Hohle Versprechungen

So bitter hat die Lufthansa Berlin enttäuscht

Die Kranich-Airline fliegt von Berlin nur noch ihre Drehkreuze Frankfurt und München an. Europas Hauptstädte bedienen andere Airlines.

Eine Lufthansa-Maschine am Flughafen Tegel

Eine Lufthansa-Maschine am Flughafen Tegel

Foto: Britta Pedersen / dpa

Berlin. Als die bankrotte Fluggesellschaft Air Berlin zerlegt wurde, präsentierte sich die Lufthansa (LH) als Retterin in der Not für den angeschlagenen Berliner Luftverkehr. Berlin sei der dynamischste Luftverkehrsmarkt in Europa, sagte Konzernchef Carsten Spohr im Oktober 2017 im Capital Club Berliner Wirtschaftsvertretern. Da werde man „nicht so blöd sein, das zu verpennen“.

Mit der Übernahme von Teilen der Air Berlin werde die frühere deutsche Staats-Airline wieder an den Ort zurückkehren, an dem sie 1926 gegründet worden war. „Die Lufthansa wird wieder zum Heimatcarrier von Berlin“, sagte Spohr nicht ohne Pathos. „Es gibt ein klares Commitment der Lufthansa, die durch das Aus von Air Berlin gerissenen Lücken im Flugplan zu besetzen.“

Ein halbes Jahr später zweifeln viele in Berlin an den Zusagen der Frankfurter. „Die geben sich hier in Berlin irgendwie auf“, kommentiert Hans-Hennig Romberg, einst LH-Manager und vor Jahren auch Chef der Berliner Flughafengesellschaft das Verhalten seines früheren Arbeitgebers.

Der „Heimatcarrier“ ist mit seiner Hauptmarke in der Hauptstadt nur noch mit zwei Strecken präsent: Fast im Halbstundentakt geht es von Tegel nach München (16-mal am Tag) und Frankfurt am Main (22-mal am Tag). Grundsätzlich fliege die Lufthansa mit ihrer Kernmarke nur noch ihre Drehkreuze an, so ein Konzernsprecher.

Eurowings steht für zwei Drittel des Engagements

Andere Strecken des Konzerns bedient die mit 20 Jets aus der Air-Berlin-Konkursmasse aufgepäppelte Billig-Tochter Eurowings, die inzwischen für zwei Drittel des Konzern-Engagements in Berlin steht. Durch die Teilübernahme schraubte Eurowings in Tegel sein Sitzplatzangebot im Sommer zwar um 50 Prozent nach oben im Vergleich zum Winter 2017/18. Neue Strecken sind Karlsruhe/Baden-Baden, Salzburg, Newquay in England, die Kanalinsel Jersey und Lamezia Terme in Süditalien. Aber weil die Lufthansa nicht wie gewünscht zum Zuge kam bei der Ausschlachtung von Air Berlin und etwa der Ferienflieger Niki nun indirekt an Ryanair fällt, ist die Präsenz des LH-Konzerns kleiner als zunächst erwartet.

Das Gros der zusätzlichen Kapazitäten von Eurowings entfällt auf innerdeutsche Flüge etwa nach Stuttgart, Köln und zum Drehkreuz Düsseldorf. Auch für die alte Air-Berlin-Strecke nach Palma de Mallorca gibt es mehr Flüge. Insgesamt habe die Lufthansa als Konzern noch nie so ein großes Streckennetz von Berlin angeboten, heißt es.

In Berlin hat man aber auch registriert, dass die Werbung Eurowings eher bescheiden ausgefallen ist im Vergleich zu der umfangreichen PR-Kampagne, mit der die Briten von Easyjet ihren Start in Tegel feierten und sich eher als „die Airline“ in der Hauptstadt positionieren. Die Briten wollen bis Ende der Sommersaison 25 Jets auf dem City-Airport stationiert haben.

Flüge in europäische Hauptstädte sucht man vergebens

Aus einem gerade für Geschäftsreisende wesentlichen Segment hat sich die Lufthansa de facto zurückgezogen. Direktflüge von Berlin in wichtige europäische Hauptstädte sucht der Kunde vergebens. Allein die früheren National-Fluggesellschaften Swiss, Austrian und Brussels fliegen als LH-Töchter Zürich, Wien und Brüssel an. Wer aber von Berlin nach Paris möchte, muss Eurowings fliegen und dazu noch in Düsseldorf umsteigen. Auch Madrid, Warschau, Amsterdam, Rom oder Athen sind selbst mit der Billigmarke des „Heimatcarriers“ nicht mehr direkt von der deutschen Hauptstadt aus zu erreichen. „Die Lufthansa hat auf diesen Strecken gegen Easyjet und Ryanair keine Chance“, sagt Luftfahrtexperte Romberg. Die Billigflieger hätten niedrige Kosten und schafften es, schon eine halbe Stunde nach der Landung wieder abzuheben.

