Berliner Wirtschaft

In diesen Bereichen ist Berlin Weltspitze

507 Firmen sind im Technologiepark in Adlershof angesiedelt. Viele Unternehmen sind hoch spezialisiert - und weltweit erfolgreich.

Roland Sillmann, Chef des Technologiepark-Betreibers Wista

Roland Sillmann, Chef des Technologiepark-Betreibers Wista

Foto: Reto Klar

In Adlershof sitzen die harten Techniker. Während sich die Gründer aus Mitte eher mit Online-Handel und hippen Anwendungen für Privatkunden befassen, bauen die Unternehmer im Südosten der Stadt vornehmlich ganz spezielle Maschinen, entwickeln völlig neue Verfahren und arbeiten an der Infrastruktur der Welt von morgen. „Deep Tech“, sagen die Fachleute.

Zwar wird dieses Thema eher selten mit Berlin in Verbindung gebracht. Aber allein im Technologiepark Adlershof sind zahlreiche Unternehmen tätig, die mit ihrem speziellen Wissen ziemlich allein sind auf der Welt oder in ihrem Feld den Weltmarkt dominieren. Die Betreibergesellschaft Wista hat die 507 Firmen im Technologiepark befragt. 41 davon bezeichnen sich selbst als Marktführer. Fünf davon stellen wir auf dieser Seite vor.

Fast jedes dritte Unternehmen reklamiert für sich, mit seiner Technologie weltweit an der Spitze zu stehen. „Was wir als ‚Nischenanbieter‘ bezeichnen, sind in Wirklichkeit hoch spezialisierte Unternehmen“, sagte Wista-Geschäftsführer Roland Sillmann am Freitag bei der Präsentation der Jahreszahlen.

Das vergangene Jahr brachte in Adlershof wieder Wachstumsraten, wie man sie vielleicht eher in China erwartet. Um 7,5 Prozent legten die Umsätze im Technologiepark selbst zu. Insgesamt erwirtschaftete das gesamte Gebiet, zu dem auch die Medienstadt und weitere Firmen zählen, erstmals mehr als zwei Milliarden Euro Umsatz. Firmen und Institute beschäftigen in Adlershof knapp 18.000 Menschen, fast 1000 mehr als im Vorjahr. Ein Ende ist nicht in Sicht, denn fast 60 Prozent der Firmen gehen für 2018 von steigenden Geschäften aus. Wista-Chef Sillmann geht davon aus, 2019 die Schallmauer von 20.000 Jobs zu überschreiten. Über Adlershof drehen sich Baukräne, demnächst eröffnet der Allianz-Campus mit 700 Mitarbeitern. Noch stehen den Entwicklern 70 Hektar für Ansiedlungen zur Verfügung.

Sicoya: Mehr Tempo für das Internet von morgen

Sicoya ist neu in Adlershof. Vor einem Jahr zog das Unternehmen aus der Technischen Universität (TU) ins Zentrum für Photonik und Optik im Technologiepark. Wachstum ist sicher: Nebenan sind für den kommenden Weltmarktführer weitere 500 Quadratmeter Flächen reserviert. Physik-Doktoranden der TU um Hanjo Rhee arbeiten seit zehn Jahren an den Grundlagen des Datenverkehrs von morgen. Ihre Technologie kann die Basis bilden für all die Verheißungen des digitalen Zeitalters, vom selbstfahrenden Auto bis zu Big Data. „Wir schaffen die Infrastruktur, um das Internet schneller zu machen“, erklärt Torsten Fiegler, Business Development Manager. Neben einer Sekretärin ist er der einzige Nicht-Techniker im 43-köpfigen Team.

Die Berliner Physiker haben eine neue Generation von Transceivern entwickeln. Das Wort ist eine Kombination aus den englischen Begriffen Transmitter, also Sender, und Receiver, also Empfänger. Sie bilden die Schnittstelle zwischen der datenverarbeitenden Elektronik und dem Glasfaserkabel, das optische Signale nutzt. Sicoya ist es gelungen, die Optik und die Elektronik auf einem winzigen Chip zu vereinen. Vergangene Woche hat der erste Kunde einen Millionenauftrag unterschrieben. Die ersten paar Tausend Chips sind ausgeliefert.

Herkömmliche Chips könnten 40 Gigabit pro Sekunde übertragen, der Sicoya-Chip schaffe 400 Gigabit und verbrauche deutlich weniger Energie, sagt Fiegler. Das zählt, denn jede Google-Abfrage koste so viel Strom wie das Aufbrühen einer Tasse Tee. Wegen dieser Verheißungen verhandelt Sicoya mit Giganten wie Google und Amazon, die die größten Datencenter betreiben. „Wir müssen uns nicht um die Nachfrage bemühen, die ist da“, sagt Mitgründer Rhee.

