Rudi Dutschke ist Luckenwaldes berühmtester Strickpullover

Rudi Dutschke wuchs in der Kreisstadt Luckenwalde auf. Bis heute tut sich seine Heimatstadt schwer, den Studentenführer zu würdigen.

Studentenführer Rudi Dutschke

Studentenführer Rudi Dutschke

Foto: dpa Picture-Alliance / Joachim Barfknecht / picture alliance / dpa

Deutschlands berühmtester Pullover hängt gleich am Eingang des Heimatmuseums Luckenwalde hinter einer Glasscheibe. Er sieht sehr klein und vor allem kurz aus und es fallen die merkwürdigen Blautöne auf, in denen er gestrickt ist. Es ist der Lieblingspullover Rudi Dutschkes, den er auf zahlreichen Demonstrationen und auch beim legendären Interview mit Günter Gaus im Fernsehen trug.

„Eines Tages kam Rudis Bruder Helmut mit zwei Plastiktüten zu mir und sagte: Was du davon haben willst, kannst du haben“, sagt Roman Schmidt, der das Heimatmuseum seit 1993 leitet. Natürlich nahm er alles – auch die Promotionsurkunde mit der Auszeichnung „magna cum laude“, Rudis alten West-Berliner „Perso“ und die braune Lederjacke.

Aber kein Exponat fesselt die Besucher so wie der Ringel-Pulli. Es gab schon einen Nachstrick-Wettbewerb, die „Taz“ veröffentlichte eine Strickanleitung und das ZDF schickte Experten für eine Farbanalyse. „Manche Alt-68er kommen nur wegen des Pullovers ins Museum und erstarren ehrfürchtig davor“, sagt Museumsleiter Schmidt mit einem Lachen und verrät ein Geheimnis: Die Mutter seiner späteren Ehefrau Gretchen hatte den Pullover eigentlich für ihre Tochter gestrickt, Rudi gefiel er aber derart gut, dass er ihn trug.

Dutschkes Neffe: „Es gab viele Missverständnisse“

Roman Schmidt kann viele dieser Anekdoten über Luckenwaldes berühmtesten Sohn erzählen. Dabei tut sich die Stadt bis heute schwer, Dutschke angemessen zu würdigen. Das bekam Schmidt auch am eigenen Leib zu spüren. In den 90er-Jahren stellte er zusammen mit Schülern des Friedrich-Gymnasiums eine Ausstellung zusammen – die erste Dutschke-Ausstellung in den neuen Bundesländern, wie er betont. Die Ausstellung erhielt später eine Auszeichnung und wurde als Wanderausstellung in 32 Städten gezeigt. Danach wollte Schmidt sie der Schule überlassen – doch die lehnte zur Verwunderung des Museumschefs ab.

„Es gab viele Missverständnisse“, weiß auch Torsten Dutschke. Der Neffe des Studentenführers ist Stadtplaner in Luckenwalde und organisiert gerade die Restaurierung der Altstadt. Auch das Anbringen einer Gedenktafel an der Schule lehnte die Direktion später ab. Das erzürnte den damaligen Bürgermeister so sehr, dass er auf öffentlicher Straße, einen Meter vor der Schule und direkt neben dem Eingang, eine Tafel anbringen ließ, die bis heute an Rudi Dutschke erinnert. „Irgendwann“, so hofft Torsten Dutschke, „wird sich das Verhältnis normalisieren.“

Zu Schulzeiten stellte sich Dutschke gegen die Wiederbewaffnung der DDR

Dabei ist das Friedrich-Gymnasium in Luckenwalde vielleicht der Ort, an dem die Weichen für den späteren Lebensweg Dutschkes entscheidend gestellt wurden. 1957 hielt Rudi in der Aula eine bemerkenswerte Rede, die sich gegen die Wiederbewaffnung der DDR richtete. Er kündigte an, den Wehrdienst zu verweigern und rief seine Mitschüler dazu auf, es ihm gleich zu tun.