Nur London-Heathrow bietet die Lufthansa-Tochter noch direkt an, als weitere europäische Metropolen fliegt die Airline daneben Barcelona und Zagreb an.

Verbindung nach New York wurde eingestellt

Auch die in Aussicht gestellten Langstreckenverbindungen von und nach Berlin hat Lufthansa zu den Akten gelegt. Spohr hatte im Oktober noch gesagt, man sei im Gespräch, ein zweites Langstreckenflugzeug in Tegel zu stationieren, mehr ließen sich dort nicht sinnvoll betreiben. Sein Vorstandskollege Harry Hohmeister sagte im Morgenpost-Interview: „Wir denken über neue interkontinentale Verbindungen nach. Das hat es ja auch lange nicht gegeben in Berlin.“ Inzwischen sind die großen Jets der Lufthansa komplett aus Tegel (TXL) verschwunden, von stationierten Maschinen ist keine Rede mehr. Die von Air Berlin übernommene Verbindung nach New York wurde an die Billig-Tochter Eurowings gegeben, die den Flug dann einstellte. Die Maschinen seien halb leer geblieben, hieß es.

Experten waren nicht überrascht, dass die Strecke nicht funktionierte. Denn es sei sehr unüblich, eine solche Verbindung im Winter aufzunehmen. Zudem seien die längerfristigen Buchungen der Air-Berlin-Kunden für Big Apple ersatzlos weggefallen. Die Lufthansa hatte kein Interesse, auch diesen Teil des Air-Berlin-Geschäfts zu übernehmen und Passagiere gegebenenfalls entschädigen zu müssen. Als Eurowings dann nicht die gewünschten Slots bekam, um gegen Mittag in New York landen zu können, strich Eurowings-Chef und Lufthansa-Vorstand Thorsten Dirks New York.

Das war wenige Tage bevor Dirks Mitte März bei einem Wirtschaftstreffen am bayerischen Tegernsee die Prognose abgab, dass der neue Flughafen BER wohl nie in Betrieb gehen werde und abgerissen werden müsse. Diese Aussage entspreche nicht der Haltung des Konzerns, sagte zwar LH-Chef Spohr. Dennoch wird die Spitze in Berlin als bewusst gesetzt gewertet. „Investiert lieber bei uns in Frankfurt oder München und nicht im eher unsicheren Berlin“, sei die wahre Botschaft an die Branche gewesen, heißt es. Ex-Lufthanseat Romberg, als Pensionär frei von Rücksichtnahmen, fasst es kurz zusammen: „Die Lufthansa hatte nie Interesse an Berlin.“ Denn sie wolle ihr Geschäft an den bestehenden Drehkreuzen nicht schwächen.

Als dann auch noch der aus Bayern stammende Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) davor warnte, ohne einen Weiterbetrieb des TXL drohe die Hauptstadt 2019 ganz ohne Flughafen dazustehen, verdichtete sich in der Landespolitik der Eindruck einer konzertierten Aktion gegen Berlin – und zugunsten etwa des Flughafens München.

Bis zum Jahr 2020 ist der Berliner Markt verteilt

Im Berliner Senat ist man immer noch empört über den neuen Verkehrsminsiter , der als Vertreter der Bundesrepublik als Mitgesellschafter der Flughafengesellschaft Berlin-Brandenburg agiert. Völlig unabhängig davon, wie man zum vom Volksentscheid geforderten Weiterbetrieb Tegels steht, war nie die Rede davon, den innerstädtischen Airport 2019 zu schließen. Allenfalls im Herbst 2020, wenn der BER nach den Plänen des Flughafenchefs Engelbert Lütke Daldrup endlich öffnen soll, könnte Tegel aufgegeben werden. Falls es nicht klappt, bleibt TXL in Betrieb.

Die Lufthansa hatte sich offiziell immer für das Konzept eines „Single-Airports“ in Berlin ausgesprochen und damit die Politik des Senats unterstützt. Nur die Konzentration des Verkehrs an einem Standort ermögliche die gewünschten Interkontinentalverbindungen. In dieser Richtung hatte sich auch Spohr persönlich im Oktober geäußert. Dass aber die Lufthansa nach einem Start des BER 2020 ihr Engagement in Berlin wieder hochfahren könnte, glaubt man in der Landespolitik eher nicht. Der Berliner Markt sei bis dahin verteilt. Der Flughafenchef und Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) werben derzeit in China um asiatische Airlines für Langstreckenverbindungen mit Berlin.

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