Chausseestraße

Kiez mit 4000 Spionen: Wie die BND-Zentrale Mitte verändert

Im Kiez an der Chausseestraße in Mitte herrscht Aufbruchstimmung – dank der neuen Bundesnachrichtendienstzentrale. Ein Rundgang

Nadira Linnartz vom Glücks Café in der Chausseestraße

Nadira Linnartz vom Glücks Café in der Chausseestraße

Foto: Reto Klar

Der Herr kommt ganz offensichtlich von gegenüber. Schon etwas älter, gesetzt und im grauen Anzug – so grau wie der schmucklose Koloss der neuen Zentrale des Bundesnachrichtendienstes (BND) an der Chausseestraße, die er gerade verlassen hat. „Einen Kaffee mit Sahnehäubchen“, bestellt er in dem bunten, quirligen Laden mit dem verheißungsvollen Namen „Glücks Café“.

Inhaberin Nadira Linnartz guckt ihn an und zweifelt einen Augenblick. Seit 20 Jahren arbeitet sie in der Gastronomie, aber so etwas hatte sie noch nie gehört. Sahnehäubchen? Vielleicht sollte man das Getränk „Kaffee unter dem Deckmantel“ nennen, dachte sie sich beim Zubereiten. Oder einfach „BND-Kaffee“. „Ja“, so ihr Entschluss, „den werde ich künftig auf die Karte nehmen.“

An diesem sonnigen Tag drängen sich die Gegensätze an der Chausseestraße richtig auf: Das nüchterne, kantige BND-Gebäude liegt im Schatten und wirkt dunkel, bedrohlich und mächtig. Auf der anderen Straßenseite lässt die Sonne die weißen Fassaden leuchten und die bunten Läden noch schriller erscheinen. 700 Mitarbeiter sind bereits in die neue BND-Zentrale eingezogen. „Der komplette Umzug soll bis Ende des Jahres abgeschlossen sein“, sagt Isabelle Kalbitzer aus der Pressestelle. Dann werden dort etwa 4000 Menschen arbeiten.

Mauerfall brachte der Gegend zunächst keinen Aufschwung

Zu DDR-Zeiten war die Welt an der nördlichen Chausseestraße zu Ende. An der Grenze zu Wedding stand die Mauer, Ecke Wöhlertstraße war Schluss. Tote Gegend auf der Ostseite. Letzte Stationen waren das Stadion der Weltjugend und das „Ballhaus Berlin“. Dort wendeten die Taxen, dort gab es immer Fahrgäste. Der Mauerfall brachte noch keinen Aufschwung.

„Bevor klar war, dass der BND in der Chausseestraße bauen wird, war dort eine riesige Brache“, sagt Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD). Der Abriss des Stadions der Weltjugend im Jahr 1992 hatte dem Viertel den Rest gegeben.

In den 90er-Jahren hätte es tolle städtebauliche Entwürfe für das Quartier gegeben, erzählt der Baustadtrat. Aber keiner wollte da ran. Also blieb die Gegend, was sie schon war, nämlich „bettelarm“. Der Umzug des BND sei eine einmalige Chance gewesen, so Gothe. Sofort hätte es die ersten Investoren gegeben, „die kleinteilig in die Baulücken reingerieselt sind“. Ein so großer Arbeitgeber werde den Kiez schon aufwerten – das war der treibende Gedanke.

Zu Recht. Rund um den BND sind etwa 2000 neue Wohnungen entstanden, schätzt Gothe. Fast alle im gehobenen Segment. Daniel Libeskind setzte mit seinem Wohnhaus „Sapphire“ Maßstäbe. Arm war gestern. „Das Quartier erfindet sich gerade neu“, sagt Gothe.

Von Limousinenservice über Sushi bis zum „Glücks Café“

Rund um den BND-Bau haben sich die passenden Läden angesiedelt: ein Limousinenservice, ein Sushi-Lieferant, Gesundheit-, Fitness- und Wellness­angebote. Dazwischen ist das „Glücks Café“. Eine Großstadtoase will Nadira Linnartz sein, also ein Gegenstück zu dem Bau gegenüber, der so ein „bisschen eingesperrt“ aussieht. Bei ihr darf jeder ebenso frei wie rundum glücklich sein.

