Berlin

Berlins Behörden: Das größte IT-Projekt Deutschlands

Das Herz der Berliner Verwaltung schlägt an einem geheimen Ort im Westen der Stadt. Tief unter der Erde, geschützt von meterdicken Mauern eines Luftschutzbunkers und gesichert von tonnenschweren Türen, blinken hier unermüdlich die Lämpchen der Server, über die die Daten von Behörden, Polizei, Finanzämtern und Gerichten laufen.

Torsten Schrör, Leiter der Rechenzentren bei Berlins landeseigenem IT-Dienstleistungszentrum (ITDZ), zeigt stolz die frisch angeschaffte Technik hinter den Gittertüren der Metallschränke. Halb so groß, deutlich leistungsstärker und weniger Energie verbrauchend bilden sie die notwendige Infrastruktur für die dringend notwendige digitale Revolution in der Berliner Verwaltung. „Wir haben ausreichend Platz“, sagt Schrör. Die Räume sind Sauerstoff-reduziert, sodass es im Brandfall nur ein bisschen schmort. Zwei Dieselmotoren sichern den Betrieb bei Stromausfall.

Das über das leistungsstarke Landesnetz transportierte Datenvolumen der Behörden auch entsprechend zu steigern, ist der Job von ITDZ-Chefin Ines Fiedler. „Aktuell arbeiten wir am größten IT-Projekt Deutschlands“, sagt Fiedler, die 20 Jahre Erfahrung in der IT privater Unternehmen mitbrachte, als sie 2013 in den Landesbetrieb wechselte. Unter ihrer Führung soll das früher viel geschmähte ITDZ nun als „Digitalagentur“ die Behörden in die Zukunft führen. Mit Fiedler, die seit zwei Jahren Chefin ist, herrscht ein anderer Geist. Früher wollte das ITDZ eine Anwendung perfekt planen, ehe es losging. Fiedler hat dem Haus mehr Experimentierfreude verordnet. „Software ist nie fertig“, sagt sie.

Bisher arbeiten die Ämter mit einem Sammelsurium an mehr oder weniger veralteter Soft- und Hardware. So nutzen zwölf Bürgerämter zwölf unterschiedliche Softwarepakete. Das ITDZ hat aus dem E-Government-Gesetz den politischen Auftrag, Computer und Telefonanlagen zu erneuern und dafür Standards für die Verfahren umzusetzen. Bis 2023 sollen alle Akten elektronisch und nicht mehr auf Papier geführt werden. „Sportlich“ findet das Fiedler. Aber ihre Wirtschaftserfahrung lehre, dass ohne ambitionierte Ziele wenig passiere. 68.000 einheitliche Berlin-PCs soll das ITDZ einrichten. Die Mitarbeiterzahl wird sich von 672 fast verdoppeln.

Die Politik hat Respekt vor der Aufgabe. Der IT-Experte und FDP-Abgeordnete Bernd Schlömer sagt, die Schwierigkeit sei gar nicht die E-Akte, sondern die dafür nötige Aufgabenkritik und die Geschäftsprozesse in den Behörden. „Wie dieser Prozess aussieht, ist unklar.“

75 Dienstleistungen sind schon zum Teil online

Zuständig für die Digitalisierung der Behörden ist seit 2017 die Staatssekretärin Sabine Smentek. Aufgabe ihrer Mitarbeiter ist, erst einmal Aktenpläne zu aktualisieren, Verwaltungsabläufe zu straffen und so für die IT überhaupt abbildbar zu machen. Dazu müssen sie jede Behörde anschauen, denn das Friedhofsamt in einem Bezirk arbeite nicht genau so wie das anderswo. Manchmal sei eine Software selbst gebastelt, vertrage sich nicht mit geforderten Standards – unter anderem für die Sicherheit. „Das ist eine echte Fummelarbeit“, sagt Smentek.

Für die Bürger verspricht die Staatssekretärin Verbesserungen. Die Online-Terminvergabe etwa für die Bürgerämter funktioniert trotz einiger Schwächen bei der Nutzbarkeit schon ganz ordentlich. Unter service.berlin.de finden Bürger und Unternehmen bislang 75 verschiedene Dienstleistungen, die sich zumindest zum Teil über das Netz erledigen lassen. Zusätzlich gibt es das Service-Konto Berlin. Darüber ist eine sichere und komfortable Authentifizierung und Identifizierung für die Berliner Online-Dienste möglich. Aktuell können Nutzer darüber Gewerbeangelegenheiten, Parkausweise oder Kita-Gutscheine beantragen. Sukzessive werden alle Online-Dienste der Verwaltung an das Service-Konto angebunden. Geld sei vorhanden, heißt es. 2018 und 2019 würden 200 Millionen Euro in die verfahrensunabhängigen Informations- und Kommunikationstechnik investiert. Dennoch werden die Computer nicht die Macht übernehmen in den Ämtern. „Niemals werden wir Entscheidungen etwa in der Jugendhilfe über ein EDV-System fällen“, versichert Smentek.

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