Start in den Job

Berufsorientierung: Wie arbeitet es sich so als Lehrer?

Beim „Zukunftscampus“ werben Lehrer bei Abiturienten für ihren Beruf – und hoffen, so den Nachwuchs für den Job zu begeistern.

Schulleiterin  Mengü Özhan-Erhardt (l.) aus Tempelhof beim Workshop mit Schülern

Schulleiterin Mengü Özhan-Erhardt (l.) aus Tempelhof beim Workshop mit Schülern

Foto: Christian Kielmann

Berlin. Da sitzen sie, die Berliner Lehrer des Jahres 2025, womöglich auch erst 2026. Denn so lange wird es wohl noch dauern, bis sie mit Staatsexamen vor einer Klasse stehen. Rund 180 Oberschüler der Stadt sind zum Zukunftscampus "Neue Lehrkräfte für Berlin 2018" in der Humboldt-Universität zusammengekommen und man kann sagen, diese jungen Menschen sind begehrtes Gut in der Hauptstadt. Pädagogen werden händeringend gesucht.

Ob die Teilnehmer von heute nach dem Abitur wirklich den Weg des Lehramts einschlagen? Man weiß es nicht genau. Aber eine Tendenz scheinen sie schon zu verspüren, sonst säßen sie nicht hier im Hörsaal. Nun gilt es, aus dem Fünkchen Begeisterung ein Feuer der Entschlossenheit zu entfachen.

Einer will ans Gymnasium, die andere an die Grundschule

Leo denkt an Sport und Englisch am Gymnasium. Emilia überlegt Kunst und Deutsch an der Sekundarschule. Marie will womöglich Englisch und Deutsch an der Grundschule machen. Und Alaa? Der möchte als Lehrer bei einer Berufsschule anfangen. Schließlich hat er neben dem Abitur auch schon eine abgeschlossene Ausbildung zum KFZ-Mechatroniker gemacht. Mit kleinen Kindern, das sei "nicht so sein Ding". Mit Jugendlichen zu arbeiten dagegen schon. "Ich will das, was ich gelernt habe, weitergeben", sagt er.

Spaß haben, beizubringen. Spaß haben, selbst zu lernen. Wer das mitbringt, der ist in dem Beruf richtig. "Und man muss Menschen mögen. Kinder, Jugendliche, die Eltern", meint Andreas Stephan, selbst Studienrat, der in der Senatsverwaltung für Bildung das Referat Lehrerausbildung leitet. Es sind heute viele erfahrene Pädagogen zusammengekommen, die in Workshops aus der Praxis erzählen. Sie stehen den Schülern Rede und Antwort.

Es wird ehrlich geredet. Die neugierigen Schüler, die ja jetzt noch auf der anderen Seite des Lehrertisches sitzen, dürfen alles fragen. Gesprochen wird mit ihnen nicht wie mit Schülern, sondern wie mit zukünftigen Kollegen. Manches Geheimnis wird gelüftet. Auch, wie schwer es am Anfang ist, sich als Autorität zu fühlen. Seit zwei Jahren ist jetzt beispielsweise Francesca Lüdecke Gymnasiallehrerin in Schöneweide. "Mein erster Elternanruf war furchtbar", erzählt sie. "Wie lange ich da vorher vor dem Telefon saß." Die anderen Lehrer nicken verständnisvoll. Die Schüler schauen erstaunt. Lehrer-Lampenfieber, das ist neu.

"Der Frust an der Uni ist riesengroß"

Seit 2016 wird der Zukunftscampus jährlich veranstaltet. Alle Berliner Universitäten machen mit: die drei abgekürzten HU, FU und TU. Und die UDK – die Universität der Künste. Motor der Veranstaltung ist Stefan Kipf, der an der Humboldt-Universität die Didaktik der Alten Sprachen lehrt. Er weiß, die Lehrerausbildung ist langwierig. Sechseinhalb Jahre, schneller geht es nicht. Sechs Semester Bachelorstudium, dann vier Semester Master. Und danach noch das Referendariat von achtzehn Monaten. Am Schluss die Prüfung zum Staatsexamen. Voilà, das war es. "Puh, ist das lang", stöhnt eine junge Gymnasiastin.

Und das in einer Zeit der Quereinsteiger, die nach einem vierwöchigen Crashkurs in Pädagogik auf Schüler losgelassen werden. "Der Frust an der Uni ist riesengroß", sagt Stefan Kipf. Der ganze Aufwand und die anderen kriegen sofort Stellen auf Lebenszeit. Aber auf den Beruf lässt er nichts kommen. "Es ist ein extrem wichtiger Beruf." Einer, der die Gesellschaft prägt.

Schnell wird deutlich – die erfahrenen Kollegen freuen sich auf die "zukünftigen Kollegen", die heute in die Räume der Professional School of Education der HU gekommen sind. Die Zeit, als junge Referendare im Lehrerzimmer stoffelig behandelt wurden, ist vorbei. Ja, bestätigt Dimitri Livadiotis vom Oberstufenzentrum in Marzahn, das habe sich völlig geändert. Warum? Weil alle wissen: "Wenn man die neu ankommenden Lehrer nicht nett behandelt, dann sind die weg." Offene Stellen gibt es ja genügend in der Stadt.

Faule Säcke? Nicht in Zeiten der Ganztagsschule

Und was beschäftigt viele der Schüler, die mit dem Lehrerberuf liebäugeln, wirklich? Die Frage: Wie viel Arbeit, wie viel Freizeit. Ex-Kanzler Gerhard Schröder mag ja mal Lehrer als "faule Säcke" bezeichnet haben – zwölf Wochen Urlaub, nachmittags frei –, aber schnell wird klar, in Zeiten von Ganztagsschule ist Lehrer ein zeitaufwändiger Beruf. Vorbereitung, Nachbereitung, Klausuren und Text korrigieren, Elterngespräche, Klassenfahrten. "Als Lehrer hat man das Gefühl, nie fertig zu sein", sagt Andreas Stephan. Man müsse gut organisiert sein.

Und, bei aller Liebe zu den Schülern, auch abschalten können. Dafür sind die Sommerferien da. "Da vergesse ich alle Namen", erzählt Dimitri Livadiotis grinsend. "Das ist wie Speicher löschen." Im nächsten Schuljahr gehe es mit neuem Schwung wieder los. Bei einem sind sich aber alle einig: Es sei ein toller Beruf. "Wenn man sieht, die Kinder haben etwas gelernt, das ist so schön", schwärmt Grundschullehrerin Nalan Sahin. Lebensverändernd schön.

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