Eine Million Gläubiger

Air Berlin-Insolvenzverfahren: Die Hoffnung stirbt zuletzt

Die insolvente Airline schuldet unserem Redakteur Geld. Auf der Gläubigerversammlung sucht er nach Antworten.

Gläubigerversammlung von Air Berlin im Hotel „Estrel“

Gläubigerversammlung von Air Berlin im Hotel „Estrel“

Foto: Lorenz Vossen / BM

Einlass ist ab 8.30 Uhr. Soll voll werden, hieß es, 1500 Menschen haben sich angemeldet, Platz gibt es sogar für drei Mal so viele. Doch kurz vor Beginn um 10 Uhr sind vielleicht etwas mehr als 100 Interessierte da. Die riesige, fensterlose Kongresshalle im Hotel „Estrel“, in der die Klimaanlage permanent summt – ein Meer aus leeren Stühlen.

Egal, ich bin auf jeden Fall gekommen, weil ich mein Geld zurückwill. Oder zumindest herausfinden möchte, was davon noch übrig ist. Ich gehöre zu den mehr als eine Million Gläubigern, die von der Insolvenz der Air Berlin betroffen sind. Und deshalb hatte ich eigentlich ein Feuerwerk erwartet, hier bei der Gläubigerversammlung im Neuköllner „Estrel“, wo die Air Berlin früher ironischerweise ihre Firmenjubiläen feierte. Doch gekommen sind nur viele Anwälte und ein paar eher ältere Leidensgenossen, die mal schauen wollen, was so passiert.

Nach Malaysia sollte es gehen, Ende September. Zwei Monate vorher hatte ich gebucht, für 528,57 Euro hin und zurück. Ob ich verrückt sei, fragte mich der Kollege aus der Wirtschaftsredaktion, schließlich hatte Air Berlin im ersten Quartal 2017 einen Rekordverlust von fast 800 Millionen Euro eingefahren und die Insolvenz schwebte seit Monaten wie eine dunkle Wolke über der Firmenzentrale am Saatwinkler Damm. Ein paar Wochen später musste ich dem Kollegen zustimmen. Zu allem Überfluss traf es die Langstrecke als erstes, meine Verbindung wurde drei Tage vor dem geplanten Abflugdatum eingestellt.

Neben mir sitzt Hans-Joachim Matzky. Der Senior aus Spandau war sogar noch mutiger, buchte zwei Wochen vor der Insolvenz für fünf Personen nach Palma de Mallorca, um mit der ganzen Familie Goldene Hochzeit zu feiern. 1500 Euro für alle Tickets. Matzky war früher Manager bei einer Tochterfirma von Karstadt. Er weiß, wie es ist, wenn ein großes Unternehmen in die Insolvenz geht. Höchstens fünf Prozent, so seine Schätzung, wird er von der Schadenssumme wiedersehen. Wenn überhaupt. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, sagt Matzky.

Sie stirbt dann doch recht bald. Mit zwölf Minuten Verspätung – gemäß Flugstatistik ist das immer noch pünktlich – geht die Veranstaltung los und Frank Kebekus tritt ans Mikrofon. Der Generalbevollmächtigte der Air Berlin geht noch einmal die schmerzhafte Chronik der Insolvenz durch und kommt am Ende seiner Rede zu dem Schluss, mit dem wohl alle gerechnet haben: 760 Millionen Euro Verbindlichkeiten sind es, und wenn nicht noch „irgendwo Hunderte Millionen Euro auftauchen“, wird bei Gläubigern wie Herrn Matzky und mir nichts ankommen. Denn Vorrang haben Masseverbindlichkeiten wie der von der Bundesregierung eingefädelte 150-Millionen-Euro-Überbrückungskredit, und selbst den kann Air Berlin wohl nur zur Hälfte zurückzahlen, wie ein Sprecher von Insolvenzverwalter Lucas Flöther später mitteilt.

Insolvenzverfahren dauert mindestens zehn Jahre

Einer gibt trotzdem nicht auf: der Berliner Anwalt Lothar Müller-Güldemeister, der eine Sammelklage vorbereitet und nach eigenen Angaben 400 geprellte Fluggäste mit einer Forderungssumme von einer halben Million Euro vertritt. Er versucht, in den Gläubigerausschuss gewählt zu werden, scheitert aber. Die Höhe der Stimmenzahl richtet sich nach der Höhe der Forderung, und die Gläubiger mit den großen Forderungen sind in der Überzahl. Sie wollen offenbar niemanden, der die Kleingläubiger vertritt.

Später sagt Flöther noch, dass es immer die Möglichkeit gebe, dass sich für die geschädigten Fluggäste noch etwas ändere. Und dass das Insolvenzverfahren mindestens zehn Jahre dauern werde. Mich kann nichts mehr schrecken. Auf mein Geld aus der Flexstrom-Insolvenz warte ich seit 2011. Matzky ist übrigens längst nach Hause gegangen.

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