Erfahrungsberichte

Berufsverkehr in Berlin: Wenn das Pendeln krank macht

Die Zahl der Pendler in Berlin und Umgebung nimmt zu. Drei von ihnen erzählen, was sie beim Pendeln erleben.

Pendeln sorgt für Stress bei Auto- und Bahnfahrern wie Hartmut Ilkinger (r.) und Thomas Fülling (M.). Aber auch Anwohner wie Manfred Taschka sind vom Berufsverkehr genervt

Pendeln sorgt für Stress bei Auto- und Bahnfahrern wie Hartmut Ilkinger (r.) und Thomas Fülling (M.). Aber auch Anwohner wie Manfred Taschka sind vom Berufsverkehr genervt

Foto: iStock/Montage BM

Berlin. Man kann natürlich auch die schönen Seiten sehen: die Ruhe morgens im Auto, wahlweise Nachrichten oder Musik aus dem Radio. Oder die freie Zeit in der Bahn, um die Zeitung zu lesen. Doch für die meisten Menschen bedeutet Pendeln schlicht und ergreifend: Stress. Auf den Autofahrer warten verstopfte Straßen, auf Bahnfahrer volle Züge, auf deren Pünktlichkeit kein Verlass ist. Kopf-, Rücken- und Magenschmerzen, Übergewicht durch das viele Sitzen, Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Schlafstörungen – nicht umsonst warnen Mediziner, dass Pendeln krank machen kann.

Und trotzdem muten es sich immer mehr Berliner und Brandenburger zu. Im vergangenen Jahr stieg die Zahl der Pendler in beiden Ländern um drei Prozent auf fast 300.000 am Tag. Vor 20 Jahren war die Zahl der Bewohner in der Region in etwa gleich, doch es pendelten gerade mal 180.000 Menschen. Hauptgrund sind die steigenden Mieten in der Hauptstadt und die parallel steigende Attraktivität des Berliner Umlands. Doch Staus und überfüllte Bahnen bleiben ein Problem.

Drei Menschen berichten von ihren Erfahrungen.

Der Anwohner: „Risse vom Durchgangsverkehr“

Wenn Lieferwagen morgens am Haus vorbeidonnern, dann bemerkt es Manfred Taschka als Erschütterung in seinem Bett. In den Mauern seines denkmalgeschützten Hauses an der Ruppiner Chaussee in Heiligensee hat der Verkehr aus dem Umland mit den Jahren Risse hinterlassen. Sobald auf der nahen Autobahn Staus entstehen, fahren Pendler vor Heiligensee ab und nehmen die Ausweichroute über die kleine Straße, die parallel zur Autobahntrasse durch das Wohngebiet führt. „Eigentlich ist die Ruppiner Chaussee für den Durchgangsverkehr gesperrt“, beklagt sich Manfred Taschka. „Doch die Verkehrszeichen werden einfach ignoriert.“ An manchen Tagen wälzen sich Autos und Lastwagen in einer kilometerlangen Kolonne an seiner Haustür vorbei. Von Unrechtsbewusstsein hat der Familienvater nichts bemerkt. „Es sind immer wieder die Gleichen, die sich nicht an das Durchfahrtsverbot halten.“ Trotz der buckeligen Asphaltdecke verleitet die Ruppiner Chaussee Pendler zum Schnellfahren. „Sie wissen: Weil man hier nicht fahren darf, gibt es kaum Tempokon­trollen“, sagt Taschka. Eine Anwohnergruppe fordert die Politik zum Handeln auf. Eine mögliche Lösung: Die Ruppiner Chaussee soll mit Pollern gesichert werden. Und nur Anlieger, Busse und Rettungsfahrzeuge erhalten Sender, um sie zu versenken.

Auch in Frohnau ärgern sich Bewohner und Geschäftsleute über Pendler aus den benachbarten Landkreisen. Rund um den Ludolfingerplatz parken Autos mit OHV-Kennzeichen die Villenviertel zu. So sparen sie Parkgebühren und sind trotzdem im Tarifbereich B. Zum Leidwesen von Ramona Thiede. Vor ihrem Floristik­laden an der Welffenallee finden Frohnauer Kunden immer seltener einen Parkplatz. Die würden morgens von Brandenburgern belegt, sagt Thiede. „Und sie parken hier den ganzen Tag, ohne etwas zu kaufen.“

Der Bahnfahrer: „Keine lästige Parkplatzsuche“

Morgenpost-Redakteur Thomas Fülling lebt am nordöstlichen Stadtrand von Berlin, der Arbeitsplatz liegt 25 Kilometer entfernt am Kudamm. Für ihn steht fest: Der fast tägliche Weg vom Wohnort zum Arbeitsplatz in der City West lässt sich am schnellsten und kostengünstigsten mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurücklegen. Der große Vorteil gegenüber dem Auto: Die Fahrt bietet dem Journalisten nicht nur Zeit fürs Lesen von Zeitungen und E-Mails – am Zielort muss er nicht auch noch einen Parkplatz (teuer!) suchen.

