- und Regierungsviertel machen wollen. Das Bürgerforum – und Forum in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes bedeutet ja Hauptplatz – hat sich damit eigentlich erledigt und man sollte neu nachdenken, was an dieser Stelle machen will. Der Bebauungsplan ist ja damals mit Absicht offen geblieben, eben weil nicht klar war, wie es dort weitergehen soll.

Und wie sollte es nun weitergehen?

Wenn es so sein sollte, dass man sich beim Bund und beim Land von der Idee eines Bürgerforums verabschiedet hat, gehört doch wenigstens der Mut dazu, sich von den politischen Ideen des Jahres 1992 offen zu verabschieden und daraus auch städtebauliche Konsequenzen für das Band des Bundes zu ziehen. Der mit den Ansprüchen des Autoverkehrs begründete Bau einer Straße anstelle eines Forums ist ein erbärmlicher, für Berlin aber typischer Umgang mit großen städtebaulichen Ideen. Das kann man übrigens auch am Kulturforum sehen, wo Frau Staatsministerin Grütters einfach im Alleingang entschieden hat, dass da ein weiteres Museum hinkommt. Der Senat hätte gerne auch mal darüber nachdenken können, was an dieser Stelle eigentlich gut gewesen wäre, und dieses mit den Bürgern besprechen.

Vielleicht hatte der Senat eben keine Idee..

Die politische Spitze sollte doch eigentlich eine Idee davon haben, wie die Stadt gerade in ihrem Zentrum weitergebaut werden soll. Es darf doch nicht sein, dass Stadtplanung nur noch als ein stures Abarbeiten in den Amtsstuben erfolgt und die Verantwortlichen an der Spitze die Planungshoheit einfach an die unteren Ebenen durchreichen, oder den Weiterbau, wie beim Kulturforum, dem Bund überlassen, weil sie mit den Themen Wohnungsbau und Großstadtflughafen absorbiert sind.

Aber das sind nun mal die dringenden Probleme, die ja noch immer nicht gelöst sind.

Natürlich ist Wohnungsbau sehr wichtig, aber genauso wichtig ist es, dass die Symbolorte der Stadt mit der nötigen Ernsthaftigkeit behandelt werden, denn sie prägen immerhin das Bild unserer Stadt. Dass neue Symbolorte funktionieren können, erleben wir gerade an der Elbphilharmonie in Hamburg, wo sowohl die Hamburger als auch die Besucher der Stadt in Massen hinströmen. Aber irgendwie ist es bezeichnend, dass ein rot-rot-grün gefärbter Senat mit einem Bebauungsplan ausgerechnet eine Straße dauerhaft rechtlich sichern will und dabei gerne von Nachhaltigkeit redet, statt an dem für die Bundeshauptstadt Berlin so wichtigen Ort einen attraktiven öffentlichen Platz zu schaffen. Über den Namen ‚Platz der Republik‘ muss man ja nicht mehr streiten.

Der Bund hat ja auch ein Wörtchen mitzureden, oder?

Sowohl Bund und Land sollten noch einmal nachdenken, denn tatsächlich geht es hier ja um ein Bundesareal. Eine Grundsatzdebatte wäre wichtig. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller und Bundeskanzlerin Angela Merkel müssten das zu ihrer Sache machen. Die eigentlich gute Idee eines Bürgerforums ist ja auch deshalb nicht Wirklichkeit geworden, weil sich die Sicherheitsanforderungen nach dem 9. September 2001 so verschärft haben. Mein Credo ist: Erst einmal nachdenken, kritische Reflektion, aber bitte nicht nach dem Modell Kulturforum, wo jeder der Beteiligten auf Bundes- und Landesebene irgendwie herumbastelt und alles immer trostloser wird.

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