Garten

Es grünt so grün: Berliner starten in die Garten-Saison

Ob im Vorgarten, auf dem Balkon, der Kleingartenparzelle oder dem Urban-Gardening-Projekt: Die Gartensaison hat begonnen.

Gärtnerin Geronima am 06.04.2018 im Prinzessinengarten in Berlin

Gärtnerin Geronima am 06.04.2018 im Prinzessinengarten in Berlin

Foto: Maurizio Gambarini

Besser spät als nie. Nach dem kalten, teils verschneiten Osterwochenende ist in dieser Woche endlich der Frühling in Berlin angekommen. Während aber viele Menschen in den Parks und Biergärten Erholung suchen, steht für Berlins knapp 73.000 Kleingärtner viel Arbeit an. Bevor jedoch Setzlinge ausgebracht werden können, müssen die Beete auf die Gartensaison vorbereitet werden.

Wein, Kiwis und Salat: Pralle Natur inmitten der Metropole

Damit hat Ulrike Timme am Freitag begonnen. Sichtlich stolz ist sie auf ihre Parzelle in der Wilmersdorfer Kleingartenkolonie „Johannisberg“ unweit des Rüdesheimer Platzes. „Ich habe erst mal den Müll beseitigt, Äste aufgesammelt und alles Abgestorbene weggeschnitten“, zieht die 53-Jährige nach ihrem ersten Gartenarbeitstag Bilanz. Wann sie die Samen in die Erde bringt, wisse sie noch nicht. Jetzt sei es dafür nachts noch zu kalt.

Aber auch so gebe es eine ganze Menge zu tun. Der neue Sandkasten für ihre Enkelkinder müsse fertig gebaut werden. Außerdem ist der Teich im vergangenen Jahr kaputtgegangen und musste trockengelegt werden. Ihr Sohn Benjamin habe versprochen, bald einen neuen anzulegen. Noch klafft in der Ecke des Gartens ein knapp 1,50 Meter tiefes Loch im Boden.

Sobald es nachts wärmer ist, will Timme wie jedes Jahr Gemüse aussäen – Tomaten, Gurken, Auberginen, Pa­prika und Salat. „Wichtig ist, darauf zu achten, welche Pflanze wo steht. Tomaten gehören zum Beispiel nicht in die pralle Sonne“, sagt sie. In diesem Jahr will sie erstmals auch Kräuter anpflanzen. „Mein Sohn hat sich Minze für seine Mojitos gewünscht.“

Blumen und Obst würden von alleine wieder kommen. Rhododen­dron, Primeln, Johannis- und Brombeersträucher sowie der Apfel- und Pflaumenbaum haben den Winter gut überstanden. Auch der Kiwistrauch und die Weinrebe am Haus dürften demnächst austreiben. Letzterer gebe bis zu fünf Liter Wein pro Jahr, so Timme. Einzig der immer größer werdende Walnussbaum mache ihr Sorgen. „Der zieht sehr viel Wasser und die runtergefallenen Schalen machen den Boden sauer.“ Fällen kann sie ihn allerdings nur mit behördlicher Genehmigung. Daher müsse es genügen, ihn zuzuschneiden.

Nach Hause geht sie nur, um zu schlafen

Timme möchte ihre 150 Quadratmeter Grün nicht missen: „Jeder will ein Häuschen mit Garten, aber das kann sich halt nicht jeder leisten.“ Zumeist werde gegrillt. Salat und sonstige Beilagen wachsen in den umliegenden Beeten. „Es ist schon toll, wenn ich so in meinem Garten sitze – man hat seins und kann es so gestalten, wie man möchte.“ Die nahe gelegene Wohnung nutze sie an den Sommerwochenenden nur zum Schlafen.

Timme hat den Garten vor 30 Jahren von ihrem Vater übernommen. Eines Tages würde sie ihn gern an ihren Sohn Benjamin weitergeben. Das kann sich der 30-Jährige durchaus vorstellen. „Klar ist es viel Arbeit, aber es lohnt sich.“ Denn es sei ein Unterschied, ob man im Park oder im eigenen Garten sitzt. Die Vorteile: weniger Menschen, mehr Natur und vor allem mehr Ruhe. Dass es keinen Strom gibt, störe ihn nicht. Da würden die Nachbarn häufig aushelfen.

Obstbäume und Primeln am Olympiastadion

Beim Holländer am Olympiastadion ist der Parkplatz voll. Kaum hat der Frühling begonnen, wird der Pflanzenhändler von Kunden überrannt. Detlef N. ist einer von ihnen. Einige Obstpflanzen wie Pflaumen- und Birnenbäume hat er bereits ausgewählt. Seine Freude auf den Frühling ist mindestens genauso groß wie die Ausbeute im Einkaufswagen: „Welcher Mensch würde sich da nicht freuen?“, sagt er.

Frederike M. dagegen sucht keine Nutz-, sondern Zierpflanzen. Die Charlottenburgerin möchte ihre Terrasse verschönern. Besonders Frühjahrspflanzen wie Stiefmütterchen, Hornveilchen und Primeln stehen bei ihr wie auch bei vielen anderen Kunden im Einkaufswagen. Für Hobbygärtner, die jetzt ihre Beete und Kübel schön machen, hat Chris Frankhauser, der seit 19 Jahren beim Holländer Pflanzen verkauft, einige Tipps: „Standort, Dünger, Substrat“, diese drei Faktoren seien entscheidend. „Baumarkterde für 1,99 Euro“ verspreche wenig Erfolg, man müsse schon guten Dünger kaufen. Beim Standort komme es auf die Pflanzenart an: „Hortensien dürfen nicht in der prallen Sonne, Geranien nicht im Schatten stehen.“ Der Fachmann rät dazu, noch ein paar Wochen mit dem Pflanzenkauf zu warten „bis die schöneren und größeren Pflanzen kommen“ – und keine frostigen Nächte mehr drohen.

