Personalie

Margarete Koppers will ressortübergreifende Personalpolitik

Eine Generalstaatsanwältin gab es in Berlin noch nie: Ein Besuch bei Margarete Koppers.

Margarete Koppers Generalstaatsanwältin im Berliner Kammergericht

Margarete Koppers Generalstaatsanwältin im Berliner Kammergericht

Foto: Reto Klar

Berlin. Als Margarete Koppers 2010 ihr Amt als Polizeivizepräsidentin angetreten hatte, gehörte es zu ihren ersten Amtshandlungen, nach und nach sämtliche Standorte und Fachdienststellen der Riesenbehörde zu besuchen. Alle, die die 56-Jährige kennen sind sich sicher, dass solche Antrittsbesuche demnächst auch bei den etwa 370 Berliner Staatsanwälten erfolgen, deren oberste Dienstvorgesetzte sie jetzt ist. Dabei müsste sie eigentlich auch auf einen Staatsanwalt treffen, auf dessen Schreibtisch auch eine Akte liegt, deren Deckblatt den Namen Koppers ziert. Es ist ja hinlänglich bekannt, dass gegen sie wegen fahrlässiger Körperverletzung ermittelt. Es wäre interessant zu erleben, wie dieses Treffen abläuft. Es wäre überhaupt interessant zu erfahren, was Koppers selbst zu den gegen Sie erhobenen Vorwürfen sagt. Aber daraus wird nichts.

Das Gespräch mit der Berliner Morgenpost beginnt die neue „Generalin“ in ihrem Dienstzimmer im Kammergericht mit Blick auf den Kleistpark mit drei Sätzen. Zuerst kommt die Frage Kaffee oder Mineralwasser. Als nächstes der Hinweis, zum Thema Schießstände werde sie sich aufgrund des laufenden Verfahren nicht äußern. Und direkt danach das Angebot, Tee wäre auch da. Das klingt so, als wäre das Bemühen, eine gute Gastgeberin zu sein, genau so bedeutsam wie die laufenden Ermittlungen gegen sie.

Angesichts der Wucht, mit der Vorwürfe gerade in den vergangenen Monaten auf sie niedergeprasselt sind, wirkt Koppers erstaunlich gelassen. Auf die Frage, ob sie irgendwann mal daran gedacht hat, alles hinzuwerfen, antwortet sie nur mit einem knappen Nein. Sie wisse ja, dass gar nicht sie als Person gemeint sei, ergänzt sie noch, weitere Erläuterungen dazu folgen nicht. Wenige Tage später in ihrer Rede zur Amtseinführung wird sie dagegen deutliche Worte finden. Es sei versucht worden, ihre persönliche Reputation zu beschädigen, um den Justizsenator unter Druck zu setzen, führt sie aus.

Chefanklägerin und gleichzeitig Beschuldigte zu sein,solche Extreme passen irgendwie zu der Person Koppers. Kein Zweifel, in den acht Jahren in der Führung der Berliner Polizei hat sie polarisiert. Die, die ihr wohlgesonnen sind, loben ihre Offenheit, ihren kooperativen Führungsstil und ihre Entschlossenheit Dinge voranzutreiben. Gegner hingegen wissen gar nicht wo sie anfangen sollen mit ihrer Liste an Kritikpunkten. Hauptvorwurf seit Jahren: Ihr völlig übertriebener Reformeifer habe der Behörde mehr geschadet als genutzt und sei die Ursache für viele der heutigen Probleme.

Klaus Kandt ist in den Ruhestand versetzt worden

Berlins Polizeipräsident Klaus Kandt ist am Montag von seinen Aufgaben entbunden worden. "Die Polizei muss freigemacht werden von den Debatten der Vergangenheit", sagte Innensenator Andreas Geisel (SPD) am Montag.
Klaus Kandt ist in den Ruhestand versetzt worden

Stimmt einfach nicht, konntert Koppers die Berichte über ihren vermeintlich grenzenlosen Reformeifer. „Ich hatte keine Agenda als ich zur Polizei kam. Viele der Entwicklungen und Neuerungen, an denen ich mitgewirkt, die ich zum Teil auch angestoßen habe, kamen nicht ursprünglich von mir, sondern basierten auf Vorschlägen und Wünschen, aber auch auf offener Kritik aus den Reihen der Kolleginnen und Kollegen“, versichert sie.

Vorschläge, Änderungswünsche und Kritik ihrer Mitarbeiter hat sich die Polizeivizepräsidentin zu Genüge angehört. Bei ihren Besuchen ging es ihr stets darum, die Beamtinnen und Beamten zu animieren, Probleme offen anzusprechen. In weiten Teilen der Behörde kam das an, aber längst nicht überall. Manch ein direkter Vorgesetzter hätte es lieber gesehen, wenn Probleme innerhalb der Dienststelle geklärt worden wären, statt direkt die Behördenleitung einzubeziehen. Und auch bei einigen Personalvertretern stießen die Aktivitäten der Vizepräsidentin nur auf mäßige Begeisterung, waren und sind sie doch erste Ansprechpartner ihrer Kollegen.

Die Polizei muss sich ändern, der Entwicklung anpassen und sich öffnen, auch für Bewerber mit Migrationshintergrund, drei Innensenatoren haben das nacheinander propagiert, zwei Polizeipräsidenten und die Vizepräsidentin selbst haben die vorgegeben Linie umgesetzt. Aber wenn es um die Verantwortung für scheinbare oder tatsächliche Probleme geht, fällt zumeist der Name Koppers. Zu dem besonders schweren Vorwurf, die Polizei werde von kriminellen Banden unterwandert, äußert sie sich demonstrativ deutlich und bestimmt. Diese Behauptungen seien vollständig wiederlegt worden, wozu sich Polizeipräsident Klaus Kandt im Innenausschuss klar geäußert habe.