Daraufhin setzte die Schulleitung Dutschkes Abiturergebnis um eine Note nach unten – sodass er nicht zum Studium zugelassen wurde. Stattdessen sollte sich der junge Rebell in der Produktion bewähren und eine Ausbildung zum Werkzeugmacher absolvieren. Als er danach auch nicht studieren durfte, war der Bruch mit der DDR vollzogen. Wenige Tage vor dem Bau der Mauer am 13. August 1961 fuhr sein Bruder Helmut ihn mit dem Auto nach West-Berlin.

Dabei deutete zunächst überhaupt nichts daraufhin, dass Rudi Dutschke zur zentralen Figur der Studentenproteste aufsteigen würde. Er wurde am 7. März 1940 als jüngster von insgesamt vier Brüdern in Schönefeld bei Luckenwalde geboren. Der Vater war zunächst Soldat im Krieg, bis 1947 in Kriegsgefangenschaft und arbeitete danach wieder als Postbeamter. „Das Elternhaus war immer schon politisch zurückhaltend“, sagt Torsten Dutschke. „Die Mutter hat die vier Brüder autoritär erzogen, mit klar christlicher Grundhaltung, aber auch mit dem nötigen Blick für die realpolitische Situation.“ Um sich seinen beruflichen Lebensweg nicht zu verbauen, trat Rudi in die FDJ ein.

Dutschke wollte unbedingt Sportreporter werden

Seine große Leidenschaft galt aber dem Sport. Er spielte Fußball und war begeisterter Zehnkämpfer. Noch heute gilt sein Schulrekord von 3,80 Meter im Stabhochsprung. Folgerichtig entstand der Berufswunsch: Er wollte unbedingt Sportreporter werden, wie sein Vorbild, die DDR-Sportreporter-Legende Heinz Florian Oertel. Doch die Weigerung, ihn studieren zu lassen, beendete die Pläne.

Vielleicht, vermutet Torsten Dutschke, tut sich Luckenwalde mit der Würdigung so schwer, weil die 68er in der DDR kaum wahrgenommen wurden. „Hier richteten sich die Blicke vielmehr auf den Prager Frühling“, sagt der Neffe. Die 68er waren den Ostdeutschen eher suspekt, wegen ihres schrillen Auftretens, ihrem ungeklärten Verhältnis zum Terror der RAF, und weil sie die Nöte der DDR-Gesellschaft ignorierten.

„Er war ein cooler Hund“

Auch nach seiner Übersiedlung blieb Rudi Dutschke mit der Familie in Kontakt. Obwohl er als „Republikflüchtling“ galt, durfte er 1967 zum ersten Mal zur Beerdigung der Mutter nach Luckenwalde zurückkehren. Nach dem Attentat besuchte er seine Heimatstadt ab 1971 regelmäßig. „Er war ein cooler Hund“, sagt sein Neffe heute. „Man konnte richtig viel Spaß mit ihm haben.“ Sein Onkel habe eine ungeheure Dynamik ausgestrahlt, erinnert sich Torsten Dutschke. Auch wenn er stark unter den Folgen des Attentats litt, offenbar vielmehr, als er seine Familienangehörigen wissen ließ.

Von Rudis plötzlichem Tod am 24. Dezember 1979 erfuhr die Familie einen Tag später durch einen Anruf. Zur Trauerfeier durften Rudis drei Brüder nach West-Berlin reisen. „Er hat einen ungeheuerlichen Mut gehabt, sich da hinzustellen, wo Veränderungen stattfinden: in die erste Reihe“, sagt Torsten Dutschke im Rückblick. „Das hat er am Ende mit dem Leben bezahlt.“ Der Neffe ist zuversichtlich, dass auch Luckenwalde am Ende erkennen wird, dass Dutschke ein Produkt der deutschen Teilung war und damit genauso ein Teil der ostdeutschen Geschichte ist. Er habe für eine bessere Welt gekämpft. „Rudi war ein Romantiker“, sagt Torsten Dutschke noch zum Abschied.

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