Berliner Spaziergang

Die wunderbare Paula Beer ist jung, frei und wandelbar

Unsere Reporter treffen Menschen, die etwas bewegen. Treffpunkt ist ihre Lieblingsecke. Diesmal: Schauspielerin Paula Beer.

Paula Beer auf dem Flackturm im Humboldthain

Paula Beer auf dem Flackturm im Humboldthain

Foto: Reto Klar

Es fühlt sich an wie ein Wunder, sie nun tatsächlich da stehen zu sehen. Wie sie in ihrem sattgrünen Trenchcoat, der um ihren schmalen Körper weht, auf der Bernauer Straße in der Sonne steht. Das Treffen mit Paula Beer hat ein Dreivierteljahr auf sich warten lassen. Drehen, Vorbereitungen, Sprachen lernen, Berlinale und zuletzt eine kleine Grippe. Jetzt ist da noch der Husten, aber der hält sie nicht davon ab, hoch zum Flakturm zu laufen.

Vor wenigen Tagen war die 23-Jährige noch als Jurorin in Cannes beim ersten Serienfestival, wo sie zwölf Serien am Stück geschaut hat. Was als Plot funktionieren kann, hat Beer kürzlich selbst gezeigt. In „Bad Banks“, der Miniserie, die auf der Berlinale gezeigt wurde und in der Arte-Mediathek zu sehen ist, spielt sie Jana Liekam, eine 25-jährige Bankerin.

Eine überraschende Rolle für sie, die doch von Kritikern als das Gesicht für Historienfilme gehandelt wurde, seit sie vor neuneinhalb Jahren in Chris Kraus’ Film „Poll“ mit solch einer Figur den Grundstein ihrer Karriere legte. Ihr fein geschnittenes, zeitloses Gesicht, der blasse Teint dann später in François Ozons „Frantz“ und aktuell in Christian Petzolds „Transit“ auf der Leinwand.

Und dann als hartgesottene Bankerin? Das hatte auch sie kurz irritiert, sagt Beer. Doch die Figur im Wahnsinn der Finanzwelt von heute – fatalistisch, knallhart – nimmt man ihr ab. „Dass der Regisseur Christian Schwochow so eine Vision für mich hatte, war wichtig.“ Varianz ist, was zählt.

Beer verdreht subtil die Augen, als es um ihre Außenwirkung geht, die nicht unbedingt als vielschichtig beschrieben wird. Die Reife, die Geheimnisvolle, heißt es überall. Weil es nur wenig Futter von ihr außerhalb des Arbeitskontextes gibt. Und in diesem brilliert sie jedes Mal, scheint dem Ganzen von der ersten Minute an gewachsen gewesen zu sein. Menschen wollen immer etwas eindeutig Definiertes in einem sehen, sagt sie nun. „Deshalb wird jede Person der Öffentlichkeit schnell ein Sinnbild für …“ Die Verrückte, die Partymaus, die Nachdenkliche, die Seriöse. Prominente als Projektionsfläche und Kritiker im Wahn des Schubladendenkens. „Es gibt wohl ein schlimmeres Image als meins.“ Sie sagt aber auch: „Ich bin nicht nur das oder das!“ Das wäre zu eindimensional gedacht.

Schon mit acht Jahren wusste sie, was sie will

Was man über sie weiß: In Mainz geboren, kam sie mit zwölf Jahren nach Berlin. Auf einer Montessori-Schule machte sie Abitur. Eine gute Schülerin war sie, sagt sie über sich. Beer wurde mit 13 Jahren auf dem Schulflur für „Poll“ entdeckt, obwohl sie an jenem Tag wegen vorgegaukelter Bauchschmerzen eigentlich zu Hause bleiben wollte. Beer – unverbraucht, intuitiv, fleißig – setzte sich gegen über 2000 andere durch. Schon mit acht Jahren, das erste Mal auf der Bühne, habe sie gewusst, dass sie genau das will: schauspielern. Auf einer Schule war sie trotzdem nie, hat einen Coach, mit dem sie unaufhörlich an sich feilt. Wobei man sich fragt, was da denn noch besser werden kann? Doch immer wieder sei da irgendwo ein Zweifel, sagt sie. Das Wissen einer Unwissenheit. Beer spielt nicht nur den Ehrgeiz als Bankerin. Sie lebt ihn in der Realität. Man kann sich vorstellen, dass ihn ihr manche als Verbissenheit auslegen.

