Prostitution in Berlin

Mitte erwägt „Verrichtungsboxen“ an der Kurfürstenstraße

Laut einer Umfrage des Bezirks fühlen sich Anwohner an der Kurfürstenstraße von Prostituierten, aber auch von Müll und Lärm belästigt.

An der Kurfürstenstraße könnten "Verrichtungsboxen" den offenen Sex von Prostituierten und Freiern zurückdrängen

An der Kurfürstenstraße könnten "Verrichtungsboxen" den offenen Sex von Prostituierten und Freiern zurückdrängen

Foto: Reto Klar

Prostitution Drogen, Lärm und Schmutz – seit Jahren beklagen sich Anwohner der Kurfürstenstraße über die Verwahrlosung ihres Kiezes. Auch eine Umfrage des Bezirksamtes Mitte unter Bewohnern des Kiezes „Tiergarten Süd“ hat nun ergeben, dass Anrainer von den Behörden ein Durchgreifen gegen den Straßenstrich und dessen Folgen erwarten. Rund 59 Prozent der Befragten unterstützen danach die Einrichtung einer Sperrzone, 53 Prozent wollen die Straßenprostitution zeitlich begrenzen. 49 Prozent würden sich durch mehr Polizeipräsenz und 44 Prozent durch bessere Beleuchtung von Straßen und Häusern sicherer fühlen.

Mittes Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel (Grüne) kündigte „schnelle Regelungen“ an. Je 100.000 Euro hat der Bezirk für dieses und das kommende Jahr eingeplant, um die Situation zu verbessern. Von Dassel will damit vor allem mehr Ordnungsamtsmitarbeiter am Kurfürstenkiez einsetzen. Auch Dixie-Toiletten könnten aufgestellt werden, um das Fäkalienpro­blem zu entschärfen. Für eine Sperrzone oder gar ein größeres Sperrgebiet sieht von Dassel aber „im Moment in Mitte und Berlin leider keine Mehrheit“.

Der Bürgermeister will auch sogenannte „Verrichtungsboxen“ an der Kurfürstenstraße nicht ausschließen, wie es sie in Bonn und Köln gibt. Dort vergnügen sich Straßenprostituierte und ihre Freier hinter Sichtschutzwänden. „Es darf da keine Denkverbote geben“, sagte von Dassel der Berliner Morgenpost. Bei den meisten der fünf Dutzend Anwohner, mit denen von Dassel am Montagabend in der Alten Pumpe das Ergebnis der Befragung diskutierte, stieß diese Idee auf Ablehnung. Der Straßenstrich würde so an der Kurfürstenstraße gefestigt, lautete der Tenor.

Der Bezirk hatte Fragebögen an 6960 Einwohner des südlichen Tiergartens verschickt. 1112 Personen haben geantwortet. Matthias Dörner von der Universität Potsdam, der die Fragebögen ausgewertet hat, bezeichnete das Ergebnis der Befragung als repräsentativ. Danach ist der Straßenstrich zwar ein wichtiges, aber nicht das einzige Pro­blem an der Kurfürstenstraße.

Bewohner des Kiezes sehen sich durch Sex in der Öffentlichkeit zwar stark belästigt. 35,3 Prozent der Befragten fühlen sich dadurch „voll und ganz“, weitere 1,9 Prozent „eher“ gestört. Aber 30,2 Prozent finden, ihr Leben sei dadurch „gar nicht“ beeinträchtigt. Ähnlich verärgert sind die Anwohner über Müll auf der Straße. 33,7 Prozent sehen sich durch herumliegenden Abfall „voll und ganz“, weitere 23,4 Prozent „eher“ gestört. Nur 9,1 Prozent regt die Vermüllung des Kiezes „gar nicht“ auf. 19,9 Prozent sind von Lärm „voll“, 20,9 Prozent „eher“ und 16,2 Prozent „nicht genervt“.

Dixieklos oder Verrichtungsboxen als mögliche Maßnahmen im Kiez

Am 23. April will Mittes Bürgermeister im Ordnungsausschuss der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) das Thema diskutieren. Von Dassel möchte auch mit seiner Tempelhof-Schöneberger Kollegin Angelika Schöttler (SPD) über die Umfrage-Ergebnisse sprechen. Denn die südliche Seite der Kurfürstenstraße gehört zu Schöneberg.

Die Ergebnisse der Anwohnerbefragung findet Angelika Schöttler „wenig überraschend“. Ihr Bezirk habe sich seit Jahren mit dem Problem befasst. Auch sie kündigte an, das Thema mit der BVV und ihrer Verwaltung nochmals zu besprechen. „Ob Dixieklos oder Verrichtungsboxen – wir werden darüber zu reden haben, was das kostet und wer das bezahlt“, sagte sie am Dienstag. Für die Sozialdemokratin ist klar: „Es muss für die Verrichtung Rückzugsorte geben.“ Das sei jedoch ein berlinweites Problem, das nur der vom Senat geplante „Runde Tisch Sexarbeit“ lösen könne.

Der Vorsitzende der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus, Florian Graf, forderte am Dienstag eine Sperrzeit an der Kurfürstenstraße von 4 bis 20 Uhr. Um das zu kontrollieren, schlug er dort eine Videoüberwachung vor. Den Vorschlag der Verrichtungsboxen nannte Graf „absurd“. Bezirk und Senat versuchten sich im „hilflosen Aktionismus“.