Kritik aus anonymen Quellen

„Aber das interessiert dann natürlich keinen“, diese Spitze kann sie sich dann doch nicht verkneifen. Dabei zeigt sich plötzlich, dass manches sie offenbar doch getroffen hat. Vor allem die Tatsache, dass Kritik und Vorwürfe vielfach aus anonymen Quellen stammten: „Ich habe diese Art, Kritik und Vorwürfe zu kommunizieren als zutiefst unfair empfunden“.

Dabei wirkt sie plötzlich sehr nachdenklich und zupft einen kurzen Moment an ihrer Halskette, die mit ihrer Kleidung perfekt abgestimmt ist. Wann immer Koppers öffentlich auftritt oder Besuch empfängt, lässt sich ihr äußeres Erscheinungsbild am ehesten als dezent elegant beschreiben. Die Kleidung ist sorgfältig ausgewählt, selbst die Brille passt farblich dazu. Ein Gespräch mit ihr kann zwischenzeitlich schon mal zur lockeren Plauderei werden, aber sobald es um Fakten geht und um Dinge, die ihr wichtig sind, kommen ihre Aussagen schnell, präzise, fast im dienstlichen Tonfall.

Geboren und aufgewachsen ist Berlins neue Generalstaatsanwältin am Niederrhein. Die Menschen in dieser sehr ländlichen Region nahe der holländischen Grenze haben mit dem, was man den Rheinländern gemeinhin nachsagt, wenig zu tun. Am Niederrhein ist man konservativ, bodenständig, mitunter wortkarg. Letzteres trifft auf Margarete Koppers definitiv nicht zu. Das liegt womöglich auch daran, dass sie direkt nach ihrem Abitur zum Studium nach Berlin kam.

Ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl nennt die Generalstaatsanwältin als Anlass für ihre Entscheidung, Jura zu studieren. Das klingt pathetisch, tatsächlich aber wird dieser Grund von vielen genannt, die sich bewusst für die Juristerei entschieden haben. Dass sie die Richterlaufbahn einschlug, hat auch einen pragmatische Grund. „Mein damaliger Mann war ebenfalls Richter und wir dachten, für die Familienplanung könne es von Vorteil sein, wenn beide im gleichen Beruf tätig sind“, erzählt Koppers.

Ob bei der Ernennung zu Vizepräsidentin oder jetzt nach Übernahme des neuen Amtes, kaum ein Artikel darüber kommt ohne die Feststellung aus, dass sie die erste Frau in diesen Positionen war und ist. „Ich habe mich immer für die Ämter und Positionen beworben, die mich interessiert haben, dass ich eine Frau bin, hatte dabei für mich keine besondere Bedeutung“, so Koppers. Sie habe aber schnell erkannt wie wichtig es für Frauen in Führungspositionen ist andere Frauen zu animieren, ihre Chancen zu suchen und zu , räumt sie dann doch ein.

Revolutionär war das ohnehin nicht. In einigen Bundesländern gibt es bereits Generalstaatsanwältinnen, Frauen als Gerichtspräsidentinnen sind mittlerweile Alltag und in Brandenburg gab es schon eine Polizeipräsidentin, da ahnte die junge Amtsrichterin Koppers noch nicht, wohin ihr Weg sie einmal führen würde

Die Justiz ist ihr Metier

Als frisch gebackene Polizeivizepräsidentin musste sie sich erst einmal mit den internen Abläufen der Behörde vertraut machen. Nach ihrem jetzigen Wechsel war das nicht nötig. Die Justiz ist ihr Metier, hier kennt die langjährige Richterin und Vizepräsidentin des Landgerichts sich aus. Und hat sehr genaue Vorstellungen von dem, was sie sich für ihre Behörde zukünftig vorstellt. In ihrem Büro sind auf einer Tafel Kärtchen mit den Namen aller Staatsanwälte angebracht. Dort ist noch viel Platz.“Es war schon erschütternd zu sehen, dass bei meiner Rückkehr noch über die gleichen Probleme gesprochen wurde, wie bei meinem Weggang“, beschreibt sie ihren ersten Eindruck

Wenn es um die notwendigen Verbesserungen bei der Strafverfolgung geht, denkt die neue Chefin weit über die Belange ihrer Behörde hinaus. Stellenzuwachs allein bei der Polizei ermögliche zwar intensivere Ermittlungen. Aber was nütze dies, fragt Koppers, wenn die Akten dann zur weiteren Bearbeitung bei einer überlasteten Staatsanwaltschaft lande, die dann ihrerseits Anklage bei einem ebenfalls überlasteten Gericht erhebe. Diese Überlegungen sind keinesfalls Ausdruck von Eifersüchteleien, es sind ihre Vorstellungen von einer ressortübergreifenden Personalpolitik, die den Bedürfnisse von Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichten gleichermaßen gerecht wird.

Auf ihrem Schreibtisch stapelt sich bereits die Arbeit. Sie wird schnell damit beginnen, die Dinge anzupacken, dort wo sie das Heft des Handelns in der Hand hat. Und wo das nicht der Fall ist, wird sie warten, zum Beispiel darauf, was weiter mit der Akte passiert, die ihren Namen trägt.

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