Gewerkschaften

Das ist der Neue an der Spitze des DGB

Christian Hoßbach soll am Sonnabend der Chef des DGB in Berlin und Brandenburg werden. Und vertritt damit die Interessen von 356.000 Menschen.

Christian Hoßbach hat sich schon immer eingemischt. Ende der 70er-Jahre setzte er sich für Gedenktage zur Reichspogromnacht an Berlins Schulen ein. Der Karriereweg des gebürtigen Charlottenburgers, der als Landesschülersprecher begann, wird ihn am Sonnabend bei der Bezirkskonferenz an die Spitze des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) in Berlin und Brandenburg führen. Der 54-Jährige folgt auf Doro Zinke, die aus Altersgründen die Führung des Dachverbandes der 356.000 Gewerkschafter in der Region abgibt. Einem ungeschriebenen Gesetz folgend, übernimmt nach der Verdi-Frau Zinke nun wieder ein IG Metaller den Chefposten beim DGB.

Der 1,97-Meter-Mann ist alles andere als ein Unbekannter auf dem politischen Parkett der Stadt. Der studierte Volkswirt, der früher einmal Journalist werden wollte, wirkt seit acht Jahren als stellvertretender DGB-Chef und hatte de facto die Rolle eines Außenministers inne. Der Sozialdemokrat und frühere Berliner Juso-Vize gehört zu den Ratgebern des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller (SPD). „Er ist ein Gesprächspartner“, sagt Hoßbach. Er will seine Rolle nicht überbetonen. Er spreche regelmäßig auch mit Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke. Und natürlich pflege er als Vertreter einer überparteilichen Organisation auch zu anderen Politikern ein enges Verhältnis.

Hoßbach lernte auch die Arbeitslosigkeit kennen

Aber es war sicher kein Zufall, dass Christian Hoßbach bei den Koalitionsverhandlungen über Rot-Rot-Grün für die SPD über die Wirtschaftspolitik verhandeln durfte, obwohl er keinerlei Parteiamt innehat. Dass es in den nächsten zwei Jahren insgesamt eine Dreiviertelmillion Euro für den Masterplan Indus­trie gibt, ist maßgeblich auf den Einfluss des Gewerkschafters zurückzuführen. Vor allem in die Industriepolitik des Senats hat sich der Vater zweier erwachsener Töchter schon früh massiv eingemischt. Noch heute ist er stolz darauf, dass die ersten Papiere, mit denen DGB und IG Metall in den krisenhaften Nullerjahren von der Politik eine Rückbesinnung auf die Industrie als wirtschaftliche Basis anmahnten, aus seiner Feder stammten. Es kostete ihn und seinen Förderer und Vor-Vorgänger Dieter Scholz einige Mühe, dem damaligen Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) klarzumachen, dass ein Job in der Industrie eben doch strukturpolitisch deutlich wertvoller ist als einer im Hotel. Dass sich die Landespolitik vom Leitbild der „Dienstleistungsmetropole“ verabschiedet hat, ist wesentliches Verdienst der Gewerkschaften mit Hoßbach im Hintergrund.

Vor seinem Wechsel in den DGB- Bezirksverband leitete er für den Bundesvorstand der IG Metall das Berliner Büro, kümmerte sich vor allem um Strukturpolitik und den Aufbau Ost. Da sei bald klar gewesen, dass Berlin die „eigentliche industrielle Katastrophe“ in Ostdeutschland sei, weil nach 1990 mehrere Hunderttausend Jobs in Fa­briken verloren gegangen waren. Obgleich er tief im Berliner Westen aufgewachsen ist und an der Freien Universität studiert hat, führte Hoßbach sein Berufsleben früh in den Osten. Die Veränderungen nach dem Mauerfall sorgten auch dafür, dass er nicht selbst in die Politik eingestiegen ist, sondern eben in den hauptamtlichen Apparat.

