Umstrittene Methode

FDP will „Schreiben nach Gehör“ an Berlins Schulen beenden

Das „Schreiben nach Gehör“ ist an Schulen umstritten. Die FDP will diese Art des Lernens ganz abschaffen. Ein Pro und Contra.

Eine  Berliner Grundschülerin mit ihren Schulsachen

Eine Berliner Grundschülerin mit ihren Schulsachen

Foto: Reto Klar

Berlin. Wenn der „Baga“ auf der Baustelle schafft, und der „Rita“ auf der Burg wohnt, dann wissen Eltern Berliner Grundschüler: Hier hat die Methode „Schreiben nach Gehör“ gewütet. Über ein Jahrzehnt ist es her, dass die Methode Eingang in unsere Grundschulen gefunden hat. Nun will die FDP im Berliner Abgeordnetenhaus beantragen, die Methode endgültig abzuschaffen.

Damit folgt die FDP einem Kurs, der aktuell auch in anderen Bundesländern gefahren wird. So ist die Lernmethode, die manchmal auch „Lesen durch Schreiben“ genannt wird, inzwischen in Baden-Württemberg und Hamburg verboten. Hier wird nun ab der ersten Klasse auf korrekte Rechtsschreibung geachtet, das spielerische Herangehen ans Schreiben ist dort Vergangenheit. Die strikte Form des „Schreiben nach Gehör“ sieht vor, dass Lehrer erst ab der 3. Klasse die Orthografie korrigieren sollen, um den Kindern den Spaß am Schreiben nicht zu nehmen. Dann allerdings ist der Schock oft groß.

Bei der Senatsverwaltung für Bildung hält man inzwischen offenbar auch Distanz zur Methode, die „nicht kompatibel mit dem Rahmenlehrplan“ sei, so Sprecherin Beate Stoffers. Zwar sei freies Schreiben am Anfang wichtig, aber die „rechtschriftliche Norm“ müsse trotzdem vermittelt werden. Sprich: die Rechtschreibung. Dass sich Berliner Grundschüler damit extrem schwer tun, hat zuletzt der Vergleichstest für Drittklässler Vera 3 gezeigt.

Was für die Methode spricht: Kinder werden kreativ

Die Idee hinter „Schreiben nach Gehör“ ist simpel: Die Kinder sollen sofort losschreiben können – und dürfen. Es soll ihnen jegliche Scheu vor dem Schreiben genommen werden. In den 70er-Jahren entwickelte der Reformpädagoge Jürgen Reichen die Methode, die dann nach und nach – über Vermittlung in den Universitäten – Eingang in die Schulen fand, weil sie als besonders innovativ galt.

Man geht dabei von der Neugier jeden Kindes aus, der Lust, sich ausdrücken zu wollen – auch schriftlich. Anfangs gibt es eine „Kinderschreibweise“, erst später wird dann die – orthografisch korrekte – „Erwachsenenschreibweise“ vermittelt. Experten sprechen davon, dass die Grundschulkinder anfangs „Vorformen der Orthografie“ erlebten. Die allerdings lesen sich für Eltern oft abstrus. „Main Fata ischt kuhl“ war das Beispiel einer empörten Mutter, das durch die Presse ging. Heißen sollte das: „Mein Vater ist cool“.

Doch um ein Kind nicht zu schnell zu frustrieren, bleibt diese falsche Rechtschreibung eine Weile erlaubt. Die Lehrer vertrauen auf das „selbstständige Interesse“ des Kindes, dessen „innere Neugier“ es dazu bringen werde, irgendwann das Wort korrekt lernen zu wollen, in einem „individuellen Tempo“. Allerdings wird die strenge Form dieser Methode, dass bis zur dritten Klasse weder von Lehrern noch von Eltern korrigiert werden darf, in Berlin wohl kaum noch angewandt. Das bestätigt auch Norman Heise, Vorsitzender des Landeselternausschusses. Die Zahl der Klagen über die Methode seien in den letzten Jahren sehr zurückgegangen, sagt er. Von einem regelrechten Verbot der Methode hält er deshalb nichts.

Auch die Grünen-Abgeordnete Marianne Burkert-Eulitz, Mutter von zwei Grundschulkindern, hat gute Erfahrungen mit der Methode. Von Anfang an habe sie beispielsweise von ihrem Sohn kleine Zettel erhalten, die er mit viel Freude geschrieben habe. „Er wurde nicht gleich gebremst in seinem Tun.“ Sie findet allerdings wichtig, dass gleich von Beginn an auch Wert auf die Rechtschreibung gelegt wird: „Man kann ja das eine tun, ohne das andere zu lassen.“

Was gegen die Methode spricht

Die letzten Schuluntersuchungen lassen keinen Zweifel: Berlins Grundschüler tun sich mit der Rechtschreibung zunehmend schwer. So schnitten im gerade veröffentlichten Vergleichstest der Drittklässler (Vera 3) bei Rechtschreibkompetenz fast die Hälfte der geprüften Grundschüler weit unterdurchschnittlich ab. Unter den Kindern, die in Familien mit anderer Muttersprache aufwachsen, sind es sogar 61 Prozent.

Es liegt nahe, die Methode „Schreiben nach Gehör“ dafür als Hauptschuldigen auszumachen – hat doch die Methode seit gut 15 Jahren verstärkt Eingang in die Grundschulen gefunden. Das gute alte Diktat dagegen galt lange Zeit als verpönt. Sollte man also zum Frontalunterricht zurückkehren, als man Wörter 20 Mal abschreiben musste, bis sie korrekt saßen?

Experten warnen vor zu schnellen Schlüssen. Es sei schwer abzuschätzen, sagte beispielsweise der Sprachwissenschaftler Wolfgang Steinig, ob die Methode jetzt „die wichtigste Rolle“ spiele bei der allgemeinen Verschlechterung der Rechtschreibung in den Schulen. Schüler von heute läsen viel weniger als Schüler früher. Außerdem verführten bei Computern Autokorrekturen zum schlampigen Schreiben.

Hildegard Bentele, bildungspolitische Sprecherin der CDU-Fraktion, ist auch zurückhaltend bei dem Thema. Die Erwartung, dass eine Verbannung der Lehrmethode „Schreiben nach Gehör“ aus den Klassenzimmern alles ändere, sei naiv. „Wir werden mit einer Maßnahme nicht alle Grundschulprobleme lösen.“ Dennoch sehe sie die Methode kritisch, besonders, wenn sie von Lehrern zu lange angewandt werde.

Ähnlich argumentiert Maja Lasić von der SPD. Ja, räumt sie ein, die Methode sei sicherlich veraltet. Aber man müsse vorsichtig sein, als Politiker zu stark in den Schulbereich hineinzuregieren. Schließlich dürften Lehrer bis zu einem gewissen Grad selbst entscheiden, wie sie lehren. Hauptsache, es funktioniert.

Allerdings – wer die Vera-3-Ergebnisse in Berlin sieht, muss einräumen: es funktioniert ganz offenbar nicht.

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