Spaziergang

Bauunternehmer Groth - Zwischen Sozialbauten und Palästen

Der Chef der Groth Gruppe hat in Berlin 4,5 Milliarden Euro verbaut. Ein Spaziergang mit Klaus Groth durch das Tiergartenviertel.

Bauunternehmer Klaus Groth im Diplomatenpark

Bauunternehmer Klaus Groth im Diplomatenpark

Foto: Reto Klar

Berlin. Ein Spaziergang mit Klaus Groth durch Berlin? Da kommen viele Orte infrage, schließlich hat der Chef der Groth Gruppe in der Stadt so viele steinerne Zeugnisse hinterlassen, dass man sich eigentlich überall treffen könnte. In den vergangenen 35 Jahren hat der Immobilien­unternehmer mehr als 1000 Gebäude errichtet und dabei die imposante Summe von 4,5 Milliarden Euro verbaut. Doch schließlich entscheidet sich Groth, der am Montag seinen 80. Geburtstag feiert, für einen Spaziergang durch das Tiergartenviertel. Eine gute Wahl: Auf einem knappen Quadratkilometer ist hier in der Mitte Berlins alles versammelt, was das berufliche Schaffen des ebenso emsigen wie umstrittenen Berliner Baulöwen ausmacht.

Als Treffpunkt für einen Spaziergang mit der Berliner Morgenpost hat Groth die Clara-Wieck-Straße 1 an der Ecke Tiergartenstraße vorgeschlagen – beim Doorman um 14 Uhr. Dann müsse niemand draußen frieren. Schon mit dem Vorschlag hat der gewiefte Geschäftsmann – bewusst oder unbewusst – zwei Signale ausgesendet, die ganz typisch für ihn sind: galante Fürsorglichkeit, gepaart mit dem diskreten Hinweis auf Luxus und Wohlstand. Die Sorge, dass seine Gesprächspartnerin frieren müsste, erweist sich glücklicherweise als unbegründet. Nach den bitterkalten Februarwochen zeigt sich der März nun von seiner frühlingshaften Seite. Ohnehin steigt Groth überpünktlich aus der schwarzen Limousine, die sein Fahrer geräuschlos in den „Diplomatenpark“ gleiten lässt. So heißt das aus zehn noblen Stadtvillen mit knapp 100 Wohnungen sowie zwei Botschaftsgebäuden bestehende Quartier beiderseits der Clara-Wieck-Straße. Sechs von ihnen hat die Groth Gruppe mit niederländischen Partnern errichtet.

Wirtschaftliche Krise erfasste Berlin – und auch Groth

Baubeginn für das Projekt war 2008 – im letzten Jahr der 1999 einsetzenden „großen Depression“, wie Groth die Zeit nennt, in der er nahezu sein gesamtes Privatvermögen verlor und andere Bauträger in Berlin reihenweise aufgeben mussten, weil sich die Nachwende-Prognosen über das Bevölkerungswachstum nicht erfüllt hatten. Statt zu wachsen, war die Hauptstadt in dieser Zeit sogar geschrumpft. Rund 100.000 Wohnungen, die mit immensen öffentlichen Fördersummen errichtet wurden, standen am Ende dieser Krisenjahre leer. Dazu kam, dass auch die wirtschaftliche Dynamik, die 1991 mit dem Hautstadtbeschluss eingesetzt hatte, als Botschaften, Verbände und Parteien von Bonn an die Spree zogen, 2001 nahezu zum Erliegen kam. Richtig schlimm wurde es dann , als auch noch die gewerblichen Zehn-Jahres-Mietverträge ausliefen und durch den wirtschaftlichen Einbruch Marktmieten rapide sanken und die Banken ihre Kredite daraufhin fällig stellten.

Mieten: Berlin ist für Normalverdiener kaum noch bezahlbar
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Klaus Groth hat diese Phase mit einem blauen Auge überstanden – auch wenn er große Teile seiner geliebten Nolde-Sammlung, Häuser in Berlin, auf Sylt, in Marbella oder seine Luxusvilla auf der Karibikinsel Mustique verkaufen musste. „Aber aufgeben kommt nicht infrage“, sagt der Bauernsohn, der auf dem platten Land in Dithmarschen aufgewachsen ist. Die Verbundenheit mit der schleswig-holsteinischen Heimat hat er nie abgelegt, der norddeutsche Zungenschlag ist auch heute noch unüberhörbar, obwohl er seit Anfang der 1980erJahre in Berlin lebt.

