Wettbewerbsfähigkeit

Experten: Berliner Wirtschaft verschläft Digitalisierung

Laut einer Studie fehlt vielen Unternehmen die Bereitschaft zur Digitalisierung. Sie setzen damit ihre Wettbewerbsfähigkeit aufs Spiel.

Wer bei der Digitalisierung schläft, könnte bald den Anschluss verlieren

Wer bei der Digitalisierung schläft, könnte bald den Anschluss verlieren

Foto: imago stock&people / imago/Westend61

Berlin.  Nur jedes dritte Unternehmen in der deutschen Hauptstadt nimmt die Digitalisierung als wichtige Aufgabe für die Zukunft wahr, legt also unter anderem Wert auf eine eigene Internetseite, die Nutzung von sozialen Medien oder moderner Technik bei Controlling, Logistik oder Vertrieb. Das geht aus einer Umfrage der Berliner Sparkasse hervor, die der Berliner Morgenpost exklusiv vorliegt. Demnach habe sich die Zahl der Firmen, für die Digitalisierung eine Rolle spielt, seit 2015 zwar verdoppelt. Dennoch sei dies ein besorgniserregend geringes Niveau, so die Autoren der Studie. „Berlin wird zwar vielfach als deutsche Digitalisierungshauptstadt wahrgenommen“, sagt Ökonom Anselm Mattes vom Beratungsunternehmen DIW Consulting des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin, der die Befragung durchführte. „In der Breite der Berliner Wirtschaft ist der digitale Wandel allerdings noch nicht angekommen“, so Mattes weiter.

Laut Mittelstandsumfrage hängt der Digitalisierungsstand stark mit der Größe der Firmen zusammen: Kleine und mittlere Unternehmen mit bis zu 250 Beschäftigten sind auf dem Weg in das digitale Zeitalter bereits weiter vorangekommen als Kleinstbetriebe mit bis zu zehn Mitarbeitern. Allerdings: In Berlin sind gerade Letztere wegen ihres hohen Anteils an allen Unternehmen prägend für den Wirtschaftsstandort. Mattes schlägt deswegen Alarm: „Kleine Firmen laufen Gefahr, den Anschluss zu verlieren und ihre Wettbewerbsfähigkeit aufs Spiel zu setzen.“

Den Berliner Unternehmen fehlt, so die Studie, vor allem die Zeit, sich mit der Digitalisierung zu beschäftigen. Vier von zehn Firmen sehen darin das größte Hemmnis. Ein Drittel der Betriebe hält die digitalen Angebote für noch nicht ausgereift. 28 Prozent der Unternehmen haben zudem Bedenken hinsichtlich Sicherheit und Datenschutz. Bei dem Großteil scheitert der Einstieg in den digitalen Wandel auch am Geld: Nur ein Drittel der Kleinst- und kleinen Unternehmen plane in den kommenden zwölf Monaten, in Digitalisierungsprojekte zu investieren. Bei den mittleren Unternehmen ist der Anteil mit 38 Prozent kaum höher.

Die Unterschiede zwischen den Branchen in der Hauptstadt sind aber groß: 40 Prozent der unternehmensnahen Dienstleister wie Wirtschaftsprüfer oder Speditionen wollen in diesem Jahr Geld für digitale Projekte in die Hand nehmen. Auch rund ein Drittel der IT-Unternehmen steht vor Investitionen. In der Baubranche seien hingegen nur bei jedem zehnten Unternehmen entsprechende Investitionen geplant, so die Studie. Dabei müssten viele Branchen jetzt den Aufholprozess einleiten, warnen Experten. In Berlin hat das laut Untersuchung vor allem die Grundstücks- und Wohnungswirtschaft erkannt: Bislang unterdurchschnittlich digitalisiert, plant 2018 immerhin ein Drittel der Firmen in diesem Bereich zu investieren.

Jürgen Wittke, Hauptgeschäftsführer der Berliner Handwerkskammer, hält die Zahlen noch nicht für alarmierend: „Die Wirtschaft läuft auf Hochtouren und gerade im Handwerk sind die Auftragsbücher prall gefüllt – und das oft auch ganz analog“, sagt er. Gleichzeitig dürfe die gute Lage aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Kundenbeziehungen und Arbeitsprozesse auch in Kleinbetrieben vor zunehmend digitalen Herausforderungen stünden, so Wittke. Die Industrie- und Handelskammer IHK verweist auf Anfrage auf eine eigene Umfrage: Vor zwei Jahren hätten noch 56 Prozent aller Unternehmen in Berlin den eigenen Stand der Digitalisierung als hoch oder sehr hoch eingeschätzt. Vorreiter seien Digital- und Kreativwirtschaft sowie Start-ups.

Die Berliner Sparkasse will mit der Mittelstandsumfrage hingegen weiter sensibilisieren. Weitgehend angekommen sei die Digitalisierung in den Bereichen Banking/Zahlungsverkehr: Neun von zehn Berliner Unternehmen nutzten entsprechende Technologien. Unterschiede gebe es aber bereits beim eigenen Internetauftritt: Während nahezu alle Unternehmen mit mindestens 50 Mitarbeitern über eine Webseite verfügen, sind es bei kleinen Firmen 82 Prozent und bei Kleinstunternehmen nur 72 Prozent. Rund 40 Prozent der Firmen treten mit ihren Kunden über soziale Netzwerke in Kontakt. Jedes zehnte Unternehmen nutzt Onlineshops oder Apps zum Verkauf. Die meisten Unternehmen erwarten, dass die Digitalisierung die eigene Branche stark verändern wird. Allerdings bestehen auch noch immer große Informationslücken: Laut Umfrage ist sich jede dritte Firma über künftige Folgen unklar.

Insgesamt hatten mehr als 1700 Unternehmen aus allen Branchen an der Befragung teilgenommen.

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