Neue Brennpunkte

Konsum von Rauschgift in Berlin nimmt zu

In Berlin gibt es so viele Drogendelikte wie zuletzt vor zehn Jahren. Dabei sind neue Brennpunkte in der Stadt entstanden.

Eine Straftat: Ein junger Mann begutachtet seine selbstangebauten Cannabispflanzen

Eine Straftat: Ein junger Mann begutachtet seine selbstangebauten Cannabispflanzen

Foto: imago stock / imago/photothek

Berlin.  Die Kriminalitätsanalyse des Landeskriminalamtes (LKA) für den S- und U-Bahnhof Yorckstraße in Schöneberg listet für das gesamte Jahr 2011 genau ein Drogen-Strafermittlungsverfahren. Damals ging es um den unerlaubten Handel mit Cannabis. Sechs Jahre später sind es 29 Ermittlungsverfahren wegen des Handels mit Heroin, vier Ermittlungsverfahren wegen Handels mit Kokain, zwei Verfahren wegen Handels mit Cannabis und 14 Verfahren wegen Handels mit sonstigen Betäubungsmitteln. Im direkten Vergleich zwischen den Jahren 2011 und 2017 ist das ein rasanter Anstieg bei den Verfahren. Die meisten Tatverdächtigen (29) stammen aus dem Libanon, gefolgt von Tatverdächtigen (16), deren Nationalität nicht bekannt ist und Verdächtigen aus Syrien (6).

Die Entwicklung am S- und U-Bahnhof Yorckstraße passt zu der Gesamtentwicklung in Berlin. In der Hauptstadt wurden im vergangenen Jahr so viele Rauschgiftdelikte festgestellt wie zuletzt vor zehn Jahren. Der SPD-Abgeordnete Tom Schreiber hatte diese Entwicklung zum Anlass genommen, um bei der Innenverwaltung für mehrere Orte in der Stadt genaue Zahlen zu Drogen und Täterstrukturen abzufragen – und hat dabei wie im Fall der Yorckstraße Erstaunliches zu Tage gefördert.

Anwohnerbeschwerden haben sich gehäuft

"Wir müssen solche Zahlen genau analysieren und frühzeitig gegensteuern. Sonst haben wir an der Yorckstraße den nächsten kriminalitätsbelasteten Ort", sagte Schreiber der Berliner Morgenpost. Polizisten berichten, dass der Bahnhof sich seit etwa eineinhalb Jahren zu einem Drogenumschlagsplatz entwickelt. Ein Grund sei die fehlende Polizeipräsenz gewesen, heißt es aus dem Abschnitt. Das hätten auch die Dealer bemerkt.

So hat sich die Kriminalität 2017 in Berlin entwickelt

Laut der Kriminalstatistik 2017 ist Berlin sicherer geworden. Bei manchen Delikten gibt es aber auch starke Zuwächse.
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Auch die Anwohnerbeschwerden hätten sich in letzter Zeit gehäuft. Bei der Gewerkschaft der Polizei hat man die Entwicklung an der Yorckstraße ebenfalls registriert. "Der Bereich ist ein Paradebeispiel dafür, wie sich frequentierte Orte zum Drogen-Hotspot entwickeln, wenn Polizeipräsenz und Kontrolldruck nachlassen. In den vergangenen Jahren hat sich dort ein Mekka für die gesamte Schöneberger Drogendealerszene gebildet. Die Schwerpunkteinsätze in den zurückliegenden Monaten führten zu hohen Fallzahlen und einer langsamen Verdrängung, die man jetzt bereits am Bayerischen Platz spürt, bei dem wir aufpassen müssen, dass sich hier nicht ein neuer Hotspot öffnet", sagte GDP-Sprecher Benjamin Jendro der Berliner Morgenpost.

