Bertelsmann-Studie

Immer mehr Quereinsteiger - Berlin fehlen Grundschullehrer

Nur ein Viertel der zum Februar 2018 neu eingestellten Lehrkräfte an Berliner Grundschulen sind ausgebildete Grundschulpädagogen.

Grundschüler in Berlin

Grundschüler in Berlin

Foto: Peter Kneffel / picture alliance / dpa

Berlin.  Der Lehrermangel an den Grundschulen in Deutschland spitzt sich nach einer aktuellen Studie der Bertelsmann Stiftung in den nächsten Jahren dramatisch zu. Bis ins Jahr 2025 fehlen demnach rund 35.000 Pädagogen für die ersten Schuljahre. Bis 2025 müssten eigentlich knapp 105.000 neue Lehrer eingestellt werden, die Universitäten könnten bis dahin aber nur 70.000 Absolventen ausbilden, hieß es.

In ihrer Rechnung gehen die Bildungsforscher Klaus Klemm und Dirk Zorn von bundesweit 60.000 Pädagogen aus, die in den Ruhestand gehen und ersetzt werden müssen. Weitere 26.000 neue Lehrer seien nötig, um die steigenden Schülerzahlen aufzufangen. Für den Ausbau von Ganztagsschulen würden außerdem 19.000 Lehrer benötigt. Laut Gewerkschaftsangaben sind aktuell bundesweit rund 2000 Lehrerstellen an Grundschulen nicht besetzt.

Auch in Berlin ist die Situation dramatisch. Laut Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) sind nur ein Viertel der zum Februar 2018 neu eingestellten Lehrkräfte an Berliner Grundschulen ausgebildete Grundschulpädagogen. Deshalb wird auf Quereinsteiger gesetzt. „Über alle Schulformen hinweg beträgt der Anteil von Quereinsteigern an den Neueinstellungen zum zweiten Schulhalbjahr 38 Prozent“, sagte GEW-Chef Tom Erdmann. Der Mangel betreffe die Schulen in schwieriger sozialer Lage besonders hart, so Erdmann. „Bei den Neueinstellungen zum Februar 2018 verzeichnen die Bezirke Mitte mit 52 Prozent, Spandau mit 53 Prozent und Neukölln mit 50 Prozent erneut die höchsten Quereinsteiger-Quoten.“

Laut Bildungsverwaltung müssen zum Halbjahr bis zu 1000 Lehrkräfte eingestellt werden, 930 Einstellungsvorgänge seien bereits registriert, heißt es. Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) sagte der Berliner Morgenpost, dass Berlin einen Wettbewerbsvorteil habe. „Wir bieten den neu ausgebildeten Grundschullehrkräften und bald auch den Bestandskräften mit 5300 Euro Brutto bundesweit ein Spitzengehalt“, sagte sie. Um den Lehrermangel zu begrenzen, will Scheeres jetzt auch vermehrt Lehrer aus dem Ruhestand an die Schulen zurückholen. Damit diese nicht nur stundenweise, sondern mit einer halben Stelle eingesetzt werden können, will sie die Zuverdienstgrenze verändern. Darüber verhandelt sie derzeit mit dem Finanzsenator. Die Pensionäre sollen unterrichten, vor allem aber auch die vielen Quereinsteiger anleiten, die an den Schulen arbeiten.

Die meisten vorzeitig pensionierten Beamte sind Lehrer

In der Hauptstadt führen verschiedene Faktoren dazu, dass der Lehrermangel immer größer wird. So wurden im vergangenen Jahr 483 der knapp 57.000 Landesbeamten wegen Dienstunfähigkeit, etwa wegen einer Krankheit, in den vorzeitigen Ruhestand versetzt. Die meisten vorzeitig pensionierten Beamten waren Lehrer. Im vergangenen Jahr galt das für 175 verbeamtete Lehrer, 2016 waren es 227. Die Höchstzahl der vergangenen Jahre wurde 2013 mit 465 erreicht.

Hinzu kommt, dass in den kommenden Jahren viele Berliner Lehrer regulär in den Ruhestand gehen werden. Außerdem steigen die Schülerzahlen von Jahr zu Jahr weiter an. Im Jahr 2027 rechnet die Senatsbildungsverwaltung mit etwa 70.000 zusätzlichen Schülern. In den kommenden Jahren muss Berlin nach Aussage der Bildungsverwaltung aus diesen Gründen jährlich rund 2000 neue Lehrkräfte einstellen – so wie in den vergangenen Jahren auch schon. Da inzwischen bundesweit ein Mangel an Fachkräften herrscht, wird es für Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) immer schwerer, geeignete Lehrkräfte zu finden.

Bildungssystem befindet sich in einer Abwärtsspirale

Paul Fresdorf, bildungspolitischer Sprecher der FDP-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, forderte am Mittwoch, das Problem des Lehrermangels möglichst schnell langfristig zu lösen. „Frauen im Lehrberuf, die in Teilzeit arbeiten, eine Vollzeitstelle schmackhaft zu machen, ist eine gute Idee. Doch dann brauchen wir auch wieder mehr Möglichkeiten zur Kinderbetreuung, denn viele Lehrerinnen können nur so Familie und Beruf vereinbaren“, sagte er. Nötig seien zudem bundeseinheitliche Standards für Quereinsteiger in den Lehrberuf, sagte Fresdorf. Auch Tom Erdmann, Chef der Berliner Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, forderte eine bessere pädagogische Anleitung und eine Reduzierung der Unterrichtsverpflichtung für Quereinsteiger.

Der Berliner Erziehungswissenschaftler Jörg Ramseger, der auch im Deutschen Grundschulverband tätig ist, sagte der Berliner Morgenpost, dass sich das Bildungssystem in Deutschland und damit auch in Berlin in einer Abwärtsspirale befinde. „Die Berechnungen der Bertelsmann-Studie zeigen, dass eine gesicherte Versorgung der Grundschulen mit qualifiziertem Lehrpersonal bis zum Jahr 2026 nicht mehr zu erwarten ist.“ Berlin steht dabei laut Ramseger vor einer extrem großen Herausforderung. „Die Hauptstadt benötigt zusätzlich viele Lehrer, da es besonders viele von Armut betroffene Kinder gibt, die Migrantenquote hoch ist und bereits viele Kinder mit Förderbedarf an den Regelschulen lernen“, sagte er.

Gymnasiallehrer müssen an Grundschulen einspringen

Dieter Haase, Vorsitzender des Personalrates der Lehrer, bezeichnete die Lage als alarmierend. „Es wird noch schlimmer werden“, ist er sich sicher. Zwar seien in Berlin die Studienplätze für den Lehrerberuf aufgestockt worden, für das Grundschullehramt von 150 auf 700, doch auch diese Absolventen würden nicht ausreichen, um den großen Mangel zu beheben. Außerdem dauere es noch Jahre, bis sie das Studium abgeschlossen haben.

Akuter Pädagogenmangel herrscht auch an Niedersachsens Grundschulen. Dort greift man deshalb auf Gymnasiallehrer zurück. Sie müssen auch im zweiten Schulhalbjahr in den niederen Klassenstufen einspringen. Eltern und Lehrer befürchten deshalb massiven Unterrichtsausfall an den Gymnasien. „Ja, es ist durchaus mit einem erheblichen Ausmaß von Abordnungen an Grundschulen zu rechnen“, sagte ein Sprecher des Kultusministeriums am Mittwoch.

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