Und dafür tut sie alles. Selbstgekochtes, Selbstgebackenes, Veganes, Vegetarisches, Glutenfreies liegt in ihren Vitrinen. Im Kühlschrank Ostmost und überall kleine florale Welten, wie sie die liebevoll arrangierten Pflanzeninseln nennt. Kein Wlan, kein Alkohol, keine Abfertigungsstätte. Dafür Kommunikation. „Die Leute hier haben schon ein bisschen mehr Geld“, sagt die 36-Jährige. Der Straße sagt sie eine große Zukunft als Gastromeile voraus. „Die ist total im Kommen.“ Wenn nur erst die Baustelle vor der Haustür verschwunden wäre.

Seit Oktober 2016 wird der Tunnel der U6 saniert. Das passiert abschnittsweise und über die Straßendecke. Ende 2019 soll alles fertig sein. Derzeit ist die Baustelle in der Chausseestraße, Höhe U-Bahnhof Schwartzkopffstraße, angekommen. Eine Fahrtrichtung ist komplett gesperrt, die Geschäftsinhaber blicken auf Bauzäune. „Wenn alles gut läuft, wird die Chausseestraße ab dem 16. oder 17. April wieder in beiden Richtungen befahrbar sein“, kündigt BVG-Sprecherin Petra Reetz an.

Erst jetzt entsteht an der Chausseestraße ein richtiger Kiez

Darauf wartet auch Stefan Kels. Der 38-Jährige ist mit seinem Laden „Tigertörtchen“ im Dezember 2017 an die Chausseestraße 60 gezogen. Seine Cupcakes sind kleine Kunstwerke. Rosa Flamingos aus Fondant thronen auf dem Mini-Gebäckstücken, die Küchlein heißen Champagner-Explosion, Spree-Welle oder Him-Bärchen. Vorher habe es in der Gegend gerade mal fünf Häuser gegeben, sagt der Inhaber scherzhaft. Jetzt seien nebenan gerade 240 neue Wohnungen entstanden. „So einen richtigen Kiez hat es hier vorher gar nicht gegeben“, sagt Kels.

Das ändere sich jetzt. „Jeder, der zuzieht, bildet sozusagen den neuen Kiez“, so der Geschäftsinhaber. Es gebe also keine Verdrängung und keine Benachteiligung. Mit den BND-Mitarbeitern verspricht er sich mehr Leben in der Ecke. Doch damit das eintritt, müsste erst einmal die Baustelle vor der Tür verschwinden. Darauf kann er jetzt hoffen.

Seit neun Jahren setzt Herrenmaßschneider Egon Brandstetter auf die Adresse Chausseestraße 52. Er habe sich eher zufällig in dem Kiez angesiedelt, erzählt der gebürtige Österreicher. Als er vor zehn Jahren nach Berlin gezogen sei, habe er einen Raum gesucht und hier gefunden. „Wenn alle BND-Mitarbeiter da sind, wird sich einiges verändern“, vermutet der 41-Jährige. Am Abend würden sie bestimmt ein Glas Wein trinken wollen, und einen Anzug könne sicher auch der eine oder andere brauchen.

Schneider Brandstetter: „Wenn alle BND-Mitarbeiter da sind, wird sich einiges ändern“

Aber noch wisse man nicht, wie sich die vielen neuen Mitarbeiter verhalten werden. „Vielleicht verschwinden die auch alle über das unterirdische Parkhaus und treten auf der Straße gar nicht so in Erscheinung“, gibt Brandstetter zu bedenken. Und für eine halbe Stunde Mittagspause die Sicherheitskontrollen im Haus zu durchlaufen, um nach draußen zu kommen, sei auch etwas knapp.

Bislang kommen seine Kunden aus den Nebenstraßen im Kiez oder „es sind Leute, die uns entdecken“, so der Schneidermeister. Sie schätzen die Stoffe, das Handwerk, die 12.000 Nadelstiche von Hand pro Anzug. „Aber bei den 4000 Leuten wird schon jemand dabei sein, der Kunde wird“, sagt Brandstetter.

Christian Zeiger hat sich das Viertel genau ausgesucht. Der Schauspieler und Synchronsprecher wohnt nur 200 Meter von der Chausseestraße entfernt. Der 26-Jährige ist in Potsdam geboren und wohnt seit neun Jahren in Berlin. Hier habe er alles, sagt er. Vor allem auch eine gute Anbindung an den öffentlichen Verkehr, denn er fahre kein Auto. Er zieht gerade um, aber nur eine Ecke weiter. Im Kiez will er bleiben. Der Grund: „Das Quartier ist frischer und edler als der aufstrebende Wedding und der poshe Prenzlauer Berg.“

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