Einzigartige Insel

Auf der Pfaueninsel leben 40 Berliner wie auf dem Dorf

Die Pfaueninsel im Südwesten Berlins ist dauerhaft bewohnt. Das Eiland ist ein Traum, hat aber auch ein paar Nachteile. Ein Besuch.

Artist Robert Choinka übt auf einem Steg an der Havel. „So ein Leben wie hier finde ich nirgendwo“, sagt der 34-Jährige.

Artist Robert Choinka übt auf einem Steg an der Havel. „So ein Leben wie hier finde ich nirgendwo“, sagt der 34-Jährige.

Foto: Anikka Bauer

Nach fünf Minuten ist Schluss mit Entspannung. Ein Pfau, der im morgendlich kühlen Rosengarten eben noch mit ausgebreitetem Federkleid posiert hatte, geht mit gerecktem Hals auf unsere Fotografin los. „Der will zeigen, wer hier Chef ist“, sagt Jan Uhlig, Manager bei der örtlichen Gartenabteilung – und es klingt ein bisschen wie: „Der will nur spielen.“ Es ist wohl nicht alles so, wie man es erwartet auf dem 67 Hektar-Eiland im Südwesten der Stadt. Nächtliche Fuchsangriffe, ausgerissene Pfauenfedern und eine übersinnliche Verschmelzung mit der Natur – wer sich unter den gut 40 Bewohnern der Pfaueninsel umhört, erfährt von einem Leben, das in Berlin einzigartig ist.

Auf dem Weg zur Fähre waren wir am Waldesrand einer resolut ausschreitenden Frau um die 50 mit rotem Haar, Ledermantel und Leinenbeutel begegnet. Als sei es in Großstädten selbst­verständlich, grüßt sie. Auf der Insel wird sie uns als Verkäuferin im Souvenirshop wiederbegegnen. Bei ihr gibt es teure Andenken, Eis und einen Aushang, der einen Sicherheitsabstand zu den Pfauen anmahnt.

Vor der Tür tönt Swingmusik der 40er-Jahre aus einem Lieferwagen, dessen Fahrer Limonade auslädt. Wenn nun noch eine kleine bullige Seniorin hinzuträte, die zwischen Tee-Nachmittagen mit den Rosengärtnern knifflige Kriminalfälle löst, würde das nicht weiter wundern: Die Pfaueninsel wirkt mit ihren exzentrischen Regeln – keine Fahrräder, Rauchen verboten, Lautsprecher verboten und eher vage Ablegezeiten zum Festland – wie ein englisches Dorf aus dem Agatha-Christie-Roman.

„Wir leben wie in einem kleinen Dorf“

Marita Müller wohnt dort seit neun Jahren. Das Kavalierhaus in der Insel-Mitte hat vier Wohnungen, einen Gemeinschaftsgarten, „eine einfache Ausstattung wie vor 30 Jahren“, sagt Müller, die gerade Besucher durch das Schloss geführt hat. Die meisten Insulaner sind wie sie Mitarbeiter der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten. Deren Appartements sind, das betont man dort eilig, für jedermann ausgeschrieben. „Ich wohne in einem Museum“, sagt Müller, die ihr Alter nicht nennen mag, und schmunzelt. Tatsächlich steht das Kavalierhaus seit 1804, umgebaut 1824 nach Plänen von Baumeister Karl Friedrich Schinkel. So verwunschen wirkt es, dass der Edgar-Wallace-Schocker „Neues vom Hexer“ darin gedreht wurde.

Auch Marita Müller empfand die erste Zeit auf der Insel als gruselig. „Ich hatte kein Auto und um zur Fähre zu kommen, musste ich von der Wannseer Königstraße mit dem Rad durch den Wald fahren. Da sind Wildschweine das Problem.“ Zudem wurden Selbstverständlichkeiten wie ein Supermarkt-Einkauf zur logistischen Herausforderung. „Also haben mir Nachbarn vieles mitgebracht.“ Das sei eine schöne Erfahrung gewesen. „Der Zusammenhalt ist gut auf der Pfaueninsel – wir leben wie in einem kleinen Dorf.“

Die Welt da draußen auf der Insel ist pure Natur

Ihre Zwei-Zimmer-Wohnung schmücken Möbel aus dem 18. Jahrhundert. Besonders im Winter, „wenn es die Insel verschneit“, gibt sie gern Gesellschaften. Freunde und Gäste tragen dann historische Garderobe und im Schein des Kerzenlichts serviert Müller Gerichte nach Art vergangener Jahrhunderte. Die Welt außerhalb ihres Appartements kann sie weniger leicht kontrollieren. „Das ist pure Natur: Spinnen, Mücken, Zecken. Nach jedem Gartengang duscht man und schaut: Ist da was am Körper?“ Was sich nicht mit Händen oder Pinzetten greifen lässt, wiege dennoch alles auf. „Die Insel hat Magie“, sagt Müller.