Sie schnauft etwas beim Treppensteigen. Oben am Turm im Humboldt­hain wartet der Fotograf. Eine kräftige Duftnote Gras weht umher. Mit Kölschem Dialekt bemerkt sie es, führt ihre Hand in gespielter Kiffermanier zum Mund, als wäre da ein Joint zwischen ihren Fingern. Sie lacht.

Der Fotograf hat vier Kameras dabei. Er will die fotogene Beer doppelt und dreifach einfangen. Die Minuten vergehen, die Schauspielerin bleibt geduldig. Nun der typische Fotografensatz: „Noch ein Foto!“ Wieder lacht sie, weil sie weiß, dass das natürlich nicht das letzte sein wird.

Wer die junge Frau damals bei den Dreharbeiten in Estland für „Poll“ beobachten konnte, sieht nun eine deutlich ausgelassenere Person da auf der Mauer umherturnen. Selbstsicherer. In Tallinn sah man vor allem ihre Akribie, ihre übersteigerte Aufmerksamkeit für jedes Detail. Alles aufsaugen, Fokus! Das Mädchen machte auf Anschlussfehler aufmerksam wie ein Profi. Eine kleine Streberin im besten Sinne, ein charmanter Nerd. Beer schmunzelt, nickt bestätigend und sagt, dass sogar Chris Kraus ab und an von ihr genervt gewesen sei.

Beer war so wenig Kind während der Arbeit

Sie war 14 Jahre alt und ihr Blick so stark, dass er einen magisch anzog. Mit einem Augenaufschlag kann sie mehr transportieren als andere in zehn Sätzen. Beer war so wenig Kind während der Arbeit, dass man als Außenstehender irgendwo zwischen Faszination und Irritation am Set stand.

Man könne es niemandem verübeln, dass es oft heißt, sie sei weit für ihr Alter, sagt sie. „Ich arbeite eben schon seit zehn Jahren.“ Eigenverantwortung wie eine Erwachsene. Das prägt. Doch da ist auch die Frage: Wie ist man denn überhaupt in ihrem Alter, wenn man nicht Paula Beer ist? Wie charakterisiert sie die eigene Generation? Sie überlegt eine Weile. Auch das ist typisch: Mögliche Antworten zunächst durchdenken, bevor sie losprescht.

Das übermäßig starke Digitale in unserer Gesellschaft, sagt sie nun, verschiebe Werte und Positionen. Das Ergebnis häufig: viel Selbstdarstellung, wenig Qualität. Aber mit dem Internet entstehe auch Positives. Eine ständige Verbundenheit, die über sämtliche Grenzen hinweg möglich ist, öffnet uns füreinander.

Reflektiert und integer. So auch die Rollen, die Beer seit Beginn spielt. Und immer auch ein bisschen verrückt, ergänzt sie. Ob sie in echt auch ein bisschen verrückt ist? Man erwischt sich, wie man nach dem sucht, was eine Person aufregend zu machen scheint. Nach Abgründen, Kanten. Drogen? Alkohol? Exzesse? Kann durchaus sein, dass sie solche Anteile hat, nur weiß man nichts davon. Paula als Privatperson nämlich exponiert sich zu keinem Zeitpunkt. Sie erzählt höchstens, dass sie bei jedem Buch, das sie liest, die letzten Seiten auslässt, weil es sie deprimiert, wenn eine Geschichte vorbei ist. Und dass sie demnächst „Freiheit“ von Hannah Arendt lesen will.

