Interview

Schreiber zu Polizeiakademie: Was fehlt, ist ein Masterplan

Eine Woche lang war der Berliner SPD-Politiker Tom Schreiber in der Polizeiakademie. Im Interview schildert er seine Erfahrungen.

Skandalschmiede Polizeiakademie

Schüler der Berliner Polizeiakademie sollen in Spandau herumgegrölt und randaliert haben. Polizeipräsident Klaus Kandt kündigte an, dem Vorfall auf den Grund zu gehen.
Mi, 06.12.2017, 18.14 Uhr

Skandalschmiede Polizeiakademie

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Berlin. Herr Schreiber, die Polizeiakademie soll einen neuen Chef bekommen. Löst das die Probleme?

Tom Schreiber: Personen und Köpfe kann man jederzeit austauschen, aber hier geht es um eine Strukturfrage. Wir brauchen eine Prozessanalyse und einen Dialog nach innen und nach außen.

Sie waren jetzt eine Woche an der Polizeiakademie. Warum haben Sie das gemacht?

Ich habe die Vorlage aufgenommen, die im Innenausschuss von der Akademieleitung gelegt worden war. Dort ist gesagt worden, dass es ganz schön wäre, wenn Abgeordnete sich selbst ein Bild vor Ort machen würden. Das habe ich nun getan.

Und wie ticken unsere Polizeischüler?

Ganz normal. Wie alle anderen Berliner, die gerade von der Schule kommen. Ich habe keine extremen Auffälligkeiten erlebt. Wenn früh der Unterricht beginnt, stehen alle auf. Einer macht eine Stärkemeldung, wenn der Lehrer reinkommt. Dann dürfen sich alle hinsetzen. Auch in der Kantine und auf dem Hof ist es völlig normal zugegangen. Das, was ich sehen konnte, lässt für mich keinen Rückschluss zu, dass es an der Polizeiakademie aggressiv zugehen würde.

Also die Unterwanderung durch kriminelle Clans ist Quatsch?

Während der Prüfungen trennt sich die Spreu vom Weizen. Der Versuch, hier gezielt Leute einzuschleusen, wäre schon sehr mühsam und ich halte diesen Vorwurf auch für konstruiert. Die Ausbildung zu durchlaufen und die Sicherheitsprüfungen zu bestehen wäre sehr schwer.

Haben Sie auch am Unterricht teilgenommen? Wie ist die Stimmung zwischen Lehrern und Auszubildenden?

Ich habe verschiedene Unterrichtssituationen erlebt. Ich konnte mir auch eine Prüfungsleistung "Schwimmen und Retten" anschauen. Und ich konnte mir auch noch ein Bild vom Einstellungstest Sport machen.

Was ist Ihnen aufgefallen?

Ein Punkt ist das Thema der Einstellungen: Solange sich für das Einstellungsverfahren nicht mehr Zeit genommen wird, brauchen wir uns über die Qualität der Azubis nicht zu wundern. Ein Beispiel ist der Nachweis darüber, dass die Polizeibewerber in der Lage sein müssen, 200 Meter zu schwimmen. Vom Tauchen ist hier noch gar keine Rede. Bei der Einstellung ist die Behörde erst mal gutgläubig. Es gibt aber Fälle, da hat sich herausgestellt, dass Bewerber das nachweislich nicht können – und damit Einstellungsbetrug begangen haben. Was ich auch nicht verstehe, ist, warum Deutsch nur in den ersten beiden Semestern unterrichtet wird und nicht durchgehend.

Aber die Polizeiakademie soll doch praxisorientierter werden.

Die Verknüpfung von Theorie und Praxis ist gut und richtig. Man macht im zweiten Semester die Praxis. Man streicht aber dadurch anderswo Zeiten zusammen. Dadurch, dass der zeitliche Druck so hoch ist, bleibt schlichtweg keine Zeit für eine angemessene und individuelle Betreuung der Auszubildenden. Man hat Fachlehrer und Klassenlehrer. Es passiert aber selten, dass beide miteinander sprechen können. Die Lehrkräfte haben ja auch kaum Zeit. Sie haben teilweise Situationen, in der die Klassenlehrer ihre Schüler mehr als eine Woche nicht sehen. Im Praxissemester sogar bis zu sechs Wochen. Wenn wir wollen, dass die Polizeiakademie ein Ausbildungscampus wird, müssen wir auch über bauliche Veränderungen nachdenken. Zwar wurde auch in der Vergangenheit schon etwas getan, aber immer nur punktuell. Was fehlt, ist ein Masterplan. Man braucht Räume, die wie ein Hörsaal aussehen, Räume, die auch mal andere Konzepte als Frontalunterricht ermöglichen. Wir müssen uns auch davon lösen, zu sagen, was alles nicht geht. Stattdessen müssen wir sagen, was wir brauchen.

Was ist Ihrer Meinung nach schiefgelaufen?

Das fängt an bei der Frage, wie man mit Kritik oder Vorschlägen bei der zurückliegenden Strukturreform umgegangen ist. Hier geht es teilweise um Vertrauensbrüche und menschliche Verletzungen. Die Wertschätzung spielte eine untergeordnete Rolle. Es wurde ein neues Modell gefahren, ohne zu klären, was zuvor eigentlich falsch gemacht wurde.

Was muss Ihrer Meinung nach noch ganz konkret geändert werden?

Es gibt aus meiner Sicht sehr, sehr viele Baustellen. Im Kern betrifft das drei Dinge – mehr Personal, mehr Geld für Investitionen und die Frage der Bezahlung von externen Lehrkräften. Die liegt teilweise unter dem, was Lehrer an anderen Schulen bekommen würden. Erschrocken bin ich auch über die Ausbildungsvergütung. 1000 Euro sind in einer Stadt wie Berlin nicht viel Geld. Ich habe mit mehreren Auszubildenden gesprochen, die von der Familie unterstützt werden müssen, weil es sonst nicht reicht. Die Koalition muss sich diesem Thema stellen. Wir müssen mehr Wert auf die Qualität der Ausbildung legen. Kurz: Wir brauchen für die Polizeiakademie eine langfristige Perspektive. Ich würde so weit gehen, dass man hier auch über bundesweite Strukturen nachdenken sollte – ähnlich wie bei der Kultusministerkonferenz. Man muss das nicht zentralisieren, aber man kann sich mit anderen Ländern austauschen.

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