Gemüse und Kräuter für alle in Kreuzberg

Südlich des viel befahrenen Moritzplatzes liegt eine knapp 6000 Qua­dratmeter große grüne Oase. 2009 entstanden auf der Brachfläche zwischen Prinzen- und Prinzessinnenstraße die Prinzessinnengärten – eines von mittlerweile unzähligen Urban-Gardening-Projekten Berlins.

Seit September absolviert Geronima Kantorowicz hier ein Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ). Aber erst mit dem Frühlingsstart beginnt für die 22-jährige Kreuzbergerin die eigentliche Arbeit. „Jetzt geht es darum, die Gärten startklar zu machen, also aufzuräumen, die Beete vorzubereiten und Pflanzen, die den Winter nicht überstanden haben, zu entsorgen.“ Außerdem müsse ein Plan aufgestellt werden, was wo wachsen soll. „Wir haben schon viele Jungpflanzen angesät – allerdings im Büro in der Oranienstraße.“ Erst wenn im Mai kein Bodenfrost mehr droht, können sie raus in die Beete.

In den Prinzessinnengärten werden ausschließlich essbare Pflanzen gezogen. Bis zu 500 verschiedene Gemüse- und Kräutersorten sind es jedes Jahr. Dabei wird vollständig auf Pestizide und chemische Düngemittel verzichtet. Ein besonderer Fokus wird aber auf die Artenvielfalt gelegt. „Der Verlust der Nutzpflanzen ist ein Thema, auf das wir aufmerksam machen wollen“, sagt Gärtner Matthias Wilkens, der die Arbeit in den Prinzessinnengärten koordiniert. In den vergangenen 150 Jahren sei die Landwirtschaft immer weiter professionalisiert und optimiert worden. Im Ergebnis seien dabei 90 Prozent aller Nutzpflanzen ausgestorben. Es gehe daher vor allem darum, etwa seltenere Tomaten- oder Kartoffelsorten zu zeigen.

Die Beete stehen jedem Hobbygärtner offen, der kein eigenes Grün besitzt. Dafür gibt es jede Woche zwei öffentliche Gartenarbeitstage: donnerstags zwischen 15 und 18 Uhr sowie sonnabends zwischen elf und 14 Uhr. Bis zu 1000 freiwillige Unterstützer zählt das Projekt pro Jahr. Diese können später in der Saison das Gemüse auch selbst ernten und kaufen. Außerdem gibt es Werkstätten, Umweltkurse, Gartenbau-Workshops und ein Café. Die Gartensaison 2018 soll am heutigen Sonntag mit einem Flohmarkt (10 bis 17 Uhr) eingeläutet werden.

Auf dem Staudenmarkt blüht das Gärtnerherz auf

„Das Wetter hätte zum Gartenauftakt nicht besser sein können“, sagt Clara Luckmann, Sprecherin des Berliner Staudenmarktes. Vom gestrigen Sonnabend bis zum heutigen Sonntag bieten dort über 100 Gärtnereien, Baumschulen sowie Naturschutz- und Pflanzenvereine auf einer 1000 Meter langen Marktstrecke im Botanischen Garten Tausende von Gartenpflanzen. Gefragt sind da Blütenstauden, Wildblumen, Nutzpflanzen und Gehölze – bunt und üppig sorgen sie bei vielen Besuchern für Frühlingsgefühle. In diesem Jahr werden 20.000 Besucher erwartet.

Seit 1999 findet das Pflanzenspektakel dort statt. Der absolute Renner im Frühjahr 2018: Kräuter und Salatpflanzen, wie Chili und Paprika. Der Blumentrend geht in diesem Jahr in Richtung Taglilie und Phlox. „Vor allem farbenfroh soll es sein“, sagt Luckmann. „Der Winter war lang und grau, jetzt wollen die Menschen viel Farbe.“

Auch Julia Golkenrath (37) und Sohn Oskar (8) ziehen ihren Pflanzenwagen interessiert an den Ständen vorbei. Letztes Jahr wählte sie Obstpflanzen. „Diesmal haben wir uns ,Hundszahn‘ mitgenommen. Die Pflanze ist für den heimischen Garten und hier in der Region fast ausgestorben.“ Wer indes viel Geld für das eigene Gartenparadies ausgeben kann, gönnt sich Leberblümchen – zum Preis von mehreren Tausend Euro pro Stück.

Wer keinen Garten hat, macht eben seinen Balkon zum Anbaugebiet. Denn selbst dort kann man Cocktailtomaten und Blattsalate anpflanzen. Spalierobst gibt es auch für die eigenen Hauswände. Extra gezüchtete Sträucher wie Himbeeren oder Weintrauben wachsen flach an der Wand nach oben.

„Südfrüchte waren vor ein paar Jahren der absolute Trend. Die Nachfrage geht aber durch die kalten Phasen der vergangenen Winter wieder zurück“, sagt Gärtnerin Angelika Paudert. „Viele Menschen lieben es, einen Hauch von Urlaub auf Balkon oder heimischem Garten zu spüren. Aber wer sich für ein Zitronenbäumchen oder Palmen aus dem warmen Süden entscheidet, sollte dafür sorgen, dass sie Tag und Nacht vor Frost geschützt sind und viel gegossen werden.“

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