Freiheit. Beer scheint sie zu leben. Jedenfalls ist sie befreiter als viele andere in ihrem Beruf, die sich die Dinge nicht aussuchen können wie sie. Und jene, die sich dazu entschieden haben, Fans tiefe Einblicke ins Private zu geben, sodass sie sich wohl nie wieder wirklich frei fühlen können.

Viele von denen produzieren sich in einer selbst gesteuerten Bilderflut. Auf Instagram zum Beispiel, das Tool ihrer Berufsgruppe, ihrer Altersklasse. Das ist nicht Paula Beer. Nie. „Meine Entscheidung war eine dagegen, auch um Zeit zu sparen, und jetzt muss ich trotzdem immer darüber reden.“ Sie lacht. Es sei schon irgendwie krass, dass sich Leute darüber wundern. Die erste Frage ist oft: Wie heißt du auf Instagram? Kopfschütteln.

Wie bleibt man standhaft in der Bilderflut?

Fotos von Fotoshootings, vom roten Teppich, Fotos vom Strand, von Partys. „Ich möchte halt nicht zu viele Gedanken auf etwas verschwenden, das bloß virtuell ist.“ Fremden für Likes einen supergesunden, aufregenden Lifestyle vorgaukeln? Wozu? Alles, was nicht vordergründig mit ihrer Arbeit zu tun hat, boykottiert sie. Ein stiller Boykott.

Außerdem ist es ja so, dass für eine gewisse Bilderflut ohnehin schon andere sorgen. Von vielen Prominenten hört man immer wieder, dass nur fünf Minuten nach Veröffentlichung eines Films, in dem eine Schauspielerin nackt zu sehen ist, auf sämtlichen Plattformen jeder Winkel des nackten Körpers zu sehen ist. Wenn das stimmt, verwundert es tatsächlich nicht, dass Beer diesen virtuellen Wust nicht noch freiwillig befeuern will. Viele behaupten trotzdem, diese Form der Öffentlichkeitsarbeit sei ein Muss. „Ich glaube nicht daran, dass die Followerzahl eines Schauspielers ein Garant für sein Können ist.“ Beer macht nur das, was sie will, und manchmal natürlich auch, was sie muss. Promotouren für aktuelle Filme zum Beispiel. Sie wolle jedenfalls nicht in eine Leier kommen – „je weniger man sich mitteilt, desto frischer ist man in dieser Welt doch“.

Das letzte Bild ist nun geschossen. Wir setzen uns auf eine Bank. Sonne – Vitamin D für das Immunsystem. Sie lässt den Blick schweifen und sagt, wie sehr sie die unzähligen Kieze Berlins mag. Das Maybachufer: tumultig und grün. Hier: ruhig und grün. Als hätten sie es gehört, setzen sich zwei aufgepumpte Jungs neben uns. Aus ihrem Handy plärrt aufdringliche Chartmusik. Provokation? Es fällt schwer, sich zu konzen­trieren. Beer ist es egal.

„Es läuft zu optimal, um mir Sorgen zu machen“

Zurück zu ihrer entschiedenen Unabhängigkeit, was eine zentrale Frage im Leben junger Menschen ist, ob berühmt oder nicht. Wie viel gebe ich preis, wie viel nicht? Wie viel muss ich zeigen, um interessant zu sein? Wer ihre Arbeit kennt, weiß, dass Beer auch ohne It-Girl-Inszenierung weit oben steht, dort in der obersten Liga angedockt hat, sodass ihr nichts mehr passieren kann. Wirklich nichts mehr? Es sei kein Geheimnis, dass Frauen eine gewisse Halbwertszeit haben. Ungerecht sei das, wenn einige irgendwann von den interessanten in die Mutter- oder die „Frau von“-Rollen rutschen. Angst? „Vielleicht bin ich naiv, aber momentan läuft es zu optimal, um mir Sorgen zu machen.“

Sie sieht den Kreislauf der Rollenvergabe gelassen: Was kommt, kommt, was nicht, kommt nicht. Das, was bei ihr bislang kam, waren jene Projekte, die nicht nur Unterhaltung, sondern vor allem Kunst sind, findet sie. „Da merkt man schon bei der Vorbereitung, dass es besonders wird: Alles drum herum ist entschleunigt, die reale Zeit spielt keine Rolle mehr.“ Dinge wachsen in eigenem Tempo. Raum zum Atmen.