Ausgerechnet die weltweite Finanzkrise 2008 brachte für Groth die Rettung, weil Menschen auf der ganzen Welt versuchten, ihr Geld in sicherem Beton anzulegen. Als Groth mit dem Bau des Diplomatenparks begann, der auf eine wohlhabende Klientel aus dem In- und Ausland setzte, die Häuser mit repräsentativen Eingangsfoyers und Doorman-Service ausstattete, in den Wohnungen drei Meter hohe Räume, begehbare Kleiderschränke sowie großzügige Bäder und Küchen zum Standard machte und das Ganze noch mit einer hauseigenen Tiefgarage und komplexer Sicherheitstechnik ausstattete, mutete das in der „Arm, aber sexy“-Metropole noch reichlich exotisch an. Doch der gelernte Verwaltungskaufmann hatte mal wieder den richtigen Riecher.

Obwohl die Quadratmeterpreise in den von namhaften Architekten entworfenen Häusern zwischen 4300 und 9050 Euro lagen – für damalige Verhältnisse exorbitant hoch – und auch die Mietwohnungen mit Kaltmieten zwischen 17,50 bis 21 Euro pro Quadratmeter geradezu schwindelerregend anmuteten, waren alle Einheiten schnell bezogen. „Und es gibt keine Fluktuation, die Menschen fühlen sich hier nach wie vor wohl“, sagt Groth sichtlich zufrieden, während wir gemessenen Schritts in Richtung Landwehrkanal laufen, wo „Heydt Eins“ steht, ein 2015 fertiggestelltes Wohnhaus mit vielen kleinen, halbrunden Balkonen direkt an der Von-der-Heydt-Straße. Das Gebäude bildet den Schlussstein seiner vielen Bauprojekte beiderseits der Klingelhöferstraße zwischen Landwehrkanal und Tiergarten. Die hochpreisigen Eigentumswohnungen waren ebenfalls schnell verkauft.

Braucht Berlin mehr Wolkenkratzer?
Braucht Berlin mehr Wolkenkratzer?

Dass Groth ausgerechnet mit dem Bau von Luxuswohnungen der Krise entkam, entbehrt nicht einer gewissen Ironie, denn seine Karriere im damaligen West-Berlin begann er mit Bauten für eine ganz andere Kundschaft. Gemeinsam mit Dieter Graalfs hatte er die Groth+Graalfs Wohnbau GmbH gegründet, die es in den 80er-Jahren mit staatlich subventionierten Sozialwohnungen, darunter den IBA-Bauten an der Rauchstraße, in deren Richtung wir jetzt langsam weiterschlendern, zu beachtlichem Wohlstand gebracht hat.

Doch bevor wir dort ankommen, liegen noch ein paar echte Highlights aus seinem umfangreichen Baurepertoire auf unserem Weg. Die markante gläserne Spitze des Konrad-Adenauer-Hauses, der CDU-Zentrale an der Klingelhöferstraße, schiebt sich nun in unser Blickfeld. Das Gebäude ist wohl das am häufigsten gezeigte Bauwerk, das er jemals errichtet hat. Gefühlt in jeder zweiten Nachrichtensendung ist es mindestens als Hintergrundbild zu sehen. „Baubeginn für das Gebäude war 1998, damals war Helmut Kohl noch Parteivorsitzender der CDU, eingeweiht wurde es zwei Jahre später von Angela Merkel“, sagt Groth, selbst Mitglied der Union, der bei der Eröffnungsfeier damals natürlich dabei war. Vorbei geht es am Chinesischen Kulturzen­trum, dem Kulturzentrum von Aserbaidschan, der KPMG-Zentrale, über die Straße zur Mexikanischen Botschaft – „eines meiner Lieblingsgebäude, die Zusammenarbeit mit den mexikanischen Architekten war wirklich toll“, erinnert er sich, während wir nun die Siedlung in der Rauchstraße erreichen, die für die Internationale Bauausstellung (IBA) 1983 bis 1985 von Groth errichtet wurde und den Förderwahnsinn der damaligen Zeit bestens illustriert.

Sozialbauten in Luxusausführung

Für die rund 240 Sozialwohnungen, die in den acht Stadtvillen zwischen Rauch- und Thomas-Dehler-Straße untergebracht wurden, wurde damals alles verpflichtet, was in der internationalen Architektenszene Rang und Namen hatte, darunter Aldo Rossi, Giorgio Grassi und Hans Hollein. „Rund 4500 D-Mark kostete der Quadratmeter, es wurde mit einer Kostenmiete von 42 Mark gerechnet“, erinnert sich Groth. Die absurd hohen Kosten und unrealistischen Mieterwartungen seien aber nicht auf seinem Mist gewachsen, sondern politisch gewollt gewesen. „Geld spielte bei der IBA damals keine Rolle, wenn die Architekten eine aufwendige und kostenintensive Ausführung wollten, haben sie die auch bekommen, da gab es keine Diskussion“, sagt er, während wir uns die postmodernen Häuser anschauen, die in der noblen Nachbarschaft teils ziemlich heruntergekommen wirken.

