Senatsbaudirektorin

Regula Lüscher: Hochhäuser müssen in Umgebung passen

Die Zahl der Bauanfragen für Hochhäuser in Berlin steigt. Aber wie hoch soll gebaut werden? Senatsbaudirektorin Lüscher im Interview.

Berlins oberste Stadtplanerin, Senatsbaudirektorin Regula Lüscher, hält nichts von architektonischem Wildwuchs

Berlins oberste Stadtplanerin, Senatsbaudirektorin Regula Lüscher, hält nichts von architektonischem Wildwuchs

Foto: Reto Klar

Berlins Wirtschaft boomt und die Zuversicht der Investoren, dass sich der Bau eines Hochhauses rechnet, steigt. Entsprechend viele Bauanfragen verzeichnet Berlins Senatsbaudirektorin Regula Lüscher. Doch wie hoch sollen Berlins Hochhäuser der Zukunft sein und wo sollen sie stehen? Im Interview mit der Berliner Morgenpost erklärt die Senatsbaudirektorin, warum Hochhäuser in Berlin nicht in den Himmel wachsen sollen.

Was haben Sie eigentlich gegen Hochhäuser?

Regula Lüscher: Nichts. Wie kommen Sie auf diese Idee? Mein Vorgänger hat oft auf die Traufhöhe bestanden, aber das ist zehn Jahre her. Ich habe nie über die Traufhöhe gesprochen.

Teilen Sie die Wahrnehmung, dass viele Häuser schöner aussähen, wenn sie ein paar Stockwerke höher wären?

Die Frage, wie hoch ein Hochhaus sein muss, hat etwas mit dem städtebaulichen Kontext zu tun. Es gibt Orte in Berlin, die sehr großmaßstäblich sind, eine hohe Zen­tralität und Dichte haben. Hochhäuser produzieren viel Publikums- und Straßenverkehr. Man ist deshalb gut beraten, wenn man sie an gut erschlossenen Orten plant. Insofern ist es kein Zufall, dass die höchsten Häuser Berlins jetzt am Alexanderplatz Planungsrecht haben. Auch am Breitscheidplatz hat man sehr hohe Häuser, so um die 120 Meter. Dann gibt es um den Hauptbahnhof ein Hochhauscluster, hier haben wir eine Komposition aus verschiedenen Höhen, und die Gegend am Ostbahnhof.

Aber sind die Häuser da nicht auch zu niedrig?

Nein, im städtebaulichen Kontext ist ihre Höhe angemessen. Über die Architektur kann man natürlich immer streiten.

Kommt auch noch ein Hochhaus neben das im Bau befindliche Einkaufszentrum an der Warschauer Brücke?

Ja, das kommt. Darüber haben wir im Baukollegium beraten und es wird mit dem Bezirk verhandelt.

Ab wann sprechen Sie von Hochhäusern?

Ab etwa 60, 80 Metern. Wohnhochhäuser messen in der Regel so um die 60 Meter. Eine nächste Höhenkategorie erfordert deutlich größeren Aufwand, zum Beispiel beim Brandschutz. Da lässt sich dann wirtschaftlich kaum noch bezahlbarer Wohnraum realisieren. Daneben gibt es die „richtigen Hochhäuser“, um die 200 Meter mit 50 bis 60 Stockwerken. In europäischen Städten muss man aber immer abwägen, was maßstäblich passt.

Europäisch sind ja auch London oder Moskau mit ihren 300-Meter-Türmen.Ist da der Begriff europäische Stadt nicht stehen geblieben?

Entscheidend ist der Maßstab, den eine Stadt schon hat. Berlin ist ja eine flache Stadt und bildet kein riesiges Hochhaus-cluster wie New York oder Teile Londons. Für Berlin funktionieren Höhen wie am Alexanderplatz oder am Potsdamer Platz sehr gut. Hier gibt es noch einen gewissen Bezug zum Boden. Es macht nämlich durchaus einen Unterschied, ob man sich auf einer Höhe von 150 Metern oder auf einer Höhe von 200 Metern aufhält. Bei 200 Metern „fliegen“ Sie über der Stadt. Es gibt keinen Bezug mehr. Umgekehrt ist das genauso: Wenn man vor einem Gebäude mit 120 bis 150 Metern steht, kann man die Fenster noch lesen und Details erkennen. Das hat Bodenhaftung.

Zu Berlin passen also 150 Meter und mehr nicht?

Es kommt auf den Ort an. Das Estrel plant zum Beispiel in Neukölln einen Turm mit 170 Metern. Das wird ein sehr schönes Hochhaus. Aber es steht auch in einem sehr großmaßstäblichen Kontext auf einer früheren Industriefläche. Ich finde aber, dass man beim Thema Hochhaus nicht nur über die Höhe diskutieren sollte.