Mit kaum 25 Jahren Sprecher des Magistrats

Nach dem Studium machte er für die Berliner SPD Öffentlichkeitsarbeit. Von dort ging er 1990 in den Ostteil und wurde mit kaum 25 Jahren Sprecher des Magistrats. Als die SPD dann die Wahlen verlor und die Mehrheit einbüßte, lernte der Professorensohn auch die Arbeitslosigkeit kennen. Eine Phase, die sich 1997 für knapp zwei Jahre wiederholte. „Das war keine gute Zeit“, erinnert er sich.

Ungewöhnlich für einen Linken führte ihn sein Weg vom Arbeitsamt dann zur Treuhandanstalt, die die Betriebe der DDR privatisierte oder abwickelte und dafür bis heute viel gescholten wird. „Ich wollte nicht auf dem SPD-Trampelpfad weiterlaufen“, beschreibt er seine Gefühlslage von damals. Die Vorstellung, als Pressesprecher oder Referent eines Politikers weiterzumachen, gefiel ihm nicht. Dann lieber echtes Leben in der Treuhand, auch wenn das „eine widersprüchliche Sache“ gewesen sei. „Aber es war notwendig, in dieser Organisation ein paar Leute mit Haltung zu haben, die so viel wie möglich für den Osten herausholen wollten“, sagt er. Nach 1995 war er erst mal ohne festen Job. Immerhin konnte seine Frau, die Journalistin Regine Zylka, nach der Babypause wieder in ihren damaligen Job bei der „Berliner Zeitung“ einsteigen. Nach einer Phase des Hausmann- und Freiberuflerdaseins erinnerte sich seine IG Metall an ihn und holte ihn 1997 in ihren hauptamtlichen Apparat.

Wichtig, die Präsenz der Gewerkschaften auszuweiten

Obwohl Hoßbach nie selbst in einer Fa­brik oder in einem Metallbetrieb gearbeitet hat, fand Hoßbach schon früh über Kontakte in seiner Juso-Zeit zu den Metallern. Als Student machte er Jugendbildungsarbeit für die Gewerkschaft und trat der Organisation auch bei. Auch als künftigen DGB-Chef treibt ihn die Frage um, wie man die jungen Menschen für die Arbeitnehmerorganisation gewinnen kann. Denn die Zahl der organisierten Mitglieder hält nicht mit dem Wachstum der Beschäftigtenzahlen mit. Vor allem müsse man an die Hochschulen, denn immer mehr junge Leute absolvierten eben keine Ausbildung mehr, wo viele in Kontakt mit Betriebsräten und Gewerkschaften kommen. Wichtig sei es, die Präsenz der Gewerkschaften in den wachsenden Branchen wie Logistik, IT und Online-Handel auszuweiten.

Als DGB-Chef muss Hoßbach auch die Mitgliedsgewerkschaften zusammenhalten, Positionen koordinieren und gelegentliche Meinungsunterschiede ausgleichen. Er ist Vorgesetzter von 48 Mitarbeitern und verwaltet ein Jahresbudget von fast 4,5 Millionen Euro. Zudem steht der Neubau des DGB-Hauses an der Keithstraße unweit des Wittenbergplatzes auf seiner Agenda, obwohl die Organisation dort nur Mieter sein wird, ihm echte Bauherrenpflichten also erspart bleiben.

Die Landespolitik will Christian Hoßbach auch weiterhin konstruktiv-kritisch begleiten. „Ich werde weiter klare Kritik und Forderungen an eine SPD-Regierung vorbringen“, versichert Hoßbach: „Das habe ich schon oft genug gemacht.“ Eine große, klassisch-gewerkschaftliche Forderung steht für den früheren Schülersprecher im Mittelpunkt: „Wir erwarten von den Landesregierungen eine Gesamtstrategie, um die Einkommen zu stärken“, sagt Hoßbach. Die lägen nämlich trotz des Wirtschaftsbooms der letzten Jahre noch immer unter dem Durchschnitt.