Schulen

Der Klassenraum ist in Berlin bald Vergangenheit

Schulen für das 21. Jahrhundert: Senatorin Sandra Scheeres (SPD) stellt neues Raumkonzept für Neubauten vor.

Bildungssenatorin Sandra Scheeres in einer Schulklasse (Archivbild)

Bildungssenatorin Sandra Scheeres in einer Schulklasse (Archivbild)

Foto: dpa Picture-Alliance / Maurizio Gambarini / picture alliance / Maurizio Gamb

Die Zeit des guten alten Klassenraums, sie ist Geschichte. Wer in Zukunft als Berliner Schüler seine Schule betritt, der sucht erst mal sein „Compartment“ auf. Dort durchquert er das „Forum“, um zum „Stammgruppenraum“ zu gelangen. Der Stammgruppenraum ist das, was früher das gute alte Klassenzimmer war. Es kann aber auch sein, dass der Schüler in einer kleineren Gruppe im „Teilungsraum“ unterrichtet wird – um dort besonders gefördert zu werden. Und wenn es ihm alles zu viel wird, dann legt er sich kurz in den „Ruheraum“.

Kein Problem – Lehrer und Erzieher sind ja gleich in der Nähe. Zwar gibt es kein Lehrerzimmer mehr, auch das gehört bald der Vergangenheit an, aber dafür einen „Teambereich“ gleich in der Nähe, wo sich Pädagogen, Erzieher und möglicherweise auch Sozialpädagogen aufhalten. Vorbei die Tage, wo der Schüler auf Fluren herumlungerte, bevor er in sein Klassenzimmer trat, wo ihn ein Lehrer mit drögem Frontalunterricht von der Tafel aus erwartete.

Berlin braucht neue Schulen – und zwar sehr schnell

„Wir stellen uns die Schule des 21. Jahrhunderts völlig anders vor“, sagte am Mittwoch Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) bei der Vorstellung des neuen Raumprogramms für die kommenden Schulen, die in den nächsten Jahren gebaut werden sollen. Bekannt ist ja schon länger, dass Berlin einen großen Bedarf an neuen Schulplätzen hat, weil die Zahl der Schüler permanent wächst. Darum hat der Senat eine Schulbauoffensive ins Leben gerufen, die nun Gestalt annimmt.

Da es mit den kommenden Schulen ganz schnell gehen muss, hat die Senatsverwaltung Bildung, Jugend und Familie – zusammen mit Schul- und Hochbauamt und Elternvertretern – mit einem Raumkonzept klare Vorgaben gemacht, wie die Raumgestaltung aussehen soll. „Musterraumfunktionsprogramm“ lautet das Schlagwort, das nun Architekten für einen kommenden Wettbewerb, der zeitnah ausgeschrieben wird, genaue Vorgaben machen soll. Gesucht wird eine Form, die Bauten einerseits zu stan­dar­di­sie­ren, um schnell voranzukommen und sich nicht in Einzelplanung zeitlich zu verzetteln. Und gleichzeitig eine gewisse Individualität zuzulassen.

Lehrer protestieren mit Schutzmasken gegen Schrott-Schulen
Lehrer protestieren mit Schutzmasken gegen Schrott-Schulen

Erste Schulen des Typs sollen 2020/2021 fertig sein

„Eine Schule am Stadtrand wird sicherlich nicht so aussehen wie eine Schule in der Innenstadt“, so Scheeres. Doch viele Elemente werden sich Dank des neuen Raumprogrammes wiederholen. Die ersten 14 Schulen dieses Typus sollen 2020/2021 fertig sein, bestätigte die Senatorin am Mittwoch.

Aber wie sieht die Schule der Zukunft genau aus – besonders: Was bedeutet sie für Schüler und Lehrer? In der Senatsverwaltung betont man „das Mehr an pädagogischer Fläche“ für jeden Schüler. So hatte bislang ein Grundschüler im Durchschnitt 5,8 Quadratmeter zur Verfügung. Das erhöht sich nun auf 7,4 Quadratmeter. Noch mehr Zugewinn haben die Schüler der Sekundarschulen und Gymnasien. Von 6,9 erhöht es sich hier auf 8,8 Quadratmeter.

Allerdings – „pädagogische Fläche“ ist eine kleine Mogelpackung, denn an der eigentlichen Größe des Klassenzimmers – neudeutsch: Stammgruppenraum – ändert sich nicht viel. Schon jetzt ist vorgeschrieben, dass Klassenzimmer in Grundschulen 60 bis 65 Quadratmeter groß sein müssen. In den neuen Schulen werden sie alle 65 Quadratmeter groß sein. Bei den erweiterten Schulen bleibt die Größe bei 70 Quadratmeter.

Das Forum – ein Eingangsbereich zu den Klassenräumen

Völlig neu dagegen ist die Möglichkeit, einen Ort wie beispielsweise das „Forum“ zu bespielen. Das Forum ist so eine Art Eingangsbereich, der zu den einzelnen Klassenräumen und Funktionsräumen führt. Doch anders als bei Schulfluren, die bislang viele Schulen geprägt haben, ist das Forum ein eigener Raum, der auch eigen gestaltet werden kann: mit Sitzkissen, Arbeits- und Leseecken, einer Bühne und vielem mehr. Lehrer und Erzieher haben also ganz andere Möglichkeiten, aus ihrem üblichen Klassenzimmer herauszukommen und auch mal in Projekten und anderen Formen zu arbeiten.

Ergänzend zu den „Compartments“, dem Herzstück jeder Schule, soll es gesonderte Fachräume zu verschiedenen Themen geben. Das gilt für Grundschulen genauso wie für weiterführende Schulen. Jeweils 80 Quadratmeter sind für den Bereich Naturwissenschaft, Kreativität und Kochen und gesunde Ernährung vorgesehen. Ob die Fachräume auf einer Ebene mit den Klassenzimmern und Foren liegen oder auf einer anderen Etage, ist jeder Schule selbst überlassen.

Mensen werden rund 100 Quadratmeter größer

Weiterhin verändert sich die Größe und auch Funktion der Mensen. Um rund 100 Quadratmeter wächst die Mensa der Grundschule an. Für eine dreizügige Grundschule gilt: Statt 171 Quadratmeter sind es nun 272 Quadratmeter.. Gegessen werden soll in drei Schichten, wichtig sei, dass jedes Kind garantiert 35 Minuten für die Essenspause habe. So entstehe keine Hektik. In Grundschulen ist vorgesehen, dass alle Schüler dort Mittag essen.

In weiterführenden Schulen ist das ein wenig anders, hier wird nur mit einer Quote von 40 Prozent Schülern gerechnet, die mittags in die Mensa gehen. Aber auch die wird größer sein. Statt wie im Moment 102 Quadratmeter sind es dann bei einer vierzügigen Schule 50 Quadratmeter mehr. Außerdem soll die Mensa an einen Mehrzweckraum grenzen, der mit dem Mensa­bereich zusammengeführt werden kann. Es geht darum, so einen Veranstaltungs- und Versammlungsraum für jede Schule zu kreieren, bei der von der Vollversammlung bis zur Theateraufführung alles möglich ist.

Da die Schulen inzwischen ja alle auch auf Inklusion ausgerichtet sind, werden sie barrierefrei gebaut. Auch an Fahrradständer wurde schon bei der Planung gedacht. Genauso wie an Behindertenparkplätze. Besonders stolz ist man aber bei der Senatsverwaltung darauf, dass jede neue Schule einen Kunstraum mit Brennofen erhält. Viele Schulen hätten längst einen Brennofen. Nun kriegen sie auch den Raum dazu.

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