Tun wir ja nicht. Was macht denn ein gelungenes Hochhaus aus?

Ein Hochhaus muss dem öffentlichen Raum etwas zurückgeben. Es braucht deshalb zum Beispiel besonders hohe Räume für eine gute Erdgeschossnutzung. Es muss zugänglich sein, für seine Umgebung einen Mehrwert bieten. Das gilt auch für Wohnhochhäuser. Die obersten Geschosse sind besonders interessant. Deshalb sollten sie auch für die Allgemeinheit zugänglich sein, zum Beispiel durch publikumsbezogene Nutzung wie ein Restaurant oder eine Bar.

Muss das ein Kriterium für das Hochhausleitbild sein, an dem Sie ja arbeiten?

Das finde ich schon. Das dritte Kriterium, das mir beim Thema Hochhäuser besonders wichtig ist, ist die architektonische Qualität. Ein Hochhaus ist ein besonderes Haus mit einer besonderen Ausstrahlung. Es ist in der Regel ein Solitär und will wie eine Diva beachtet werden. Deshalb erwarte ich von einem Bauherrn auch, dass er der Fassade besondere Aufmerksamkeit widmet. Sie muss ja sowieso robuster sein, allein schon weil sie stärker der Witterung ausgesetzt ist. Man braucht aber auch mehr Gestaltungsqualität, weil ein Hochhaus eine Fernwirkung hat.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Das Upper West am Breitscheidplatz ist ein wirklich schönes Hochhaus. Vor zehn Jahren war es noch als Glashochhaus geplant. Aufgrund der heute strengeren Wärme- und Energievorschriften mussten die Pläne geändert werden. Wir haben deshalb die Idee entwickelt, die Fassadenteile so zu setzen, dass man die Rundung trotz der Metall-Glasfassade immer noch wahrnimmt. Ich finde das Ergebnis sehr gelungen.

Aber es gibt ja den Druck, dass Bauherren investieren sollen und dringend benötigte Flächen entstehen. Kommt man da mit solchen ästhetischen Argumenten durch?

Das ist mein Auftrag als Senatsbaudirektorin. Auch das Baukollegium hat sich als Gestaltungsbeirat etabliert.

Aber spüren Sie den Druck, schneller zu entscheiden, weil Menschen schneller Geld verdienen wollen?

Ja, natürlich. Man muss sie überzeugen, dass sie auch etwas davon haben und dass es eine Nachhaltigkeit der Ästhetik gibt. Wenn wir die Dinge in drei Jahren trashig finden, wollen es die Menschen nicht mehr, die Immobilie verliert an Wert und es ist kein Beitrag mehr für die Stadt. Dann will man es abreißen oder zurückbauen und das wiederum ist alles andere als nachhaltig.

Wie weit sind Sie denn am Alexanderplatz? Dort soll es ja einen Abschied vom Masterplan der 90er-Jahre geben.

Die Grundlagen haben sich verändert. In den 90er-Jahren gingen alle davon aus, dass der Bestand abgerissen und dann die Kollhoff’sche Stadtkrone gebaut wird. Nun hat sich herausgestellt, dass viele Bestandsgebäude eben doch bleiben. Deshalb müssen wir den Bebauungsplan anpassen. Das kann man nur im Einvernehmen mit den Grundeigentümern regeln. In der Zwischenzeit sind das Haus des Lehrers, das Haus des Reisens und das Haus des Berliner Verlages sogar eingetragene Denkmale. Das sind ja schöne Hochhäuser. Davon kenne ich viele in Berlin. Den Komplex entlang der Leipziger Straße mit den Hochhausscheiben. Toll, sehr gute Wohnqualität. Oder das Hansaviertel. Oder das GSW-Hochhaus und das Telefunken-Haus am Ernst-Reuter -Platz.

Kommen wir zurück zum Alexanderplatz ...

Die Vision von Kollhoff ist nicht mehr umsetzbar, weil das „Park Inn“ stehen bleibt. Das Baukollegium hat deshalb empfohlen, eine neue Komposition zu entwickeln. Jetzt schauen wir, welches Element die Hochhäuser verbinden kann.

Warum müssen die denn überhaupt verbunden und gleich hoch sein?

Ich finde, dass sie ein Ensemble bilden sollten. Das ist der einzige Ort in Berlin, an dem man ein Hochhausquartier bauen könnte. Die Gebäude werden einen architektonischen Dialog miteinander führen.

