Neubauten

Plötzlich 10.000 Wohnungen für den Acker in Pankow

Die Bauverwaltung plant im Blankenburger Süden nun doppelt so viele Wohnungen. Die Bürger sind überrascht, SPD kündigt Widerstand an.

Das Bebauungsgebiet Blankenburger Süden

Das Bebauungsgebiet Blankenburger Süden

Foto: Reto Klar

Berlin. Bisher musste sich Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher stets gegen Vorwürfe wehren, ihre Wohnungsbaupläne seien nicht ambitioniert genug. Jetzt aber haben die Planer aus ihrem Haus das Gegenteil dessen getan, was der Linke-Politikerin sonst vorgehalten wird. Sie haben das Wohnungsbau-Potenzial in einem der größten Neubaugebiete der Stadt mal eben fast verdoppelt. Im Blankenburger Süden in Pankow sollen statt der bisher kommunizierten 5000 bis 6000 nun eher 10.000 Wohnungen entstehen.

Die Anwohner, die sich schon seit fast zwei Jahren an den Planungen beteiligen, waren „schockiert“, als sie kurz vor einer großen Bürgerversammlung in Buch am Sonnabend von den neuen Zahlen erfuhren. Wer am S-Bahnhof Blankenburg ankommt, wird mit einem Protestplakat empfangen. „Straßenbahn und TVN gegen grüne Lunge“ steht darauf. TVN ist die Tangentialverbindung Nord, eine geplante Anbindungsstraße.

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Lompschers Beamte, die drei Varianten vorstellten, erklärten den Sprung bei den Wohnungszahlen so: Die 5000 bis 6000 Wohnungen bezögen sich nur auf die Fläche des früheren Rieselfeldes, das mit Drei- bis Fünfgeschossern im Stile einer Gartenstadt bebaut werden soll. „Es ist aber auch klar, dass man da hin und auch wieder wegkommen muss“, sagte Jochen Lang aus der Stadtentwicklungsverwaltung den Bürgern. Bei der Suche nach möglichen Verkehrsanbindungen seien umliegende Gebiete in den Blick geraten. So stehen nun die von Kleingärtnern und Siedlern genutzte Erholungsanlage Blankenburg östlich des Rieselfeldes ebenso zur Disposition wie der Golfplatz Pankow im Norden und das Gewerbegebiet Heinersdorf im Süden. Zudem werde Platz benötigt für einen Straßenbahn-Betriebshof, denn die verlängerte Linie M2 soll das neue Wohngebiet anbinden und dafür die Erholungsanlage durchschneiden.

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„Wir fühlen uns getäuscht und sind wütend“

Lompscher betonte, es sei noch nichts entschieden. Dass sich die Zahl möglicher Wohnungen erhöht habe, sei kein „dezidierter Auftrag“ gewesen, sondern „Ergebnis eines planerischen Prozesses“. Es sei aber „ein Problem“, dass sich die Menschen darüber „nicht informiert fühlen“. Tatsächlich haben die Ressorts für Stadtentwicklung und für Verkehr den Blankenburger Süden als Modellprojekt für die frühzeitige Beteiligung der Bürger konzipiert. CDU-Generalsekretär Stefan Evers sieht jedoch „die Akzeptanz gefährdet“. „Denn das setzt klare Kommunikation voraus“, kritisierte der stadtentwicklungspolitische Sprecher der CDU.

Nadin Braun jedenfalls ist noch am Tag nach der Versammlung auf 180. „Wir fühlen uns getäuscht und sind wütend, dass nicht von Anfang an über das Ausmaß des Projektes geredet wurde“, sagte die 34-Jährige im Garten ihres Siedlungshauses, das womöglich der Straßenbahntrasse weichen muss. Sie will nicht weg und befürchtet, gerade genug Geld für den vor drei Jahren aufgenommenen Kredit zu bekommen und dafür nichts Vergleichbares in Berlin für ihre Familie zu finden.

Politisch zeichnet sich über das Projekt eine bemerkenswerte Gemengelage ab. Der Grünen-Baupolitiker Andreas Otto, selbst aus Pankow, hält es zum jetzigen Zeitpunkt für nicht so wichtig, ob am Ende 6000 oder 9000 Wohnungen stehen. Dagegen kommt aus der SPD Widerstand, obwohl der Regierende Bürgermeister und SPD-Landeschef Michael Müller keine Gelegenheit auslässt, Lompscher mangelnden Ehrgeiz beim Neubau vorzuwerfen und dafür wirbt, „höher und dichter“ zu bauen.

Der Pankower SPD-Abgeordnete Dennis Buchner erinnerte jedoch daran, wie im Wahlkampf 2016 alle Parteien den Bewohnern der Blankenburger Anlage versicherten, dass sie erhalten werde. Er verlangt von den Planern, zum eigentlichen politischen Auftrag zurückzukehren und sich auf die 5000 bis 6000 Wohnungen auf dem Rieselfeld zu beschränken.