Auch wenn Ermittler keinen direkten Zusammenhang sehen, ist die Gegend in Schöneberg seit Wochen in den Schlagzeilen. Denn in der Nähe des S- und U-Bahnhofes Yorckstraße befindet sich die Pallasstraße, an der es regelmäßig zu Übergriffen kommt. Zuletzt wurden hier Sanitäter, Polizisten und Passanten attackiert. Wegen mehrerer Gewaltvorfälle hatte die Spreewald-grundschule einen Wachschutz organisiert.

Libanesische Clanmitglieder haben das Sagen

Die Probleme im Kiez sind seit Jahren bekannt. Polizisten berichten von libanesischen Clanmitgliedern, die dort das Sagen haben. "Das ist wie eine Symbiose. Clanstrukturen, organisierte Kriminalität und Drogenhandel. Wir dürfen solche Entwicklungen nicht zulassen", sagte Schreiber dieser Zeitung. Der Abgeordnete fordert mehr Polizeipräsenz im Kiez.

Die Anfrage von Schreiber offenbart auch, wie international der Drogenhandel in Berlin insgesamt ist. Im Görlitzer Park ermittelte das LKA im vergangenen Jahr 202 Tatverdächtige aus 28 Ländern. Die meisten Dealer (75) kamen aus Guinea, gefolgt von Gambia (33), Sierra-Leone (11) und Mali (10).

Ein ähnliches Bild offenbart sich an der Warschauer Brücke und der Warschauer Straße. Dort ermittelte das LKA 270 Dealer aus 34 Ländern. Hier kamen die meisten aus Gambia (62), gefolgt von Guinea-Bissau (31) und Ägypten (23). Am Kottbusser Tor waren es 317 Tatverdächtige aus 25 Ländern. Dort kamen die meisten Dealer aus Algerien (55), gefolgt von Marokko (47) und Syrien (37).

Die Zahlen belegen, was Berliner Ermittler schon lange wissen. Sie sprechen in Berlin beim Drogenhandel von heterogenen Täterstrukturen. Auffällig ist, und auch das bestätigen die Zahlen, dass für den Straßenverkauf immer wieder Flüchtlinge angeworben werden. "Es gibt nicht die eine Tätergruppierung, die den Berliner Markt dominiert", sagte ein Ermittler der Zollfahndung der Berliner Morgenpost. Die Globalisierung funktioniere auch auf dem Drogenmarkt. Das gelte auch für die Ebene hinter den Dealern in den Parks und an den Brennpunkten. Auch hier mischen alle mit: Rockergruppierungen, arabische Clans, Banden aus Südosteuropa, immer häufiger auch Tschetschenen, wie ein alarmierender Bericht des Bundeskriminalamtes kürzlich offenbarte.

Auf allen Ebenen mischen laut Ermittlern auch Deutsche mit. Das gilt besonders für die Konsumentenebene. Ein Markt sei da, wo es die Nachfrage gebe, sagte ein Ermittler der Berliner Morgenpost. Und die Nachfrage sei in der Partyhauptstadt Berlin nach wie vor ungebrochen.

Drogen-Stadt Berlin

Delikte: Grundsätzlich wurden im vergangenen Jahr in Berlin 16.077 Rauschgiftdelikte erfasst. Im Jahr 2008 waren es noch 11.631. Mehr als die Hälfte aller festgestellten Delikte betreffen dabei Cannabis. Einen starken Anstieg von 42 Prozent auf knapp 900 Fälle gab es bei den gefassten Konsumenten von Kokain und ein Plus von zehn Prozent auf 300 erfasste festgenommene Schmuggler im Jahr 2017.

Politik: In der Berliner Innenverwaltung führt man die gestiegenen Zahlen vor allem auf den gestiegenen Druck durch Ermittlungsbehörden zurück. "Je mehr die Polizei kontrolliert, desto mehr Fälle kommen ans Licht", sagte Innensenator Andreas Geisel (SPD) der Berliner Morgenpost. Das sei ein großer Erfolg für die Ermittler. In Berlin gebe es zudem kein Ende der Null-Toleranz-Politik.

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