Ahmad Mansour

Antisemitismus an Schulen: „Wir brauchen mündige Schüler“

Der Psychologe Ahmad Mansour weiß, wie patriarchal es in vielen muslimischen Familien zugeht. Sein Konzept: Freiheit.

Der Diplom-Psychologe Ahmad Mansour

Der Diplom-Psychologe Ahmad Mansour

Foto: imago stock / imago/Jens Jeske

Zwei Fälle von sogenanntem religiösen Mobbing auf Berliner Schulhöfen beschäftigten zuletzt die Stadt. An der Paul-Simmel-Grundschule in Tempelhof wurde eine Zweitklässlerin mehrmals von Mitschülern schikaniert. Anfangs, weil sie ihr als vermeintlicher Muslimin vorwarfen, nicht gläubig genug zu sein. Und zuletzt antisemitisch. Ein anderer Fall spielte sich in Siemensstadt ab. Dort wurde ein Zehntklässler wegen seines jüdischen Glaubens gemobbt. Mit Ahmad Mansour – Psychologe, Soziologe und Islam­kenner – sprachen wir über das Problem – und mögliche Lösungen.

Zwei Fälle religiösen Mobbings an Berliner Schulen – und es ist zu vermuten, dass noch viel mehr Schulen von dem Problem betroffen sind. Was raten Sie einer Schulleitung, die von diesem Verhalten unter Schülern erfährt?

Ahmad Mansour: Wenn es schon dazu gekommen ist, dann hilft auch keine Prävention mehr. Dann brauchen wir klare Handlungen. Wichtiger als der vermeintliche Ruf der Schule ist in diesem Moment das Wohl der Opfer. Man muss so schnell wie möglich herauskriegen, wer hat mitgemacht und alle Beteiligten ansprechen. Und das Opfer muss betreut werden. Es kann nicht sein, dass immer die Opfer die Schule verlassen und die Täter dürfen bleiben.

So wie es jetzt die Mutter des jüdischen Schülers von der „Schule an der Jungfernheide“ angekündigt hat. Da will der Sohn wohl nach der zehnten Klasse die Schule verlassen und nach Israel gehen ...

Genau. Und man muss in der Lage sein, den Vorfall oder die Vorfälle zum Gesamtschulthema zu machen. Also mit allen Schülern und Schülerinnen über die Entwicklung reden, ihnen klarmachen, dass so ein Verhalten auch Konsequenzen haben kann, dass die Schule das nicht akzeptiert. Auch die Eltern einbinden. So dass die Schüler sich beim nächsten Mal genau überlegen, ob sie noch mal so ein Mobbing starten.

Der israelische Politologe David Ranan hat vor Kurzem in einem Interview gesagt, er halte das alles für ein großes Missverständnis. Viele Muslime seien in dem Sinne nicht Antisemiten, sie hätten nur ein großes Pro­blem mit Israel vor ihrer Haustür. Auf deutschen Schulhöfen spiegele sich mehr oder weniger der Nahost-Konflikt wider.

Es ist sehr utopisch zu glauben, der muslimische Antisemitismus habe nur mit der Nahost-Politik zu tun. Ich kenne Jugendliche, die aus Afrika kommen, die eigentlich nichts mit Israel zu tun haben, die mir gegenüber sagen: „Im Koran steht, dass Gott die Juden verflucht hat und deshalb müssen wir sie verfluchen.“ Und ich höre auch immer wieder Verschwörungstheorien von „Juden, die die Welt beherrschen“. Die Jugendlichen sind damit gut ansprechbar für diesen Judenhass.

Und das gilt auch für den Nahost-Konflikt. Ich kenne Jugendliche, die sich politisch engagieren, die Interesse an dem Thema haben, weil ihre Eltern oder vielleicht Großeltern davon betroffen sind, die jetzt sehr schwarz-weiß über das Thema reden. Die über die „schlimme Politik der Regierung Israels“ sprechen, dabei ganz schnell antisemitische Vorurteile bedienen, obwohl sie keine Ahnung haben, wie es konkret dazu kam. Wenn ich frage: Wie kam es zum Nahost-Konflikt oder ob Araber in Isra­el auch leben dürfen, dann stoße ich auf viel Unwissen. Das gilt auch für das Geschehen in Gaza.

Die haben also keine Ahnung von der NS-Zeit, vom Holocaust, von der Nachkriegsgeschichte. Gerade für solche Jugendliche müsste doch der Besuch einer KZ-Gedenkstätte wichtig sein, oder?

Das ist leider auch kein Allheilmittel. Ich habe mal eine Gruppe muslimischer Jugendlicher nach Auschwitz-Birkenau begleitet. Da haben die Jugendlichen alles gesehen, waren emotional betroffen. Doch in dem Moment, als junge Israelis mit der blau-weißen Flagge und Davidstern dort auftauchten, war es vorbei. Da waren die muslimischen Jugendlichen sehr irritiert. Weil die jungen Israelis nicht als Opfer auftraten, sondern als selbstbewusste israelische Jugendliche, die stolz auf ihre Nation schauen. Das war eine schwierige Situation. Was bedeutet, solche Besuche müssen gut vorbereitet werden. Und es darf natürlich nicht bei diesem einen Besuch bleiben. Denn danach gehen sie womöglich in die Moschee, in Soziale Medien oder in ihre Familie und hören wieder ganz andere Dinge. Die Sache ist komplex.

Sind unsere Lehrer auf so eine komplexe Situation vorbereitet?

