Olympiastadion

Wenn die S-Bahn im Großeinsatz ist

Wie die S-Bahn mehr als 40.000 Fahrgäste zum Olympiastadion und wieder zurück befördert. Ein Ortsbesuch.

Menschenmassen drängen nach dem Fußballspiel auf den S-Banhof Olympiastadion

Menschenmassen drängen nach dem Fußballspiel auf den S-Banhof Olympiastadion

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Was macht 7108 da? Der Mitarbeiter blickt auf seinen Bildschirm. Dann auf seine Kollegin. Die weiß es auch nicht. Eigentlich hätte der Zug am Westkreuz Richtung Potsdam abbiegen sollen. Aber der Bildschirm lügt nicht: 7108 ist auf dem Weg zum Olympiastadion.

Der Bahnhof Zoo brummt. 19 Uhr, bald wird das Spiel Deutschland gegen Brasilien angepfiffen. Ausverkauftes Haus. Als die S-Bahn einrollt, wird es eng, zwei Stationen weiter geht nichts mehr. "Alles voll!", ruft ein kleiner Junge, dem seine Eltern das Deutschland-Trikot über die Daunenjacke gezwängt haben, den Wartenden zu. Am Olympiastadion angekommen, gießt sich der Schwall Menschen über den Bahnsteig und stapft Richtung Arena. Sie achten nicht auf die unscheinbare Tür am Bahnhofsgebäude.

Dort führt eine Treppe hinauf in das Reich von Peter Schön. Er ist der Mann, der erklären kann, was es mit 7108 auf sich hat. "Die Aufsicht am Westkreuz hat gemeldet, dass die Züge komplett dicht sind", erklärt er. Er habe also spontan zwei Züge der Linie S7 Richtung Potsdam angefordert. Schön darf das, er ist Chef der Leitstelle der Berliner S-Bahn am Olympiastadion, die immer bei Großeinsätzen zum Einsatz kommt. Bei jedem Hertha-Spiel, jedem Konzert, der Pyronale und natürlich auch heute.

Doppelt so viele Züge – und das im Berufsverkehr

An Tagen wie diesen, wenn es gilt, mehr als 40.000 Menschen zum Stadion und zurück zu transportieren, muss die immer etwas überforderte Berliner S-Bahn zur Höchstform auflaufen. Normalerweise passiert im Durchschnitt alle zehn Minuten ein Zug den Bahnhof. In den gut zweieinhalb Stunden vor dem Spiel sollen es doppelt so viele sein. Und das ausgerechnet im Berufsverkehr, wenn sowieso alle Züge benötigt werden.

Denn es ist ja kein Geheimnis: Die S-Bahn pfeift aus dem letzten Loch, die Ausschreibung für neue Wagen wurde vom vormaligen rot-schwarzen Senat verschlafen, und neue kommen erst ab 2021. Und so muss man an diesem Abend tricksen: Die Linie S5, die eigentlich Endstation am Westkreuz macht, wird bis Olympiastadion verlängert. Und wenn das alles nicht reicht, muss halt Peter Schön eingreifen. Der gelernte Eisenbahner leitet ein Team aus zehn Leuten. Es ist ein bisschen wie bei der Nationalmannschaft, wo die Besten aus ihren Teams gerufen werden. In der Leitstelle sitzen Experten aus allen Bereichen: Aufsicht, Abfertigung, Disposition, Sicherheit. "Das ist eine schöne Abwechslung vom Alltag", sagt Schön.

Vor dem Spiel kommen die Besucher nicht alle auf einmal

Der erste Teil der Arbeit ist geschafft, das Spiel hat begonnen, der Bahnhof ist leer. Keine besonderen Vorkommnisse. Aber es war auch der leichtere Teil. Vor dem Spiel kommen die Besucher nicht alle auf einmal, es ist entzerrter. Später wird das anders sein. Schön hat jetzt ein paar Minuten Zeit. "Wir sind stark aufgestellt", sagt er. Tatsächlich ist der Bahnhof Olympiastadion der größte S-Bahnhof Deutschlands, an keinem Stadion fahren mehr Züge. "Die Leute sind schon etwas verwöhnt", findet er und meint die Meckerei der Berliner. Fahrgäste von auswärts wüssten das Angebot viel mehr zu schätzen. Aber es sei auch komplizierter geworden, durch den Videobeweis in der Bundesliga etwa. Der würde die Spiele auf unberechenbare Weise verlängern, was die Planung erschwere. Aber am wichtigsten sei, dass das Stadion voll sei. "Wir sind ja zum Arbeiten hier."

Schöns Ziel für heute: komplette Abfertigung in unter einer Stunde. Man will sich auch ein bisschen für die Fußball-EM 2024 empfehlen. Deutschland hat sich als Ausrichter beworben, wenn es klappt, würden einige Spiele in Berlin stattfinden. Schön selbst ist HSV-Fan, auch wenn er das gerade nicht laut sagen darf.

"Gleis 5 und 6 zumachen"

Die heiße Phase startet kurz vor Abpfiff. Jetzt fahren noch mal doppelt so viele Züge, 24 pro Stunde. Ein Teil davon sind Sonderzüge, sogenannte Kurzläufer, die nur zwischen Stadion und Westkreuz beziehungsweise Charlottenburg pendeln. Die ersten sind leer, da das Spiel mit fünf Minuten Verspätung begonnen hat. Aber dann geht es los. Schön steht draußen auf der Veranda der Leitstelle, blickt durch sein Fernglas, tauscht sich mit der Kollegin von der Sicherheit aus, läuft wieder rein an den Bildschirm. Er ist der Dirigent der Züge. "Gleis 5 und 6 zumachen, das wird sonst zu gefährlich", ruft er. Dann eine Verspätung in Charlottenburg, ein Fahrgast hat die Tür versperrt. Vier Minuten, Gleis 5 wird immer voller. Irgendwann blinken die Scheinwerfer in der Ferne.

Ganze 50 Minuten hat es gedauert, das Stadion zu räumen. 40.260 Menschen sind auf dem Weg nach Hause, hat die Zählung ergeben. Das nächste Großevent kann kommen.

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