Wildau

Auf See und Fluss sprudeln die Einnahmen

Der Wassertourismus sorgt in Brandenburg für einen Bruttoumsatz von 200 Millionen Euro. Dieser soll in diesem Jahr noch ausgebaut werden

Wildau.  Dagmar Rockel-Kuhnle erklimmt die Stufen zum Führerstand ihres Hausbootes, lässt den Motor an. Sie blickt auf das Digitaldisplay, in dem die Zahl 0,9 erscheint. 90 Zentimeter Wasser also unterm Kiel des sechs Meter langen Gefährts. Nicht viel, aber genug. Vorsichtig lenkt sie das Boot von einem der Gastliegeplätze vor der „Villa am See“ in Wildau in die Mitte der Dahme, nimmt Kurs auf die Schleuse „Neue Mühle“ zwischen den Königs Wusterhausener Ortsteilen Neue Mühle und Zernsdorf, die die Berliner mit den Teupitzer und Storkower Gewässern verbindet. Dagmar Rockel-Kuhnle betreibt mit ihrem Mann sechs Charter-Basen in Deutschland, eine davon am Zeuthener See.

Ein Bundesland mit rund 3000 Seen

Mit mehr als 120 Booten verfügt „Kuhnle-Tours“ nach eigenen Angaben über die größte deutsche Hausbootflotte. Die gebürtige Hamburgerin zieht am Gashebel, dann übergibt sie das Steuer an Brandenburgs Wirtschaftsminister Albrecht Gerber (SPD), der an diesem Tag zum Auftakt der Wassertourismus-Saison durchs Dahme-Seenland schippert.

Mit einem jährlichen Bruttoumsatz von 200 Millionen Euro habe sich der Wassertourismus in Brandenburg zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor entwickelt, sagt Gerber. „Und da ist noch nicht der Bestand an Booten im Privatbesitz berücksichtigt, durch die ebenfalls ein erheblicher Umsatz erzielt wird.“ Mit seinen 33.000 Kilometern Fließgewässern und 3000 Seen habe Brandenburg beste Voraussetzungen, so der Minister. Das habe sich deutschlandweit herumgesprochen: „Drei Viertel unserer Wassertouristen kommen nicht aus Berlin oder Brandenburg, sondern aus anderen Bundesländern.“ Das geht aus einer Urlauberbefragung zweier brandenburgischer Wassersportreviere hervor.

Es sind Zahlen, die Dagmar Rockel-Kuhnle bestätigen kann. Das Gros ihrer Kunden kommt aus Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg. Was sie nicht überrascht: Die Wasserstraßen in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg seien die „schönsten Wasserwege Deutschlands“ und bilden Europas größtes vernetztes Wassersportrevier. Das soll in diesem Jahr noch stärker beworben werden. „Damit erhöhen wir unsere Reichweite“, begründet Dieter Hütte, Chef der Tourismus-Marketing Brandenburg (TMB), das gemeinsame Marketing mit Mecklen- burg-Vorpommern.

Zielgruppe seien vornehmlich Touristen aus Süddeutschland. Locken könne man Freizeitkapitäne mit einem Wasserstraßennetz von rund 470 Kilometern, das allein in Brandenburg führerscheinfrei befahren werden könne.

Ob er sich nicht für eine zentrale Wasserschifffahrtsverwaltung in Brandenburg stark machen könne, will Rockel-Kuhnle derweil vom Minister wissen. Aktuell seien für die Belange von Charterfirmen auf Landesgewässern Behörden unterschiedlicher Ressorts zuständig, das koste Zeit und Nerven. Kritik übt sie auch am Bundesverkehrsministerium. Dort habe man „nur die Berufsschifffahrt, nicht aber die Sportboote im Kopf“. Die Folge sei, dass man sich nur um die Instandhaltung der Schleusen kümmere, die für Wirtschaftsverkehr von Bedeutung seien.

Die Schleuse „Neue Mühle“ zählt mit 17.000 Booten pro Saison zu den verkehrsreichsten in Brandenburg. Wegen hoher Personalkosten setzten die Wasser- und Schifffahrtsämter zunehmend auf automatisierte Schleusen.

Bunter Anstrich in Grün, knalligem Rot und Sonnengelb ist das Markenzeichen der Bungalow-Boote der Firma Aquare Charter, die unter anderem in Zernsdorf einen Verleih und eine Werft in Plaue betreibt. Man arbeite hart an einer Verlängerung der Saison, sagt Prokurist David Setzermann, denn „unsere 50 Mitarbeiter beschäftigen wir ganzjährig“.

Tagungen in Wilhelm Piecks Sommerresidenz

Das Personal in den Wintermonaten zu halten, hat sich auch Sylvia Meißner, Betreiberin der „Villa am See“, vorgenommen. Es sei schwierig genug, Fachkräfte zu bekommen. Im Januar 2017 hat sie ihre Gastronomie samt Hotel in dem 1925 errichteten Gebäude eröffnet, einst Wassersporthaus für die leitenden Angestellten und Ingenieure der Schwartzkopff-Werke. Nach jahrelangem Leerstand kaufte die Stadt Wildau das Haus aus der Zwangsversteigerung.

Acht Millionen Euro – Mittel der Stadt, des Landes und der Betreiberin – seien in die Sanierung der Villa und die Hafenanlage mit Wasserwanderrastplatz geflossen, sagt der stellvertretende Bürgermeister Marc Anders. Demnächst soll die Uferpromenade von Königs Wusterhausen bis Zeuthen mit einem Wander- und Radweg erschlossen werden.

Ein solches Gesamtpaket sei wichtig, betont TMB-Chef Hütte: „Viele Wassertouristen schließen einen Landurlaub an.“ Dabei machen sie auch am Hotel Waldhaus Prieros im Naturpark Dahme-Heideseen Station. Die Villa am Streganzer See, um 1920 für den Berliner Tuchfabrikanten Vogel erbaut, diente 1954 bis 1959 dem einstigen DDR-Präsidenten Wilhelm Pieck als Sommerresidenz. Das restaurierte Pieck-Zimmer, sagt Hoteldirektor Alexander Karl, werde heutzutage als Tagungsraum genutzt.