Leider nein. Deshalb brauchen wir eine Schulreform. Es wäre wichtig, dass die Lehrer schon in ihrer Ausbildung eine interkulturelle Kompetenz vermittelt bekommen. Dass man zum Beispiel versteht, welchen Hintergrund die Schüler haben, warum sie sich so verhalten, wie sie sich verhalten. Ich habe mit Studenten gesprochen, die an der Universität eine Lehrerausbildung machen, die sagen, wir erfahren zu dem Thema gar nichts im Studium. Das ist fatal. Das sind die Probleme programmiert.

Und das ausgerechnet bei einem so wichtigen Thema wie dem Antisemitismus ...

Verrückt. Wir haben Antisemitismus als zentrales Thema in den Schulen. Aber mit unserer Art der Vermittlung erreichen wir zwar Thomas und Jens, aber nicht Ahmad oder Mohammed. Das geht nicht. Genauso wie religiöses Mobbing. Es ist die Aufgabe der Schulen, des Senats, die Aufgabe von uns allen, schnell zu reagieren. Die Gesellschaft muss die Veränderung wollen. Es muss auch von den Eltern, vom Umfeld kommen. Die beste Schule alleine hilft nicht, wenn alle anderen Akteure nicht mitmachen.

Sie sehen die muslimischen Elternhäuser in der Verantwortung, nennen den Erziehungsstil häufig „patriarchalisch“.

Wir haben ein Problem, weil viele Mi­granten die Aufklärung nicht durchgemacht haben. Sie kennen Kant nicht. Von der Französischen Revolution haben sie noch nie gehört. Sie haben 1968 nicht durchlebt. Und kennen und schätzen die Freiheit damit nicht. Die leben tatsächlich noch patriarchalisch in ihren Familien. Ich kenne zwar Syrer, die sich Deutschland als Fluchtland ausgesucht haben, weil sie hier die Freiheit finden, die sie wollten.

Ich kenne aber auch Syrer, die hier ankommen und denen diese Freiheit Angst macht. Die ihre Familie abkapseln. Die die Art und Weise, wie die Menschen hier leben, nicht mögen. Die Antwort darauf darf aber nicht sein, dass wir unsere Aufklärung aufgeben. Die Antwort muss natürlich sein, dass die, die hierherkommen, Zeit kriegen, die Aufklärung, die Entwicklung Europas zu begreifen und als Chance für sich und ihre Familie verinnerlichen. Und selbst mündiger zu werden.

Man könnte auch den anderen Weg gehen. In Friedenau gibt es beispielsweise eine Oberschule, in der es klare Regeln gibt: Pünktlichkeit, Höflichkeit, Fleiß. Die Regeln bestimmen den Alltag der Schule, es funktioniert. Alles sogenannte deutsche Tugenden ...

Das funktioniert vielleicht anfangs besser. Die Schüler machen am Ende vielleicht auch einen Abschluss. Aber sind sie Demokraten? Das ist eine andere Frage. Ich bin nicht gegen Regeln. Es muss klare Regeln geben. Aber das kann nur ein Teil sein. Denn wissen Sie, wenn ein Schüler – zu Deutsch gesagt – „Scheiße baut“ und sie rufen den Vater an, dann ist es wahrscheinlich, dass der Schüler sich am nächsten Tag entschuldigt. Aber ich kann ihnen sagen, was am Abend vorher zu Hause los war ...

… der hat Prügel gekriegt ...

… genau. Das heißt, diese Regeln funktionieren, weil sie sich nach den Regeln des Patriarchats ausrichten. Und das kann nicht das Ziel sein. Wir würden natürlich weniger Probleme haben, wenn dies hier ein autoritärer Polizeistaat wäre, der auf Menschen einprügelt. Wenn wir Lehrer hätten, die sich genauso benehmen wie der Vater zu Hause. Dann hätten wir zwar Bildung – aber um welchen Preis? Wir hätten keine Demokraten, keine mündigen Bürger, keine Schüler, die selbst denken können. Keine Jugendlichen, die eine Bereicherung sind.

Deshalb – der andere Wege ist schwieriger. Denn da kommen Schüler und Schülerinnen an die Schule und merken, oh, das läuft hier anders als zu Hause. Die merken, hier sind die Regeln anders. Und am Ende merken sie, die Regeln hier in der Schule sind viel besser als die Regeln in den Familien. Weil sie den Menschen eine Chance geben. Weil Menschen hier Verantwortung übernehmen. Und zwar ohne Gewalt – in einer gewaltfreien Atmosphäre.

Zur Person:

Ahmad Mansour wurde 1976 in Tira geboren, das liegt in Israel. Er ist ein arabischer Israeli, wurde in seiner Schulzeit kurzzeitig von einem Imam radikalisiert. Sein Psychologiestudium in Tel Aviv brachte ihn dazu, sich vom Islamismus zu lösen. Nachdem er einen Anschlag miterleben musste, zog er 2004 nach Deutschland, studierte hier weiter.

Die Aufenthaltserlaubnis war an ein erfolgreiches Studium gebunden. Inzwischen hat Mansour auch die deutsche Staatsbürgerschaft, ist verheiratet und lebt in Berlin. Der Psychologe und Soziologe war bis 2016 beim Antigewalt-Projekt „Heroes“ in Neukölln engagiert. Er schrieb 2015 das Buch „Generation Allah“ und wurde mehrfach für sein Engagement ausgezeichnet. Er ist Gründer und Geschäftsführer der "MIND"-Prävention für Demokratieförderung und Extremismusprävention".

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