Von den Villen in allerbester Parklage sind nur noch fünf mit einer Mietpreisbindung als Sozialwohnungen gesichert, bei dreien ist die Förderung inzwischen ausgelaufen. „Letztlich wurden diese Wohnungen sogar aufwendiger gebaut als die Eigentumswohnungen im Diplomatenpark“, sagt Groth, während wir uns langsam dem „Café am Neuen See“ nähern. Bei Kaffee und Kuchen wollen wir nun auch noch über die Dinge sprechen, die den Privatmann Groth ausmachen.

„Die Familie ist das Wichtigste für mich“, sagt Groth, nachdem wir einen Platz in der Nähe des Kamins gefunden und unsere Bestellung aufgegeben haben. Stolz sei er auf alle seine vier Kinder, „die zum Glück alle gut geraten sind, obwohl ich sicher viel falsch gemacht habe“, fügt er hinzu. Der Jüngste, Nikolas, sei erst 17 und mache nächstes Jahr sein Abitur. „Ich habe immer zu viel gearbeitet, mich zu wenig gekümmert, daran sind wohl auch meine Ehen gescheitert“, gesteht er freimütig. Allerdings habe er zu seinen Ex-Ehefrauen ein gutes Verhältnis bewahrt. Insgesamt sechs Mal hat der Unternehmer geheiratet.

Froh ist er insbesondere, dass Sohn Thomas, mit 53 Jahren das älteste seiner Kinder, Geschäftsführer der Groth Gruppe ist. Das bedeute aber nicht, dass er sich als geschäftsführender Gesellschafter nun aufs Altenteil zurückziehe. „Ich gehe noch jeden Tag ins Büro“, sagt er. Und das soll auch noch eine ganze Weile so bleiben, wünscht er sich, auch wenn er für seine Hobbys – darunter klassische Musik, Expressionistische Malerei und Kreuzfahrten mit der MS Europa – gerne mehr Zeit hätte. „Aber es gibt noch so viel zu tun: Wir wollen in Lichterfelde-Süd auf dem ehemaligen Militärgelände der Amerikaner bauen und wir haben ein Projekt in Wolfsburg, zusammen entstehen da 5500 Wohnungen“, sagt er. Das möchte er nicht einfach so der kommenden Generation überlassen.

Dennoch beschäftigt ihn die Frage, wie es mit seinen zahlreichen Projekten weitergehen soll, wenn er einmal nicht mehr ist – insbesondere mit denen im sozialen und kulturellen Bereich, denn von denen gibt es eine ganze Menge. Sein Engagement reicht von der Spende für zahlreiche Kirchenbauten – „der Glaube spielt für mich eine sehr wichtige Rolle, ich bete jeden Abend“ – bis hin zur Finanzierung einer Küchenkraft für die Mercator-Schule oder der vier syrischen Flüchtlingskinder, für die seine Unternehmenssprecherin die Patenschaft übernommen hat.

„Ich gründe gerade eine Klaus-Groth-Stiftung, das werde ich auf meiner Geburtstagsfeier bekannt geben“, verrät er. Gefeiert wird am kommenden Dienstag, einen Tag nach seinem 80. Geburtstag, im Konzerthaus am Gendarmenmarkt mit 350 geladenen Gästen. „Ich habe lange überlegt, ob ich nicht lieber verreise“, gesteht er. Aber da er bereits seinen 50., 60. und auch den 70. Geburtstag groß gefeiert habe, sei ihm das schließlich nicht richtig und beinahe wie eine Flucht vorgekommen. „Und das passt so gar nicht zu mir“, sagt er.

Zur Person

Leben: Klaus Groth wurde am 12. März 1938 geboren. Er wuchs im schleswig-holsteinischen Kleve/Dithmarschen auf einem Bauernhof auf und lebt seit 1982 in Berlin. Groth ist in sechster Ehe verheiratet, hat vier Kinder und zehn Enkel. Er wohnt in Dahlem.

Karriere: Groth startete seine berufliche Laufbahn mit einer Verwaltungslehre und arbeitete in den 1960er-Jahren als Kommunalbeamter, bevor er in die freie Wirtschaft wechselte. 1976 gründete er sein eigenes Bauunternehmen, dessen Firmensitz er 1982 nach Berlin verlegte. Im selben Jahr folgte die Gründung der Groth+Graalfs Wohnbau GmbH, die seit 1999 als Groth Gruppe firmiert.

Auszeichnungen: 1998 wurde Klaus Groth als prägende Persönlichkeit für den Wohnungs- und Gewerbebau und als Initiator eines sozialen Stadtteilmanagements in Berlin das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse verliehen.

Der Spaziergang beginnt an der Clara-Wieck-Straße und führt durch das im Zweiten Weltkrieg nahezu vollständig zerstörte Tiergartenviertel, in dem Groth neben zahlreichen Wohnhäusern unter anderem die Mexikanische Botschaft, das Chinesische Kulturzen­trum und die CDU-Zentrale errichtet hat. Endpunkt ist das „Café am Neuen See“.