InSystems Automation: Maßgeschneiderte Transport-Roboter

Die gelbe Kiste voller Elektronik gleitet auf ihren Rädern geschmeidig durch die Werkstatt von InSystems Automation. Der Transport-Roboter erkennt mit seinen Sensoren Hindernisse, umfährt sie selbstständig, berechnet eine neue Strecke zum Ziel und schafft es so, seine Ladung präzise an der gewünschten Stelle anzuliefern. Selbstständig nimmt er über den Computer neue Aufträge entgegen und rollt zum nächsten Kunden, der ein Stück von A nach B befördert haben möchte.

Selbstfahrende Lastenfahrzeuge sausen durch viele Fabriken und Lagerhäuser weltweit. Aber nur hier in Adlershof fertigen Torsten Gast und seine Mitarbeiter sie quasi nach Maß: „Wir bauen kundenspezifisch autonome Roboter“, sagt der Geschäftsführer, der früher beim Berliner Rasierklingenhersteller Gillette beschäftigt war. Nach dem Abschied aus dem Konzern war es der frühere Arbeitgeber, der seine Logistik mit den Roboter-Lastenträgern von InSystems ausstattete. „Das Thema hat uns überrollt, seit wir das bei Gillette eingeführt haben“, sagt der Ingenieur Gast.

Die Flotten, die sie ausliefern, bestanden bisher aus maximal zehn Stück. Wie schwer die zu befördernden Lasten sein sollen, wie hoch der Roboter sie anreichen soll, wie breit die Wege sind und wie niedrig die Decken, all das können Gast und seine 65 Mitarbeiter berücksichtigen. Ergonomisch sei es wichtig, dass sich die Mitarbeiter nicht bücken müssen, sagt Gast. Und wenn die Bundesdruckerei aus Vertraulichkeitsgründen einen Deckel über den transportierten neuen Ausweisen schließen möchte, machen die Adlershofer auch das möglich. Die Roboter kosten zwischen 35.000 und einer halben Million Euro für einen Prototypen. Auch dabei können sie bei Insystems genau auf die Kunden eingehen.

2017 hat die 1999 gegründete Firma 60 solcher Roboter verkauft und etwa sechs Millionen Euro umgesetzt. „Wir könnten das Geschäft fast unendlich hochfahren“, sagt Gast. Der Bedarf nach maßgeschneiderten Logistiklösungen sei riesig. Bisher habe aber immer das Geld gefehlt, um mehr Prototypen zu entwickeln. Das ist eine nicht untypische Haltung der Adlershofer Unternehmer. Ehe sie von fremden Finanziers abhängig werden, wachsen sie lieber langsamer, dafür aus eigener Kraft.

LLA Instruments: Spezialkamera sortiert den Plastikmüll

Das Kameraauge arbeitet schnell und überaus präzise. Auf dem Förderband ziehen Wasserflaschen, Joghurtbecher, Tüten und anderer Plastikmüll vorbei. Am Bildschirm sieht der Mitarbeiter Arne Volland an der grünen, roten oder gelben Farbe sofort, ob es sich bei dem Material um PVV, Polyethylen oder einen anderen der polymorphen Kohlenwasserstoffe handelt, aus denen die moderne Plastikwelt zu großen Teilen besteht. Auch die Maschine erkennt die Stoffe. In einem zweiten Schritt können dann Druckluftdüsen präzise die Stücke aus unliebsamem Material aus dem Müllstrom heraus schießen.

Was in der Werkstatt von LLA Instruments in Adlershof zu sehen ist, hat angesichts des drohenden Recy-cling-Notstandes in Deutschland und anderswo eine enorme Konjunktur. Seit China Anfang des Jahres den Import von schlecht sortiertem Plastikmüll gestoppt hat, herrscht Alarmstimmung in der Abfallbranche. Bei LLA spürt man die anziehende Nachfrage. Viele neue Sortieranlagen werden gebraucht, um mit dem anfallenden Plastikmüll umgehen zu können.

Die Berliner sind mit ihrem System Marktführer. Nur ihre Hyperspektralkamera Kusta 1.9 msi kann auch PVC erkennen, dessen besondere Struktur das für andere Systeme unmöglich macht. „Das ist die einzige Kamera in diesem Wellenlängenbereich, die es gibt“, sagt Marketing-Managerin Lysann Simon. Die Firma LLA mit 30 Mitarbeitern gehört zu den Urgesteinen in Adlershof. Nach dem Ende der DDR wurde sie aus der Akademie der Wissenschaften ausgegründet. Aus diesen Forschern, die oft wider Willen zu Unternehmern wurden, besteht die erste Generation von Technologie-Unternehmen im Berliner Südosten. Meist sind sie erfolgreich.

