CDU und AfD üben Kritik

Broschüre zu sexueller Vielfalt in der Kita sorgt für Wirbel

Die Broschüre „Murat spielt Prinzessin, Alex hat zwei Mütter und Sophie heißt jetzt Ben“ soll an Kindertagesstätten ausgegeben werden.

Eine Broschüre über sexuelle Vielfalt für Kita-Erzieher sorgt für Wirbel (Archiv)

Eine Broschüre über sexuelle Vielfalt für Kita-Erzieher sorgt für Wirbel (Archiv)

Foto: Uwe Anspach / dpa

Berlin. Ist es notwendig, Kinder schon im Kita-Alter über Transsexualität und gleichgeschlechtliche Lebensweisen aufzuklären? Davon ist zumindest der Berliner Senat überzeugt und will 2000 Broschüren zu dem Thema an Berliner Kitas verteilen. Die CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus fordert den Senat nun in einem Antrag dazu auf, „die Verteilung und Nutzung der Broschüre unverzüglich zu stoppen“.

Kleinstkinder sollten „Kind sein dürfen, ohne in den jüngsten Jahren mit Fragestellungen zur sexuellen Identität konfrontiert zu werden“, heißt es in dem Antrag der CDU. Die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie verwahrt sich gegen die Kritik. Es sei vielmehr „völlig normal, dazu Fachinformationen bereitzustellen“, so Iris Brennberger, Sprecherin der Senatsbildungsverwaltung. „Die Lebenswirklichkeit ist vielfältig und macht auch vor der Kita-Tür nicht halt.“ Es gebe Kita-Kinder mit gleichgeschlechtlichen Elternpaaren und Kinder, die sich anders als die Mehrheit verhalten, so Brennberger weiter. „Es gibt auch Kinder, bei denen die Geschlechtsmerkmale nicht eindeutig ausgeprägt sind. Diese Kinder erleben oft Hänseleien und Ausgrenzung, manchmal sind Eltern stark verunsichert.“

Der Titel der umstrittenen Handreichung klingt eher nach einem Kinderbuch: „Murat spielt Prinzessin, Alexa hat zwei Mütter und Sophie heißt jetzt Ben“. Gedacht sei das Werk jedoch ausschließlich für Erwachsene, so Brennberger. Die Broschüre wurde in Kooperation mit dem sozialpädagogischen Fortbildungsinstitut Berlin-Brandenburg erstellt und erschien in einer ersten Version schon 2014. Die neue Auflage wurde vom Senat mit 7500 Euro gefördert und soll an den Berliner Kitas verteilt werden.

CDU-Kritik: "Macher schießen deutlich über das Ziel hinaus"

Auf gut 100 Seiten gibt die Broschüre Antworten auf viele Fragen – in Erfahrungsberichten von Eltern, Kinderzitaten, Fachbeiträgen aus der Genderforschung und auch mit praktischen Tipps, etwa zu Kinderbüchern. Vieles davon klingt selbstverständlich, manches eher skurril, etwa wenn ein fünfjähriges Kind mit dem Satz zitiert wird: „Ich möchte mal einen Bart haben, Brüste mit Milch drin, Baby im Bauch, Penis und Scheide und eine hohe Stimme.“ An anderer Stelle informiert eine Statistik, dass den meisten Menschen ihre sexuelle Orientierung frühestens ab einem Alter von etwa zehn Jahren bewusst wird.

Warum also Aufklärung schon in der Kita? Ziel der Handreichung sei, „Themen geschlechtlicher und sexueller Vielfalt aktiv in die frühkindliche pädagogische Arbeit einzubringen“, heißt es in der Einleitung. Dabei geht es offenbar nicht allein um Aufklärung, sondern ausdrücklich auch um den „rechtlichen, fachlichen und politischen Auftrag“ der Berliner Kindertageseinrichtungen.

Die CDU-Fraktion sei nicht grundsätzlich gegen sexuelle Vielfalt, betont Florian Graf, Chef der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus. „Aber die Macher dieser Broschüre schießen deutlich über das Ziel hinaus.“ Graf zitiert eine Stelle aus dem Kapitel „Praxishilfen“: Wenn Eltern sich über das nicht geschlechtsrollenkonforme Verhalten eines Kindes ablehnend äußerten, heißt es dort, solle die Situation „unter dem Blickwinkel einer möglichen Kindeswohlgefährdung“ betrachtet werden. „Das geht uns zu weit“, sagt Graf. „Im Umkehrschluss würde das heißen, dass man Eltern, die nicht bereit sind, über das Thema sexuelle Vielfalt zu sprechen, ihre Kinder wegnehmen kann.“

In vielen Kitas sieht man das Thema gelassener. Christine Paschke ist Leiterin der Kita „Kastanienallee“ in Westend. Sie habe von der Broschüre schon gehört und über den Titel etwas geschmunzelt, „aber noch kein Exemplar gelesen“, sagt sie. Dahinter stecke aber eine Thematik, die man ernst nehmen müsse, so Paschke. „Egal ob Transgender oder das dritte Geschlecht, es ist wichtig, den Kindern die Vielfalt deutlich zu machen und auf den Weg zu geben.“ Ein wichtiges pädagogisches Ziel sei eine offene und tolerante Haltung, „Kindern muss das verdeutlicht werden“. Sollen auch die Eltern miteinbezogen werden? Paschke meint: Ja. „Es gibt natürlich unterschiedliche Eltern und unterschiedliche pädagogische Konzepte, aber Eltern sollten auch aufgeklärt werden.“

In anderen Kitas ist die Einstellung zu der Broschüre kritischer. Die Leiterin einer weiteren Kita in Charlottenburg sagte, sie würde eine Aufklärung zu sexueller Vielfalt nur im konkreten Fall in Erwägung ziehen, wenn beispielsweise Kinder auffällig sexualisiertes Verhalten zeigen.

Mehr zum Thema:

Berlins Grüne fordern Online-Portal über die „Ehe für alle“

Wenn „bezirksfremde“ Kinder in der Kita abgelehnt werden

Pankow bremst Kita-Betreiber aus