Aber gefällt uns nicht gerade diese Vielfalt an den Skylines von London oder Chicago?

Am Alexanderplatz werden die Hochhäuser mindestens so nahe stehen wie an der Leipziger Straße. Dort bilden sie ein Ensemble. Stellen Sie sich die mal vor mit drei verschieden hohen Häusern vor.

An der Leipziger Straße sind sie aufgereiht wie an einer Perlenkette, eine besondere Situation.

Das wird am Alexanderplatz auch so sein. Die Hochhäuser sollen entlang der Alexanderstraße stehen und den Straßenraum fassen. Nur der ursprünglich geplante Endpunkt ist jetzt weggefallen, weil der Berliner Verlag bleiben wird. Das ist keine Katastrophe, dieser Raum entfaltet auch so eine Kraft. In diese Komposition muss man jetzt das „Park Inn“ einbinden, das nicht direkt an der Straße steht. Da könnte es sein, dass die Höhe von 130 Metern ein verbindendes Element ist. Am großen Stadtmodell kann man das sehr gut überprüfen.

Warum lässt man Bauherren nicht mehr Freiheit?

Natürlich kann man Wildwuchs bauen, der Plan war aber ein anderer. Der Alexanderplatz wird durch die neuen Hochhäuser eine zweite Schicht bekommen. Neben der DDR-Nachkriegsmoderne entsteht jetzt eine neue Generation von Hochhäusern des 21. Jahrhunderts.

Die weiter weg geplanten Hochhäuser wie um das Alexa herum dürfen höher sein?

Ich bin nicht generell gegen 150 Meter Höhe rund um den Alexanderplatz. Aber ich bin dafür, dass wir uns damit auseinandersetzen, was es für die Komposition bedeutet, wenn wir ein bestehendes Hochhaus mit einbinden müssen. Es soll ja kein Fremdkörper sein.

Das wissen wir doch schon seit zwei Jahren, seit der Denkmalschutz für die DDR-Hochhäuser kam. Warum ist das noch nicht in eine neue Planung geflossen?

Weil es lange nicht die politische Offenheit gab, die Höhen zu hinterfragen. Ich brauche auch einen politischen Auftrag. Jetzt gibt es den.

Aber läuft man nicht in die gleiche Falle, dass ein neuer Plan wieder Vorgaben macht, die keiner akzeptiert und dann investiert niemand und alles bleibt wie es ist?

Die Grundschwierigkeit war lange Jahre, dass die Mieten zu niedrig waren. Erst jetzt ist die Lage so, dass sich solche Projekte auch rechnen, in Berlin generell aber auch an diesem Mikrostandort.

Geben Sie eine Prognose, wann am Alexanderplatz etwas Sichtbares passiert?

Ich denke sehr bald. Das Baufeld D 3 zwischen dem „Park Inn“ und dem geplanten Hines-Turm ist gemäß Masterplan bebaubar. Hier bereiten wir mit dem Bauherrn den architektonischen Wettbewerb vor.

Am Zoo gibt es auch Begehrlichkeiten. Auf dem früheren Riesenrad-Grundstück sind 30 Stockwerke gewünscht, das alte Hochhaus am Zoo am Hardenbergplatz würden Investoren auch gerne ersetzen. Sehen Sie da Widerstände?

Das Zentrum der City West ist der Breitscheidplatz, dort sollten die höchsten Häuser stehen. Daneben gibt es eine Hierarchie der Höhen. Das ehemalige Riesenrad-Grundstück kann ein Hochhausstandort sein, muss sich aber einordnen in die Höhenhierarchie. Das Hochhaus am Zoo ist ein Denkmal und Teil der Ensembles Zoo Palast und Bikini-Haus.

Sie wollen ja ein Hochhausleitbild entwickeln. Was soll darin stehen?

Wir sprechen nicht über konkrete Standorte, sondern über Kriterien. In welchem Kontext passt ein Hochhaus, in welchem nicht. Wenn es grundsätzlich möglich ist, bedeutet das aber nicht, dass es automatisch auch eine Baugenehmigung gibt. Mit solchen Festlegungen würden wir nur die Spekulation mit Grundstücken befeuern. Wir werden für das Leitbild voraussichtlich unterschiedliche Testgebiete genauer anschauen und daraus eine Konzeption erarbeiten. Damit wollen wir voraussichtlich ab 2019 in die politische Diskussion gehen. In der Zwischenzeit können natürlich Hochhausprojekte bearbeitet werden, da sämtliche planungs- und bauordnungsrechtlichen Instrumente vorhanden sind.

Mehr zum Thema:

Hoch, höher am höchsten - Wie hoch sollte Berlin bauen?