Hebammen und Kreißsäle

Zehn-Punkte-Programm soll Geburtshilfe in Berlin verbessern

Der runde Tisch Geburtshilfe hat ein Zehn-Punkte-Programm beschlossen, um den Engpass bei Hebammen und Kreißsälen zu beseitigen.

Blick ins Kinderkrankenhaus: Die Geburtshilfe in Berlin soll verbessert werden

Blick ins Kinderkrankenhaus: Die Geburtshilfe in Berlin soll verbessert werden

Foto: dpa Picture-Alliance / RAGUET H. / picture alliance / BSIP

Die Geburtshilfe in Berlin soll verbessert werden. Der dazu gebildete runde Tisch hat bei seiner zweiten Sitzung ein Aktionsprogramm beschlossen, das am Freitag vorgestellt wurde. Bisher kommt es immer wieder zu Engpässen bei der Versorgung von Schwangeren und Gebärenden, vor allem bei der Suche nach einer Hebamme oder einem freien Kreißsaal für die Entbindung. Die zentralen Punkte des Programms:

Fachkräfteausbildung

Um den Fachkräftemangel bei Hebammen zu lindern, werden die Ausbildungskapazitäten erhöht. Senatsgesundheitsverwaltung und Schulen haben sich auf einen deutlichen Ausbau der Kapazitäten um 130 Plätze auf 332 Ausbildungsplätze bis zum Jahr 2020 verständigt.

Die Evangelische Hochschule will in Kooperation mit der Schule für Gesundheitsberufe am St.-Joseph-Krankenhaus 70 weitere Plätze schaffen, Charité und Vivantes je 30. Die Finanzierung erfolgt letztlich über die Krankenkassen. Etliche Plätze werden bereits vor 2020 zur Verfügung stehen.

Neue Kreißsäle

Das Land Berlin stellt 20 Millionen Euro für den Bau oder die Erweiterung von Kreißsälen bereit. Das Geld ist zusätzlich zu den 140 Millionen Euro geplant, die im Landeshaushalt für dieses Jahr vorgesehen sind, um bauliche Investitionen in Krankenhäusern zu finanzieren. Sechs der 19 Berliner Geburtskliniken haben nach Angaben von Gesundheitssenatorin Dilek Kolat (SPD) bereits konkrete Erweiterungspläne.

Wie viele zusätzliche Geburten durch diese Ausbauten möglich sind, lasse sich nicht vorhersagen. Geburten könne man nicht „takten“, sagte Professor Michael Abou-Dakn, Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe am St.-Joseph-Krankenhaus am Freitag vor Journalisten. Es komme vor allem darauf an, gegen Engpässe in Spitzenzeiten besser gewappnet zu sein.

Allerdings, so Kolat, sei es in mehreren Perinatalzentren gelungen, durch höheren Personaleinsatz und Organisationsverbesserungen kurzfristig und ohne Umbauten zusätzlich 900 Geburten zu begleiten. Perinatalzen¬tren sind spezialisierte Geburtskliniken, die auch Frühchen und lebensbedrohlich erkrankte Säuglinge versorgen.

Bessere Arbeitsbedingungen

Ein Grund für den Hebammenmangel sind vielfach schlechte Arbeitsbedingungen. Einige Kliniken sind bereits dazu übergegangen, die Hebammen von arbeitsfremden Tätigkeiten wie Putzen oder Gerätewartung zu entlasten und eine Kultur der Wertschätzung zu entwickeln. Diese Beispiele sollen nun als Blaupause dienen, die Bedingungen in allen Geburtskliniken zu verbessern. Bis zum Herbst wollen die Krankenhäuser dazu ein Konzept erarbeiten.

Von den insgesamt gut 300 Stellen für Hebammen in Krankenhäusern sind derzeit 25 vakant. Vorrangiges Ziel sei, diese zu besetzen, sagte Susanna Rinne-Wolf, Vorsitzende des Berliner Hebammenverbandes. Hinzu kommen 100 sogenannte Beleg-Hebammen sowie 750 freiberuflich tätige Fachkräfte, von denen etwa 75 Prozent auch in Kreißsälen tätig sind.

