Berlin

Popstar der Mathematik

Für Günter M. Ziegler ist Geometrie überall. Seine Wahl zum Präsidenten der Freien Universität scheint sicher, dabei gibt es noch weitere Kandidaten

Es scheint nur noch eine Formalität zu sein: Günter M. Ziegler, ein 54-jähriger Münchner mit einem kleinen silbernen Ring im rechten Ohr und einer Leidenschaft für die Zahl Pi, soll Präsident der Freien Universität Berlin (FU) werden. Davon zeugt eine kleine, goldene Figur auf seinem Konferenztisch. Eine Frau, die Hände gen Himmel gestreckt, eine goldene Kugel darin. Darunter die Gravierung „130 Jahre Urania Berlin“. Anfang der Woche, bei der Jubiläumsfeier der Schöneberger Bildungsinstitution, wurde ihm die Trophäe überreicht. Auf die Bühne wurde er als „neuer Präsident der FU“ gerufen.

Es stimmt schon: Der Literaturwissenschaftler Peter-André Alt tritt nicht mehr zur Wiederwahl an. Aber Ziegler, Professor an der FU, ist nicht der einzige Kandidat für die Nachfolge. Mitte Februar hat der Akademische Senat auch die Politikwissenschaftlerin Tanja Brühl von der Frankfurter Johann Wolfgang Goethe-Universität vorgeschlagen. Das Kuratorium der FU kann Ende März noch weitere Kandidaten empfehlen. Erst Anfang Mai wird gewählt. Trotzdem scheint Zieglers Wahl so gut wie sicher. Er sagt: „Ich gehe davon aus, das ich das machen sollte.“

Professor Zieglers Büro trägt die Nummer 007

Echt jetzt? Ein Mathefreak mit Spezialgebiet Diskrete Geometrie, genauer, die Erforschung von vierdimensionalen Polyedern, dessen Büroschild Besucher mit Wortwitzen empfängt, die man allerfrühestens nach vier Semestern Mathestudium versteht – „Doktor Günter M. Ziegler, Praxis für Polytopologie, Kombinatorik und Komplexes, Sprechzeiten: diskret und differenziert“ –, dieser Mann soll Präsident einer Uni mit 31.500 Studierenden in elf Fachbereichen wie Geschichts- und Kulturwissenschaften, Psychologie oder Politik- und Sozialwissenschaften werden? Wer eine Stunde mit ihm in seinem Büro mit der Nummer 007 („Natürlich!“, sagt Ziegler) verbracht hat, denkt: unbedingt.

Herr Ziegler, was ist das eigentlich, Mathematik? „Ganz sicher nicht, was auf Wikipedia steht.“ Dort heißt es: Mathematik untersuche selbstgeschaffene, ab-strakte Strukturen mittels der Logik auf ihre Eigenschaften und Muster. „Das klingt furchtbar langweilig und irrelevant“, sagt Ziegler. Für ihn ist Mathematik der jahrtausendealte, qualvolle Versuch, die Welt zu beschreiben. „Es ist ein kreatives und komplexes Ding, das uns andauernd umgibt. Jeder kann sich dafür begeistern.“

Die Polyeder etwa. Mit Kreide kritzelt er ein paar Vielecke an die Tafel, dazu ein paar Gleichungen und Vektoren. Schon glaubt man ihm: Polyeder stecken überall, etwa hinter der Optimierung von Busfahrplänen. Sein Rezept gegen den Zahlenverdruss der anderen: Mathe erzählen, nicht erklären.

Da ist etwa die Geschichte eines kleinen, 102 Millimeter langen Knochens. Ein Ethnologe hat ihn in den 70er-Jahren an der Grenze zwischen Kongo und Uganda ausgegraben. Der Ishango-Knochen. Einkerbungen in ihm ergeben Zahlenreihen. Eine lautet: 11, 13, 17, 19. Jetzt leuchten Zieglers Augen. Die Primzahlen zwischen 10 und 20! In Wirklichkeit dürfte es sich bei dem Knochen wohl um eine Art Kalender gehandelt haben. Trotzdem: „Das heißt doch, Mathematik fängt in der frühen Steinzeit an, vor 22.000 Jahren irgendwo in Zentralafrika, mit Menschen, die irgendetwas zählten.“

