Antisemitismus

Wenn wegen Religion an Berliner Schulen gemobbt wird

Drohungen gegen eine jüdische Schülerin entfachen eine neue Antisemitismus-Debatte. Die Senatsverwaltung plant ein Krisentreffen.

Hand holding Star of David Davidstern

Hand holding Star of David Davidstern

Foto: tovfla / Getty Images/iStockphoto

Eine neue Diskussion um Antisemitismus an Schulen ist in Berlin seit dem Wochenende entbrannt. Auslöser: An der Paul-Simmel-Grundschule in Tempelhof wurde eine Zweitklässlerin jüdischer Herkunft über Jahre immer wieder von muslimischen Mitschülern gemobbt. So berichtet es der Vater der Schülerin, der anonym bleiben möchte. Außenminister Heiko Maas (SPD) nannte es "beschämend und unerträglich", wenn ein Kind antisemitisch bedroht wird.

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) sagte der Berliner Morgenpost: "Wir müssen uns alle entschieden gegen antisemitische Äußerungen stellen und sagen: Stopp, das akzeptieren wir als Gesellschaft nicht." Die Sensibilität jedes Einzelnen sei gefordert, um so etwas zu verhindern.

Jetzt meldete sich der Vater des betroffenen Mädchens nochmals zu Wort und berichtet von den Vorfällen. Er fühlt sich inzwischen falsch verstanden: "Es ging nicht um einen antisemitischen Vorfall." Seine Tochter sei zunächst vor zwei Jahren von muslimischen Mitschülern bedroht worden, dann erneut vor einem Jahr. "Ihr wurde mit Schlägen und mit dem Tod gedroht", sagt der Vater der Berliner Morgenpost.

Grund: Weil sie nicht an Allah glaube. Seine Tochter sei weder religiös, noch hätten ihre Mitschüler bis vor Kurzem von ihren jüdische Wurzeln gewusst. Erst vor etwas mehr als einer Woche habe sie ein Mitschüler gefragt, ob sie Jüdin sei. Daraufhin habe der mehrfach über den Pausenhof gerufen: "Sie ist eine Jüdin."

Reaktionen von Seiten der Schule oder der Schulaufsicht? "Da ist kaum etwas passiert", sagt der Vater. Seine konkreten Vorschläge seien ignoriert worden. Laut Senatsverwaltung für Bildung habe man mit den Eltern der mobbenden Kinder gesprochen und die Schulaufsicht und die Polizei einbezogen. Auch die Antidiskriminierungsbeauftragte sei seit Längerem involviert. "Wenn der Vater des Mädchens dennoch das Gefühl hat, es werde zu wenig getan um seine Tochter zu schützen und Diskriminierungen zu vermeiden, stellt sich aber natürlich die Frage, was man noch besser machen kann", so eine Sprecherin der Senatsverwaltung. Ein Treffen zwischen Vater, Schulleiter, Schulaufsicht und Antidiskriminierungsbeauftragen der Senatsverwaltung sei geplant.

Schüler setzen Mitschüler unter Druck

Für das American Jewish Commitee (AJC) in Berlin, das sich für jüdische Sicherheit und die Wahrung von Menschenrechten einsetzt, kommt der Tempelhofer Vorfall nicht überraschend. "Es gab schon viel zu viele Einzelfälle", sagt AJC-Direktorin Deidre Berger. Sie verweist auf eine nicht repräsentative Umfrage in Schulen mit hohem Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund, die das AJC im vergangenen Jahr durchgeführt hat. An mehr als der Hälfte der 20 Schulen, hätten Lehrer Erfahrung mit religiös motiviertem Mobbing gemacht. Schüler setzten Mitschülerinnen unter Druck, ein Kopftuch zu tragen, Jude werde als Schimpfwort benutzt. "Es zeigte sich auch, das unter den Lehrern Angst herrscht, Probleme anzusprechen. Es fehlt an Anlaufstellen für Lehrer", sagt Deidre Berger. Die Themen Salafismus und Islamismus sollten in die Lehrpläne integriert und Fortbildungen für Lehrer angeboten werden. Antisemitismus sei getrennt von Rassismus zu betrachten.

Ähnliche Forderungen stellt der Antisemitismus-Beauftragte der Jüdischen Gemeinde, Sigmount Königsberg. Er plädiert dafür, schon ab dem ersten Semester in der Lehrerausbildung die Themen Prävention und Umgang mit Antisemitismus und Diskriminierung zu behandeln. "Ich habe fast jede Woche Fälle auf dem Tisch."

Antisemitismus gebe es in Grund- ebenso wie in Oberschulen. Es sei wichtig, beim Senat interdisziplinär Maßnahmen zu koordinieren. Der CDU-Abgeordnete Peter Trapp forderte angesichts steigender Zahlen von antisemitschen Vorfällen erneut, im Land die Stelle eines Antisemitismusbeauftragten einzurichten: Dieser könne klären, aus welchen Milieus heraus welche Taten begangen werden. Derweil sagte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Gideon Joffe, man wolle einen weiteren Rückzugsort für jüdische Schüler schaffen.

Nach Grundschulen und Gymnasien werde man bald mit dem Bau einer jüdischen Sekundarschule beginnen. "Wir müssen uns um unsere Mitglieder kümmern", sagte Joffe.

Immer mehr Übergriffe und Bedrohungen

Statistik: Die Berliner Polizei zählte im vergangenen Jahr 288 Fälle mit antisemitischem Hintergrund. Das sind ungefähr doppelt so viele wie 2013. Das Netzwerk "Berliner Register" zur Erfassung rechtsextremer und diskriminierender Vorfälle zählte 2017 sogar 573 antisemitische Vorfälle.

Mobbing: Vor rund einem Jahr nahm eine jüdische Familie ihren 14-jährigen Sohn von der Friedenauer Gemeinschaftsschule. Der Junge soll monatelang von seinen Mitschülern gemobbt und angegriffen worden sein. Ein Mitschüler soll zu ihm gesagt haben: "Juden sind alle Mörder."

Täter: Antisemitismus wird immer häufiger eingewanderten Muslimen zugeschrieben. Ein Fall vom Dezember 2017 dokumentiert den Judenhass eines Deutschen: Er bedrohte den jüdischen Inhaber eines Restaurants in Schöneberg und schrie, dass alle Juden in die Gaskammern gehörten.

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