Neue Broschüre

"Schreiben nach Gehör": Lehrer wehren sich gegen Kritik

Der Grundschulverband wehrt sich in einer Broschüre gegen Kritik an den Bildungsreformen - mit wenig Überzeugungskraft.

Rechnen, schreiben, lesen: Ob Grundschüler das heute noch ausreichend lernen oder die Bildungsreformen in die falsche Richtung gingen, ist hoch umstritten

Rechnen, schreiben, lesen: Ob Grundschüler das heute noch ausreichend lernen oder die Bildungsreformen in die falsche Richtung gingen, ist hoch umstritten

Foto: BraunS / iStockphoto

Berlin. Ein Trauma definiert man als „starke seelische Erschütterung“. Und offenbar haben die Grundschuljahre einiger Kinder manches Elternteil traumatisiert zurückgelassen. Unter ihnen befinden sich natürlich auch Journalisten, Lokalpolitiker oder sonstige „Influencer“, wie es im heutigen Denglisch heißt. Die Folge? Titelseiten mit grauenhafter Orthografie: „Die Rechtschreip Katerstrofe“, „Fata und Muta“ oder „Darum lärn unsre Kinda Nicht mer richtich Schreibn!“. Klar, hier ging es um den Aufreger „Schreiben nach Gehör“, eine Methode, deren Abschaffung in Berliner Grundschulen zuletzt die hiesige FDP forderte. Am Pranger stehen: die Grundschullehrer.

Nun schlägt der Grundschulverband mit einer Broschüre zurück: „Populäre Vorurteile und ihre Widerlegung“ heißt der Titel in der Reihe „Faktencheck Grundschule“. Der Tenor: „Uns reicht es!“ Oder auch: Jetzt reden wir! Jeder Opa, jede Oma, jedes Elternteil, jeder Politiker und Journalist schwinge sich zum Schulexperten auf, die ganze Klaviatur der Empörung werde hoch und runter gespielt, Stammtischparolen würden ständig wiederholt, ohne Kenntnis von Fakten und Forschung. Die größten Kontroversen, die auch in der Broschüre eine Rolle spielen: Ende des Frontalunterrichts, weniger Benotung, Schreiben nach Gehör, schlechtes nationales Abschneiden in Leistungstest, jahrgangsübergreifendes Lernen (JüL), Grundschrift. Jedes einzelne Thema reicht, um ein gemütliches Abendessen unter Freunden zu sprengen.

"Eltern sind keine Bildungsprofis, sondern lediglich Laien"

„Sumpfblüten“ und „Plattitüden“, heißt es nun vom Grundschulverband in der Broschüre. „Problematisch ist die Verallgemeinerung (zufallsbedingter) persönlicher Erfahrungen.“ Eltern seien keine Bildungsprofis, sondern lediglich Laien, die Lehrer sind die Experten, klar, und dieses Klima des Misstrauens untergrabe deren Autorität. Nun gut: „Über Methoden kann man streiten“, das schreibt auch der Verband. Doch für eine konstruktive Debatte müsse man erstmal die Fakten kennen, die bildeten „die Grundlage“.

Und so arbeitet sich die Broschüre Kapitel für Kapitel an den populären Vorwürfen ab. Und versucht, sie zu widerlegen. Was am Ende in deren Worten folgendermaßen auf den Punkt gebracht werden kann: Benotung bringt keine Leistungssteigerung. Hausaufgaben helfen nur den Mittelstandskindern, die im Kinderzimmer einen Schreibtisch und im Rücken ein ansprechbares Elternteil haben. Frontalunterricht ist unfair, weil es den Schüler nicht individuell dort abholt, wo er steht. Das Lamento, dass die Schüler immer schlechter werden, gab es schon im 19. Jahrhundert. Schreiben lernt man am besten übers Hören. Inklusion ist ein Menschenrecht. JüL macht alles leichter. Und es geht nichts über die Grundschrift – wer zur Hölle behauptet denn, Schreibschrift sei ein nationales Kulturgut?

Tenor der Broschüre: Reformen waren richtig und erfolgreich

Wer ein Für und Wider erwartet, ein Ringen um Argumente, der ist bei dieser Broschüre falsch. Alle Fakten weisen hier in eine Richtung und die lautet – ganz schlicht: Was wir in den letzten Jahren verändert haben, war richtig und hat die Grundschulwelt zu einem schöneren Ort gemacht. Der Tenor: Jedes Kind ist anders, jedes Kind lernt individuell schnell oder langsam, jedes Kind muss bei seinen eigenen Erfahrungen abgeholt werden. Alles ist offen, alles wird miteinander besprochen und immer neu verhandelt. Zwischen Lehrer und Schüler, zwischen den Mitschülern, zwischen Eltern und Lehrern. Wie ein riesiger Gesprächskreis.

Ach, es könnte alles so schön sein, käme doch nicht ständig die Realität dazwischen. Denn die häufige Wahrheit, zumindest in Berlin, ist: Für viele Teilungsstunden fehlen die Lehrer. Sozialpädagogen an den Schulen werden händeringend gesucht, um Inklusion überhaupt möglich zu machen. Quereinsteiger ohne pädagogische Vorerfahrung sollen es zunehmend richten. Sogar an einer Grundschule wurde schon Wachsschutz eingesetzt, um die Lage in den Griff zu bekommen – auch unter Schülern.

Vorwurf des Verbands fällt auch auf ihn selbst zurück

Arbeitgeber lamentieren, dass ihre Lehrlinge nicht mehr schreiben, lesen und rechnen könnten. Es fehlen elementare Kenntnisse, die teilweise aus der Grundschulzeit stammen sollten. Vielen Grundschulen in der Stadt fehlt die Leitung, weil keiner mehr die Luft dafür hat. Immer mehr Kinder besuchen die Schule, die anfangs kein oder kaum ein Verhältnis zum Deutschen haben, geschweige denn zu den Lauten der Sprache – schwierig, wenn man auf die Anlauttabelle setzt. Und womöglich mögen jüngere Kinder anfangs Klassen ganz gerne, weil es so ein überschaubarer sozialer Raum ist. Wer weiß?

Aber halt, wie steht es denn mit den Fakten? Auch da lässt einen die Broschüre eher ratlos zurück. „Testergebnisse sind interpretationsbedürftig“ – so wie Pisa oder Vera –, einige Studien sind „wenig aussagekräftig“, besonders wenn die Befunde „widersprüchlich“ sind (also nicht im Sinne des Grundschulverbands), „harte Zahlen sprechen nicht für sich“ und das mit den „Allgemeinurteilen“ sei eh schwierig. Ist ja alles, bitte nicht vergessen, sehr individuell. Anfangs heißt es etwas vorwurfsvoll an die reformmüden Gegner, die keine Lust mehr haben, dass an den Kindern ständig neue Experimente durchgeführt werden: „Forschung wird selektiv wahrgenommen oder gar instrumentalisiert, indem man einzelne Studien herauspickt, deren Ergebnisse in das eigene Argumentationsmuster passen.“ Es wäre schön gewesen, der Grundschulverband hätte diesen Vorwurf ernster genommen und sich auch an die eigene Nase gefasst. Womöglich wäre die Faktencheck-Broschüre dann überzeugender geworden.

Faktencheck Grundschule: Populäre Vorurteile und ihre Widerlegung, 26 Seiten, fünf Euro. Zu bestellen unter: grundschulverband.de/produkt/broschuere-faktencheck

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