Dilek Kolat und Susanna Rinne-Wolf sind überzeugt, dass bei besseren Arbeitsbedingungen mehr Hebammen bereit wären, im Kreißsaal zu arbeiten. In diesem Zusammenhang ist auch vorgesehen, Beleg-Hebammen von hohen Haftpflichtprämien zu entlasten.

Digitale Vermittlung

Bis zum Herbst soll eine digitale Plattform zur schnelleren und leichteren Vermittlung von Hebammen eingeführt werden. So soll vermieden werden, dass Schwangere auf der Suche nach einer freien Hebamme unzählige vergebliche Telefonate führen müssen. Dafür hat der Hebammenverband Lottomittel bekommen.

Transparente Kapazitäten

Bereits im April soll der digitale Versorgungsnachweis „Ivena“ starten. Damit können Rettungsdienste und Krankenhäuser „in Echtzeit“ erkennen, in welchen Geburtskliniken aktuell noch Plätze frei sind. So könnten Hochschwangere schnell in ein Krankenhaus mit freien Kapazitäten verlegt werden, wenn die Aufnahme im ausgewählten oder von der Feuerwehr angefahrenen Krankenhaus nicht möglich ist, erläuterte Kolat.

Die Gesundheitssenatorin hatte zum runden Tisch eingeladen. Teilnehmer sind unter anderem Chefärzte und Geschäftsführer der Geburtskliniken, Hebammen, der Hebammenverband, Vertreter von Krankenkassen und Feuerwehr sowie Elterninitiativen. Alle Beteiligten hätten sich verpflichtet, das Aktionsprogramm umzusetzen, betonte die Senatorin.

Sie kündigte zudem eine Bundesratsinitiative mit dem Ziel an, eine Mindestbesetzung auch für Hebammen an Geburtskliniken festzulegen.

Kritik kam vom Netzwerk der Elterninitiativen für Geburtskultur. „Die Perspektive der Eltern als der direkt Betroffenen findet sich in den Ergebnissen kaum wieder“, sagte eine Sprecherin. Der Senat bagatellisiere das Ausmaß der Problematik. Nötig sei eine genaue Analyse des Istzustands.

Auch die FDP ist mit den Ergebnissen nicht zufrieden. Das Maßnahmenpaket gehe „an den entscheidenden Fragen vorbei“, kritisierte die Abgeordnete Maren Jasper-Winter. So würden zwar Ausbildungsplätze, aber nicht ausreichend Studienplätze geschaffen. Doch die EU schreibe vor, dass Hebammen künftig studieren müssen. „Das ist eine völlige Fehlplanung“, monierte die Liberale. Dazu erklärte Senatorin Kolat, dass die Hebammenausbildung nach EU-Vorgaben bis Anfang 2020 zu einer akademischen Ausbildung weiterentwickelt werden müsse. Das biete die Evangelische Hochschule bereits an. Die Charité entwickele derzeit ebenfalls einen Studiengang.

Die CDU hingegen erklärte, die angekündigten Maßnahmen seien „ein erster guter Schritt“ und müssten nun zügig vom Senat umgesetzt werden. Letztlich seien es Forderungen der CDU-Fraktion, die die Senatorin nun aufgreife. „Die Probleme der Geburtsmedizin waren bereits seit einem Jahr unübersehbar. Wenn auch spät, handelt die Senatorin endlich. Allerdings bleiben Fragen bei der Akademisierung der Hebammenausbildung und zum angekündigten Aufwuchs der Bettenzahl offen“, sagte Gottfried Ludewig, Gesundheitsexperte der Unionsfraktion im Abgeordnetenhaus. Er erwarte, dass das Parlament umgehend dazu unterrichtet wird.

Catherina Pieroth, gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen im Landesparlament, nannte es „hervorragend, dass der runde Tisch nun erste Maßnahmen für eine bedarfsgerechte und gute Geburtshilfe in Berlin vorstellt“. Die Forderungen deckten sich weitestgehend mit den Positionen der Grünen-Fraktion. „Nun sind die beteiligten Akteure und allen voran die Senatorin gefordert, diese Maßnahmen umzusetzen“, so Pieroth. Grünen-Fraktionschefin Silke Gebel mahnte indes eine Statistik an, in welchen Geburtskliniken konkret Hebammen fehlen.

2017 wurden in Berlin rund 42.000 Kinder geboren, einige Hundert weniger als im „Rekordjahr“ 2016.

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