„Für mich geht es im Spiel ausschließlich um Wahrheit“

Kunst muss man immer auch vor sich selbst rechtfertigen, sagt sie, ein kleines Dilemma. Genau deshalb könne sie keine Rolle bloß aus Geldgründen annehmen. Schauspieler, heißt es, seien große Lügner. „Ich denke, das bin ich nicht, für mich geht es im Spiel ausschließlich um Wahrheit, da könnte ich nicht so tun, als sei ich überzeugt.“

Nun folgt der einzige Satz, in dem ziemlich klar eine Abgrenzung mitschwingt. Man könnte ihn womöglich als arrogant interpretieren. Oder schlichtweg als Bestätigung ihrer Gewissenhaftigkeit. „Meine Arbeit ist mir zu wichtig, als irgendwann Dinge zu machen, hinter denen ich nicht stehe.“ Dann also lieber etwas ganz anderes machen? Der einzige Weg aus so einer Misere sei für sie, unabhängig davon zu bleiben.

Und da ist es wieder. Das, wodurch man Beer doch wohl am ehesten definieren könnte: das Freisein. Am Ende scheint sie allerhöchstens von sich selbst abhängig zu sein. Freiheit sei doch immer auch eine Entscheidung, sagt sie. Übrigens werde sie oft gefragt, was sie denn zwischen den Dreharbeiten mit ihrer Zeit anfangen würde. Langeweile kenne sie nicht, es gibt doch so viel zu tun! Schrank bauen, Spanisch lernen. Aktuell: die Suche nach einer Lampe. Und auf die begibt sie sich nun auch.

Zur Person

Leben Paula Beer wird am 1. Februar 1995 in Mainz als einziges Kind eines Künstlerpaars geboren. Mit zwölf Jahren zieht Beer mit ihnen nach Berlin, wo sie sich heute am ehesten zu Hause fühlt. Auf einer Montessori-Schule macht sie ihr Abitur und übt die Schauspielerei nun seit mehr als neun Jahren professionell aus.

Karriere Schon mit acht Jahren nimmt sie an einem Theaterkurs teil. Zwar hat sie großen Respekt vor der Bühne, das Spielen aber macht ihr so großen Spaß, dass sie sich schon da sicher ist, was sie später machen möchte. Weitere Schauspiel- und Tanzerfahrungen sammelt sie ab dem zwölften Lebensjahr mit dem Jugendensemble des Berliner Friedrichstadt-Palasts, dem sie für vier Jahre angehört. 14-jährig aus der Schule weggecastet, dreht sie ihren ersten Film mit dem Regisseur Chris Kraus. Aktuell ist sie als die junge Bankerin Jana Liekam in der Miniserie „Bad Banks“ zu sehen sowie als Marie Weidel in dem Kinofilm „Transit“. Wenn sie nicht dreht, spricht sie unter anderem auch Hörspiele ein.

Der Spaziergang Treffpunkt U-Bahnhof Voltastraße, Richtung Volkspark Humboldthain die Brunnenstraße entlang, quer durch den Park, hoch zum Flakturm, Fotos dort oben und Gespräch auf einer Bank mit Blick auf den Turm.

Diese Woche im Berlin-Podcast "Molle und Korn": Emina Benalia und Sebastian Geisler laden ein zum akustischen Streifzug über die re:publica 2018 – geleitet von einer Frage: Wie wird man eigentlich erfolgreicher Podcaster? Das weiß William Cohn zwar nicht, macht Emina aber sympathisch Komplimente. Die Audioexperten Daniel Fiene („Was mit Medien“, Deutschlandfunk), Tim Thaler (BLN.FM) und Holger Klein („Wrint“, RBB) haben da allerdings ein paar Tipps.

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