Doch immer öfter wird für ihn die Fahrt mit Bus und Bahn nach eigenen Worten zum „Überraschungsei“. Sein Zubringerbus der Linie 893 gehört zu den unpünktlichsten im Netz. Schuld daran ist eine Dauerbaustelle am S-Bahnhof Buch. Für den Pendler heißt das: Lieber einen Bus eher nehmen. Die Fahrzeit am Morgen erhöht sich dadurch auf 80 Minuten.

Die Weiterfahrt erfolgt mit der S-Bahn, die in jüngster Zeit wenig zuverlässig ist. So beträgt die planmäßige Umsteigezeit in Gesundbrunnen zwischen der S2 aus Bernau und der Ringbahn zwei Minuten. Doch immer wieder kommt es vor, dass die S2 im Bahnhof gerade einrollt, wenn der Ringbahnzug in Richtung Wedding abfährt.

Eigentlich kein Problem: Kommt die nächste Ringbahn laut Fahrplan schon in fünf Minuten. Eigentlich. Doch „Personen im Gleis“, „Schaden am Zug“ oder eine „Signalstörung“ in Irgendwo sorgen dafür, dass der nächste Zug schnell mal ausfällt. Die Alternative: Weiterfahren bis Friedrichstraße und dort umsteigen, verlängert die Fahrzeit aber um weitere fünf Minuten. Und wenn es gerade mal gut läuft, kommt „Max Maulwurf“. Gerade erst hat das Bau-Maskottchen der Bahn die nächste Bauphase am Karower Kreuz angekündigt. Für die S2-Nutzer heißt das: Ab Ende Juni zwei Monate lang nervigen Schienenersatzverkehr und 20 Minuten mehr Fahrzeit.

Der Autofahrer: „Besser als mit S- und U-Bahn“

Wirklich klagen könne er nicht, sagt Hartmut Ikinger. Jeden Morgen fährt der selbstständige Immobilienkaufmann aus Glienicke/Nordbahn im Oberhavelkreis in sein Wilmersdorfer Büro. Er sei selbst überrascht, wie schnell es meistens geht. „Wenn alles gut geht, brauche ich um die 25 Minuten.“

Der 61-Jährige versucht dabei, die Stoßzeiten insbesondere auf der Stadtautobahn zu vermeiden. Selten fahre er vor neun Uhr morgens von zu Hause los. Den Rückweg trete er in der Regel nicht vor 18.30 Uhr an. „Wenn ich doch mal früher losmuss, rechne ich halt mehr Fahrtzeit ein.“

Dann sei er unter Umständen auch schon mal bis zu einer Stunde unterwegs – vor allem bei Regen, Schnee, nach einem Unfall und insbesondere montags. Darüber sei er sich aber im Klaren gewesen, als er vor zwölf Jahren aus Charlottenburg vor die Tore Berlins zog – auch wenn er damals nur zehn Minuten zur Arbeit gebraucht habe. Allerdings habe der Wunsch nach Haus, Hund und Garten überwogen.

„Wenn es mir irgendwann nicht mehr passt, muss ich halt wieder zurück in die Stadt ziehen“, sagt Ikinger. Darüber denke er allerdings nur selten nach – zumeist wenn er nach einem anstrengenden Arbeitstag auf der Autobahn im Stau steht. Sobald er zu Hause angekommen ist, sei dieser Gedanke aber schnell wieder verflogen.

„Ich bin auf jeden Fall froh, dass es die Stadtautobahn gibt.“ Früher sei er auch manchmal über die B96 durch Reinickendorf und Wedding in die Innenstadt gefahren. Seit eine Baustelle in Wittenau eine lange Umleitung durch das Märkische Viertel nötig macht, versuche er die Straße allerdings zu meiden.

Mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren, komme für Ikinger dabei nicht infrage. Dafür sei Glienicke, obwohl es direkt hinter Berlins Stadtgrenze liegt, zu schlecht an das S- und U-Bahnnetz angebunden.

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