Trumpf: Keiner bündelt mehr Licht im Laserstrahl

Stephan Strohmaier bildet die Vorhut. Mit einem Team aus inzwischen 25 Entwicklern tüftelt der promovierte Ingenieur in Adlershof für den schwäbischen Werkzeugmaschinenhersteller Trumpf an den stärksten Laserstrahlen der Welt. „Wir machen hier die Vorausentwicklung der Zukunft mit einem Horizont von zwei bis zehn Jahren“, sagt Strohmaier.

Auf der Fachmesse in San Francisco im vergangenen Jahr haben die Berliner zwei Weltrekorde aufgestellt. Kein Diodenlaser schafft es, mehr Licht zu erzeugen. Zudem entwickelt ihr Laser dauerhaft die höchste Brillanz. Der Laser kann also besonders viele Photonen pro Zeiteinheit mit einem kleinen Winkel auf einen sehr kleinen Punkt fokussieren. Das bringt Vorteile, wenn man mit dem Laser Material schneiden oder schweißen möchte. „Wir wollen mit neuer Technik und neuen Materialien technologisch an die Grenzen gehen, Diodenlaser mit bis über 70 Prozent Wirkungsgrad sind die Zukunft“, sagt der Leiter der Berliner Niederlassung und zeigt Bauteile mit hohem Anteil von purem Gold, dicke Stahlplatten, in die die Hochleistungslaser in kürzester Zeit tiefe Kerben geschnitten haben.

Der Familienkonzern aus Ditzingen bei Stuttgart mit 12.000 Mitarbeitern und mehr als drei Milliarden Euro Umsatz eröffnete seine Berliner Niederlassung vor zweieinhalb Jahren. Aus den ursprünglich geplanten sechs bis acht Experten in Berlin-Adlershof sind inzwischen 25 geworden. Trumpf steht für eine Gruppe von etablierten Hochtechnologie-Unternehmen, die sich seit einiger Zeit mit Entwicklungseinheiten in Adlershof ansiedeln, wo sie Spezialisten rekrutieren und mit Wissenschaftlern kooperieren können. „Die Lasertechnologie hat uns ermöglicht, Weltmarktführer zu werden“, sagt Strohmaier.

Scienion: Die Spezialisten für winzige Tröpfchen

Als Holger Eickhoff seinen Kollegen vom Max Plack Institut für molekulare Genetik mitteilte, dass ihre neue Firma von Dahlem nach Adlershof umziehen würde, machten die lange Gesichter. Es war 2001, und der Standort im Südosten der Stadt galt aus West-Sicht noch als sehr weit draußen. Die Zeiten haben sich geändert: Wenn sich die Firma mit 85 Mitarbeitern nun vergrößern will, solle das bitte in Adlershof passieren, berichtet der Vorstandschef der Scienion AG.

Die Berliner sind weltweit führend im Umgang mit kleinsten Mengen biologischer Flüssigkeiten. Über Nano-Technologie, also den Milliardstel Teil einer Einheit, kann Eickhoff nur müde lächeln. Er arbeitet mit Pikolitern, also einem Tausendstel Teil von Nano-Litern. Wenn aus einer Drucker-ähnlichen Maschine ein Tröpfchen Flüssigkeit auf ein Papier fällt, sieht man mit bloßem Auge gar nichts. Nur die Hochleistungskamera zeigt den Tropfen auf dem Bildschirm, der Computer weiß auch, dass soeben 458 Pikoliter den Ausgang verlassen haben. Die Maschine kann die Mini-Tropfen präzise an die gewünschten Punkte setzen.

Verwendet wird die Technologie überall da, wo teure Moleküle für Tests gebraucht werden. Bekanntestes Beispiel sind die Streifen für Schwangerschaftstests. „200 Millionen Tests werden pro Jahr mit unserer Technik hergestellt“, sagt der Scienion-Chef. Die Anlagen, die Scienion komplett verkauft, kosten zwischen einigen 10.000 und zweieinhalb Millionen Euro. Neuerdings haben sie ein zweites Standbein aufgebaut. Sie haben gelernt, lebende Zellen einzeln zu dosieren. Krebsforscher oder Medikamentenentwickler könnten nun jede einzelne Zelle untersuchen. „Da sind wir Vorreiter, das entwickelt sich stürmisch“, sagt Eickhoff. Neue Mitarbeiter zu finden ist nicht leicht für Scienion. „Das Personal, das wir suchen, gibt es nicht“, sagt der studierte Chemiker. Man bilde sich die Leute selber aus.

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