Ziegler hat ein ganzes Buch mit solchen Mathe-Geschichten vollgeschrieben. Titel: „Mathematik – Das ist doch keine Kunst“. Gerade arbeitet er an der sechsten Auflage von „Das Buch der Beweise“, das er zusammen mit seinem österreichischen Kollegen Martin Aigner geschrieben hat und das inzwischen in 14 Sprachen übersetzt wurde. Ein anderes heißt „Darf ich Zahlen – Geschichten aus der Mathematik“. In den Klappentexten seiner Bücher wird er als „Deutschlands smartester Mathematikprofessor“ bezeichnet, oder als „Popstar der Mathematik“. Ziegler kokettiert gerne mit dem Image des unverkrampften Rechengurus. Als der Morgenpost-Fotograf beim Termin an der Uni vorschlägt, der Präsident in spe könnte sich für doch für ein Motiv auch im Schneidersitz auf seinen Konferenztisch setzen, zögert Ziegler keinen einzigen Moment, lässt sich den Glanz im Gesicht wegpudern, lächelt, posiert.

Offenheit kommt der FU gelegen. Eine von Zieglers ersten Aufgaben als Präsident wird es sein, einen gemeinsamen Exzellenzantrag der drei Berliner Universitäten auszugestalten. Auch hierbei spricht einiges gegen die Kandidatin aus Frankfurt/M.: Ziegler ist in Berlin gut vernetzt, lebt seit 25 Jahren hier, war sechs Jahre Professor an der TU, seit 2011 an der FU. Der Weg dorthin liest sich wie die Karriere eines Wunderkindes. Das schriftliche Dividieren lernte Ziegler, so erzählt er es, an einem Nachmittag. Das war, als die Klassenlehrerin in der Volksschule vorgeschlagen hat, der kleine Günter könnte doch die dritte Klasse überspringen. Am Gymnasium gewinnt er dann zweimal den Bundeswettbewerb Mathematik, einmal „Jugend forscht“, einmal die Internationale Mathematik-Olympiade. Abischnitt: 1,0. Ziegler studiert erst in München, dann an der amerikanischen Eliteuni MIT. Dort überspringt er eine weitere Karrierestufe, promoviert ohne Diplom mit 24 Jahren. Fünf Jahre später wird er Professor in Berlin.

Die knappe Zeit als Wurzel aller Frustration in Mathe

Wie ist das so, wenn man auf der Überholspur geboren wird? Ziegler winkt ab. „Das ist nicht passiert, weil ich einen IQ von 140 habe und einfach besser bin als andere.“ Der IQ sei sowieso ein Mythos. „Als könne man so etwas mit Zahlen ausdrücken!“ Sein Erfolgsrezept: „Ein gutes Gedächtnis und viel Sitzfleisch.“

Schnelligkeit sei sowieso nicht entscheidend. „Vielleicht sind die, die langsam lernen, denen man die Sachen auf zwei oder drei unterschiedliche Weisen erklären muss, am Ende die, die es wirklich kapiert haben.“ Die knappe Zeit, das sei die Wurzel aller Frustration im Matheunterricht. Jeder lerne anders. Nur ein Bildungssystem, das damit umgehen kann, könne erfolgreich sein.

Diversität ist ein wichtiges Thema für Ziegler. Eines, dem er als Uni-Präsident viel Platz einräumen möchte. Diversität, das heißt für ihn mehr Internationalität, mehr interdisziplinäre Projekte, mehr Frauen auf Professorenstellen. Am besten ohne Quoten. „Wir müssen den Blick schärfen für Mechanismen und Stereotypen, die bewirken das Frauen durch Berufungskommissionen benachteiligt werden“, sagt Ziegler.

Wenn er im Mai die Wahl tatsächlich gewinnt, wäre er der erste offen schwule Uni-Präsident Deutschlands. Uninteressant, findet Ziegler. Es sei das Jahr 2018 und die FU nun mal in Berlin. Viel wichtiger: „Ich wäre der erste Mathematiker an der Spitze der FU.“ Einer, der mit vielen Stereotypen bricht.

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