Verein in Deutschland

„Keine Gewalt gegen Polizisten“ macht Vorfälle öffentlich

Immer wieder werde Berliner Polizisten im Dienst angegriffen und verletzt. Ein Verein macht diese Gewaltvorfälle öffentlich.

Kriminalstatistik 2016: Berlin ist etwas sicherer geworden

568.860 Straftaten erfasste die Polizei 2016 in Berlin - 0,1% weniger als 2015. Diebstähle nahmen am stärksten zu. Taschendiebstahl-Hotspots waren unter anderem: Alexanderplatz, Hardenbergplatz und U-Kottbusser Tor.

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Meist wird Gewalt gegen Polizisten nur bei großen Einsatzlagen wie den Randalen zum 1. Mai thematisiert. Oft sind es aber alltägliche Situationen, in denen es zu Eskalationen kommen kann. So wie in der Nacht von Freitag zu Sonnabend, als ein Betrunkener in Kaulsdorf einen Polizisten verletzte. Der 33-Jährige hatte zunächst in einem Internetcafé an der Quedlinburger Straße randaliert. Polizisten nahmen den Mann fest und brachten ihn zum Polizeiabschnitt an der Heinrich-Grüber-Straße. So weit ein Routineeinsatz. Dort wurde der Mann aber zunehmend aggressiver. Bei einer Rangelei mit dem Randalierer verlor ein Beamter das Gleichgewicht und stürzte mit dem Festgenommenen zu Boden und brach sich den Fußknöchel.

„Das sind Situationen, die wir jeden Tag erleben“, sagt Dirk Heßler. Der 49-Jährige ist seit 1986 bei der Berliner Polizei. Sein Einsatzgebiet ist Wedding. „Oft sind es alltägliche Situationen, die einem nahegehen.“ Wenn etwa völlig grundlos jemand im Vorbeigehen „Scheiß Bulle“ raunt oder bei einer Verkehrskontrolle gegen die Scheibe des Streifenwagens spuckt. All diese Erlebnisse können wie kleine Nadelstiche sein, die sich anstauen. „Was hilft, ist darüber zu sprechen und es öffentlich zu machen“, sagt Heßler.

Was Polizisten im Alltag erleben, hinterlässt Spuren

Nach all den Jahren auf Berlins Straßen hat Dirk Heßler schon viel gesehen und erlebt – besonders in Wedding. „Wer Polizist ist, hat in aller Regel eine gute Kindheit hinter sich“, sagt er. Was man dann manchmal im Alltag erlebe, sei hart. Polizisten würden jeden Tag Dinge sehen, mit denen „normale“ Bürger nicht in Kontakt kommen. Neben der physischen birgt der Job als Polizist also auch eine psychische Gefahr.

Gemeinsam mit der Berufsschullehrerin Gerke Minrath aus Rheinland-Pfalz leitet er ehrenamtlich den Verein „Keine Gewalt gegen Polizisten“, um genau darüber öffentlich zu sprechen. Zwar ist Vereinschefin Minrath Lehrerin und keine Polizistin, hatte aber ein ähnliches Erlebnis. „Die Initialzündung für den Verein war am 1. Mai 2009“, sagt sie. Damals war die 47-Jährige für eine Fortbildung in Berlin. Gemeinsam mit Seminarteilnehmern beobachtete sie die Vorbereitungen auf die Mai-Krawalle. Bei den Ausschreitungen wurden damals 479 Beamte verletzt – nie waren es in der Hauptstadt mehr bei einem einzigen Einsatz. Minrath erinnert sich an ganze Straßenzüge, die entpflastert waren. Trotzdem sahen Seminarteilnehmer aus ihrer Gruppe die Schuld bei der Polizei und nicht bei den Randalierern. „Viele haben nur gesagt, guck mal wie aggressiv die Polizisten aussehen. Keiner hat an den Menschen unter der Ausrüstung gedacht“, erinnert sich Minrath.

Wieder zu Hause in Rheinland-Pfalz diskutierte die Lehrerin mit anderen darüber. Sie merkte schnell, dass das Thema auf Resonanz stieß. „Das wurde mit der Zeit immer größer“, sagt sie. Weil Minrath aber nicht nur diskutieren und wirklich helfen wollte, gründete sie 2011 den Verein „Keine Gewalt gegen Polizisten“.

Mittlerweile hat der Verein 138 Mitglieder in ganz Deutschland, davon einige in Berlin. Auch in Österreich und in der Schweiz gibt es Unterstützer. Die Mitglieder sind Pädagogen, Theologen, Musiker, Rechtsanwälte, Polizisten, und sogar ein „Knacki“ sei darunter, sagt Minrath. Der Mann sitze seit Jahren im Gefängnis und sage: „Ich will nicht, dass meinen Bullen etwas passiert.“

Der Verein macht vor allem viel Öffentlichkeitsarbeit, gibt Informationsbroschüren heraus und veröffentlicht Texte auf der eigenen Internetseite und über Facebook oder den Kurznachrichtendienst Twitter. Der wichtigste Teil der Arbeit besteht aber in der Kontaktaufnahme mit im Dienst verletzten Polizisten. Denen schicken Minrath und Heßler Genesungskarten. „Hauptsächlich geht es darum, Rückhalt zu geben“, sagt Gerke Minrath. Man wolle zeigen, dass da jemand ist. Der Verein organisiert auch Infostände, ist auf Präventionsveranstaltungen und macht sich stark für einen Danke-Polizei-Tag am 3. Sonnabend im September nach amerikanischem Vorbild. An diesem Tag ist es in den USA üblich, dass Bürger den Ordnungshütern einfach mal „Danke“ für ihre tägliche Arbeit sagen.

In Deutschland steckt all das noch in den Kinderschuhen. Mittlerweile ist der Verein aber schon so bekannt, dass auch Dienststellenleiter aus mehreren Bundesländern sich melden, wenn ein Polizeibeamter im Dienst verletzt wurde.

Vereinsarbeit:

Gründung: Der Verein „Keine Gewalt gegen Polizisten“ wurde 2011 gegründet. Ziel ist es, den Menschen hinter der Uniform besser sichtbar zu machen. „Es geht nicht darum, Polizisten besser zu machen als sie sind. Aber eben auch nicht schlechter“, sagt Vereinschefin Gerke Minrath. Jeder kann in dem Verein Mitglied werden. Weitere Einzelheiten stehen auf der Internetseite www.kggp.de.

Spenden: Die Arbeit des Vereins ist komplett ehrenamtlich. Die Genesungskarten, die an im Dienst verletzte Polizisten verschickt werden, werden über Spenden finanziert.

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