SPD-Stadtentwicklungsexperte Daniel Buchholz sagte, man werde sich die neuen Überlegungen „sehr genau anschauen“. Aber ehe mit dem Wohnungsbau begonnen werde, brauche man „verbindliche Planungen für den Verkehr. Es gebe keine richtige Erschließung des Geländes, sagte Buchholz: „Egal ob für 4000 oder für 8000 Wohnungen.“

Das wissen auch die Senatsplaner, die sich daher zunächst die Verlängerung der Straßenbahn und den Bau der lange geplanten Straße Tangentialverbindung Nord vorgenommen haben. Das soll bis 2025 dauern. Für den Wohnungsbau reicht der Zeithorizont dann bis weit über 2030 hinaus. Gelassen reagier­te also auch ein Rentner, der seit 30 Jahren in der Erholungsanlage wohnt. Wer wisse schon, ob er dann noch lebe, sagte er. Und solange er nichts Konkretes wisse, werde er sich nicht aufregen.

Lichterfelde: Ringen um die Zahl der Wohnungen

Das größte Bauvorhaben im Südwesten der Stadt entsteht auf dem Gelände des ehemaligen amerikanischen Truppenübungsplatzes Parks Range an der Stadtgrenze in Lichterfelde. Die Immobiliengesellschaft der Bahn verkaufte das 96 Hektar große Areal zwischen Osdorfer Straße, S-Bahn und Stadtgrenze 2012 an die Groth-Gruppe. Seitdem wird über die Dimension des Bauvorhabens gestritten. Ein Bürgerbegehren, das die Zahl der Wohnungen auf 1500 begrenzen wollte, scheiterte. Nun plant der Entwickler auf knapp der Hälfte der Fläche 1900 Geschosswohnungen und 600 Reihenhäuser plus Kita, Grundschule, Sportanlagen sowie Läden und Gastronomie für die Nahversorgung. Derzeit arbeitet der Bezirk am Bebauungsplan.

Elisabeth-Aue: Zankapfel in Berlins Politik

Ein weiterer Acker in Pankow war während der Koalitionsverhandlungen zwischen SPD, Linken und Grünen eines der Streitthemen der Stadtentwicklungspolitiker: die Elisabeth-Aue zwischen den Ortsteilen Französisch-Buchholz und Rosenthal. Auf mehr als 70 Hektar könnten hier mehrere 1000 Wohnungen und ein komplett neuer Stadtteil entstehen. Die SPD konnte sich aber nicht gegen Linke und Grüne mit ihrer Forderung durchsetzen, eine weitere unerschlossene Grünfläche schnell für den Wohnungsbau heranzuziehen. Die Elisabeth-Aue bleibt aber in der Debatte. Sie gilt als großes „Potenzialgebiet“, dessen Bebauung aber in dieser Legislaturperiode nicht weiter verfolgt wird.

Buckower Baugebiet: Zunehmende Größe sorgt für Ärger

Auch im Neuköllner Ortsteil Buckow ärgern sich Anwohner und Lokalpolitiker über das Wachstum eines dort vorgesehenen Neubaugebiets im Verlauf des Planungsprozesses. Auf den Buckower Feldern an der Landesgrenze plant die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Stadt und Land nun 900 Wohnungen, einige davon in Eigenheimen. Erste Überlegungen waren noch von der Hälfte ausgegangen. Diese Dimension hielten auch die meisten Anwohner und der Bezirk Neukölln für vertretbar. Der Senat wirbt aber damit, dass viele günstige Wohnungen entstehen sollen. Die Hälfte soll für 6,50 Euro pro Quadratmeter und Monat vermietet werden. Der Bezirk drängt darauf, dass die soziale Infrastruktur nun ausreichend groß gebaut wird.

Tempelhofer Feld: Noch tabu, aber in der Debatte

Berlins größte innerstädtische Brache, das mehr als 350 Hektar große ehemalige Flugfeld des Flughafens Tempelhof, ist politisch vermintes Terrain. 2014 kippte ein Volksentscheid mit großer Mehrheit die Pläne des Senats, an den Rändern des Feldes 5000 Wohnungen und eine neue Zentralbibliothek zu errichten. Immer wieder lässt unter anderem der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD), der damals Bausenator war, durchblicken, dass das Feld vielleicht nicht für alle Zeiten frei bleiben könne, wenn der Druck auf dem Wohnungsmarkt weiter wachse. Noch aber traut sich niemand, das Volksgesetz anzufassen. Das geht so weit, dass das gerade errichtete Containerdorf für Flüchtlinge 2019 wieder verschwinden soll.

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