Bei Führungen über die verzweigten Wege weist sie Besucher darauf hin: „Alte Eichen, die im Schatten wirken wie riesige Bären, Fledermäuse auf Abendflug über die Havel – und wer sich einmal im Schloss befand, während draußen ein Sturm wütete, der erlebt, wie das ganze Gebäude wackelt und wie hier alles lebendig ist.“ Wenn Regen kommt, könne sie das vorher spüren.

Im Norden der Insel steht Robert Choinka auf dem Steg an seinem Haus. Die Füße in der Luft, das ganze Gewicht des muskulösen Körpers auf der rechten Hand. Mit der Nummer und ähnlichen Kapriolen tritt er international in Varietés auf, an diesem Abend geht es nach Basel. „Wenn das Wetter schön ist und das Wasser nicht zu kalt“, sagt der 34-Jährige, „lasse mich am Ende des Trainings vom Handstand aus einfach in den Fluss fallen.“

Derlei Luxus und eine ländliche Ruhe bei nur 45 Minuten bis zur Innenstadt hätten ihn immer davon abgehalten, sich nach einem anderen Domizil umzusehen. Keine Schattenseiten? „Eine Internetverbindung, die höchstens für E-Mails reicht“, sagt er wehmütig. Und Eis auf der Havel, das ihm schon mehrmals den Weg zum Festland abschnitt, ausgerechnet, als er zu einem Engagement musste. Jan Uhlig, Fachbereichsleiter Pfaueninsel, hatte uns bei seiner morgendlichen Führung erzählt, dass dann Füchse übers Gefrorene kommen und Pfauen reißen.

„So ein Leben wie hier finde ich nirgendwo“

Neulich hat Choinka gesehen, wie ein Inselbewohner mit dem Auto einem Pfau trotz des vorgeschriebenen Schritttempos mehrere Federn abfuhr. Er wohnt im ehemaligen Stall. Noch immer werden in einem angrenzenden Raum des tonfarbenen, lang gezogenen Gebäudes Ponys und ein Rheinländisches Kaltblut versorgt. Oft schauen ihm Touristen ins Fenster, „mancher fragt, ob er bei mir mal auf die Toilette darf“, sagt Choinka.

Mit vier Geschwistern, Vater und Mutter – sie ist Stiftungsmitarbeiterin – zog er 2004 auf die Insel. „Es fühlt sich an, als sei ich hier aufgewachsen“, sagt er. Dass er anfangs täglich anderthalb Stunden zur Staatlichen Artistenschule in Prenzlauer Berg fuhr – „abends vorsichtig vorbei an Wildschwein-Rotten, die den Waldweg versperrten“ – habe ihn nie gestört. „WM-Übertragungen mit Freunden im Garten, Hinauspaddeln auf die Havel mit dem Surfbrett oder mit Schlittschuhen im Winter. So ein Leben wie hier finde ich nirgendwo“, sagt Choinka. Dann muss er los. Zum Auftritt, zum Flieger in die Schweiz. Und wer weiß, wann die nächste Fähre geht.

Mehr zum Thema:

Extremer Besucherrückgang auf der Pfaueninsel

400 Millionen für die Rettung des Preußenerbes

So können Sie Berlin vom Wasser aus erkunden

Diese Woche im Berlin-Podcast "Molle und Korn": Emina Benalia und Sebastian Geisler laden ein zum akustischen Streifzug über die re:publica 2018 – geleitet von einer Frage: Wie wird man eigentlich erfolgreicher Podcaster? Das weiß William Cohn zwar nicht, macht Emina aber sympathisch Komplimente. Die Audioexperten Daniel Fiene („Was mit Medien“, Deutschlandfunk), Tim Thaler (BLN.FM) und Holger Klein („Wrint“, RBB) haben da allerdings ein paar Tipps.

Gelangen Sie hier direkt zum Podcast bei Soundcloud

Gelangen Sie hier direkt zum Podcast bei Deezer

Hier direkt zum Podcast bei iTunes:

"Molle und Korn" gibt es jetzt auch bei Facebook.