Berlin

Sozialer Wohnungsbau - bedarfsgerecht oder eintönig?

Die landeseigene Degewo hat eine „Werkfibel“ für kostensparende Baustandards erstellt. Die Architektenkammer übt Kritik.

Die Mieten in Berlin steigen immer schneller. Im Schnitt zahlen die Berliner dieses Jahr 55 Cent mehr pro Quadratmeter als 2015.

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Berlin. Gute Nachrichten gab es zuletzt selten vom angespannten Berliner Wohnungsmarkt. Da war Finanzsenator Matthias Kollatz-Ahnen (SPD) die Erleichterung deutlich anzumerken, als er in der Abgeordnetenhausdebatte um die Liegenschaftspolitik des Berliner Senats endlich auch mal einen Verhandlungserfolg vermelden konnte. „Beim Dragonerareal stehen wir kurz vor der Vertragsunterzeichnung“, versprach der Senator. 500 preiswerte Wohnungen, davon 250 als Sozialwohnungen zu einer Kaltmiete von 6,50 Euro je Quadratmeter, könnten nach jahrelangem Stillstand damit endlich errichtet werden.

Seit Mittwochabend ist auch klar, wie die Wohnungen auf dem Dragonerareal sowie in anderen Gebieten, auf den die landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften bauen, aussehen könnten. Berlins größte landeseigene Wohnungsbaugesellschaft, die Degewo, stellte ihre „Werkfibel“ vor, in der effiziente und kostensparende Baustandards für den neuen sozialen Wohnungsbau präsentiert werden.

„Das hat nichts mit den Plattenbauten zu tun“

„So bauen wir. Modern.Sozial.Bedürfnisgerecht“ heißt die 106 Seiten starke Fibel, in der die Degewo, die in Berlin 67.000 Wohnungen vermietet und mit dem Senat vereinbart hat, ihren Bestand jährlich um 1500 Neubauwohnungen zu erweitern, Beispiele des neuen sozialen Wohnungsbaus vorstellt. Dieser, versicherte Degewo-Chef Christoph Beck, hätte nichts mit den Plattenbauten aus DDR-Zeiten zu tun.

Vielmehr entstünden passgenaue Gebäude, die auf die jeweilige Situation vor Ort zugeschnitten seien. „Wir Landeseigenen haben den Bau von 30.000 Wohnungen innerhalb kürzester Zeit verabredet. Diese enorme Herausforderung im Spannungsfeld zwischen Grundstücksbeschaffung, Baurechtschaffung, Bürgerbeteiligung und Umweltauflagen erfordert gute Vorbereitung“, sagte Beck. Dazu solle das Handbuch dienen, das allen Bauinteressierten auf Anfrage kostenlos zugesandt werde.

„Dabei geht es nicht um die Absenkung von Qualitätsstandards, das macht ja auch keinen Sinn, denn unsere Wohnungen wollen wir ja viele Jahrzehnte lang vermieten“, ergänzte Jacqueline Brüschke, Leiterin des Degewo-internen Bau- und Planungsbüros „bauWerk“. In dem zweijährigen Werkstattverfahren habe man gemeinsam mit sechs ausgewählten Architekturbüros Standards für die Neubauprozesse erarbeitet.

Architektenkammer befürchtet Eintönigkeit

Von der Standortanalyse über Gebäudestruktur, funktionale Hauseingänge, Treppenhäuser, Gemeinschaftsräume, Freiraumgestaltung bis hin zur Fassadengestaltung und effizienten Grundrissen reicht das Spektrum der Baufibel, die bei ihrer Premiere durchaus auch auf Kritik stieß. „Der Nachweis, dass es wirklich kosteneffizient ist, mit lediglich sechs Architekturbüros zusammenzuarbeiten und alle anderen auszuschließen, steht noch aus“, sagte Christine Edmaier, Präsidentin der Berliner Architektenkammer, die wie mehrere Hundert Gäste aus der Bauwirtschaft und Politik zu der Buchvorstellung ins Umspannwerk Mitte gekommen waren. Die starke Fokussierung auf standardisierte Bauprozesse lasse Eintönigkeit befürchten. Dieses gelte umso mehr, als die Degewo auch noch angekündigt habe, auch die soziale Infrastruktur, also etwa Schulen und Kitas, gleich noch mitzuplanen, so Edmaier.

Tatsächlich finden sich in der Broschüre Wohnkomplexe, deren Fassaden vor allem durch die strenge, immergleiche Abfolge von Fenstern und Balkonen auffallen. Bei der Degewo will man das nicht als Fantasielosigkeit verstanden wissen, sondern verweist auf prominente Vorbilder beim Siedlungsbau aus einem Guss. Gleich mehrere Berliner Siedlungen aus den 20er-Jahren gehörten mittlerweile zum Weltkulturerbe und hätten bewiesen, dass ihre standardisierten Wohntypologien rund 100 Jahre später noch marktgerecht seien.

„Wohnen ist das Hauptthema der Stadt“, stellte der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) in seinem Grußwort anlässlich der Buchvorstellung klar. Angesichts der Flächenkonkurrenz zwischen Wohnen und Arbeiten, sozialer Infrastruktur und dem Erhalt von Grünflächen „müssen wir unsere Grundstücke gut nutzen“, sagte Müller weiter. „Wir werden dichter und höher bauen müssen“, daran führe kein Weg vorbei, wenn alle Bedürfnisse der Stadtgesellschaft berücksichtigt werden sollen. Die von der Degewo in ihrem Werkbuch vorgestellten Bautypologien seien dazu ein wertvoller Beitrag, wie platz- und kosteneffektiv gebaut werden könne, sagte Müller.

Bund soll Baugrundstücke günstiger abgeben

Das Thema Wohnen und Mieten sei auch bundespolitisch das große Thema, so der Regierende weiter. Es gehe nicht um Extrawürste für Berlin, sagte Müller. Damit verwies er auf die Bemühungen Berlins, bundeseigene Grundstücke zu vergünstigten Konditionen zu übernehmen. Berlin versucht über Bundesratsinitiativen, das sogenannte Bima-Gesetz so zu ändern, dass Grundstücke nicht mehr zum Höchstpreis, sondern nach Maßgabe der künftigen sozialen Nutzung vergeben werden. „Das Problem des fehlenden Baulandes für den sozialen Wohnungsbau hat nicht nur Berlin, das haben auch alle anderen stark wachsenden Ballungsräume“, sagte Müller.

Einen Seitenhieb Richtung Koalitionspartner konnte sich der Regierungschef nicht verkneifen. Er verstehe die ganze Aufregung nicht, wenn auch innerhalb der Landesregierung um den richtigen Weg zu mehr sozialem Wohnungsbau immer wieder gerungen werde. „Es ist doch klar, dass wir auch selbstkritisch sagen müssen, es muss schneller und besser werden – sowohl auf Senats- als auch auf Bezirksebene“, sagte Müller. Die SPD hatte Bausenatorin Katrin Lompscher (Linke) am Wochenende vorgeworfen, dass sie den Wohnungsneubau nicht genügend beschleunige. Außerdem hatten die Sozialdemokraten eine Lenkungsgruppe beim Regierenden Bürgermeister vorgeschlagen, die dafür sorgen soll, dass Bezirke und Senat beim Thema Neubau an einem Strang ziehen. Lompscher hatte daraufhin gekontert, dass die SPD damit eine Idee aufgegriffen habe, die sie längst selbst vorgeschlagen habe.

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