Wunderheiler

Heilung per Massengebet: Politiker warnen vor "Apostel"

Ein selbst ernannter Apostel verspricht bei einem Auftritt vor Tausenden Anhängern in Berlin Wunder. Die Politik warnt vor dem Mann.

Vladimir Muntyan veranstaltet sogenannte Heilungsgottesdienste

Vladimir Muntyan veranstaltet sogenannte Heilungsgottesdienste

Foto: Jörg Krauthöfer

Berlin. Ist das jetzt ein Gottesdienst oder ein Popkonzert? Der Auftritt des umstrittenen, selbst ernannten Apostels Vladimir Muntyan beginnt mit einer Show. Frauen in silbernen Paillettenkleidern tanzen, dazu wird ein eingängiger Hit gesungen. Die Kongresshalle 2 des Estrel Hotels in Neukölln ist am Sonntag erstaunlich voll. Sie fasst hunderte Stühle. Viele, die gekommen sind, singen mit, heben die Arme und sind völlig begeistert. Dann spricht Muntyan. Sein Gesicht wird auf einer Großleinwand übertragen, dazu zeigt sie auch Reaktionen aus dem Publikum.

An einer Stelle schwärmt der vermeintliche Apostel von seiner Frau, sagt, er nenne sie "seinen Schatz, seinen Puma". Gegenschnitt auf eine Frau im Publikum, die verlegen lächelt und sehr schwarze Haare hat. Viele rufen jetzt verzückt "Oh!". Wenn Muntyan besonders laut spricht und witzelt, beginnen fast alle Menschen im Publikum zu lachen. Sie scheinen völlig losgelöst. Manche tanzen mit geschlossenen Augen oder wippen hin und her. Es sieht so aus, als seien sie in einer Trance. Muntyan, das sieht man hier, ist ein Menschenfänger. Sein Versprechen: Die Befreiung von Krebs, chronischen Krankheiten, Schicksalsschlägen, Drogensucht. Mit der Hilfe von Gott – und durch ihn, den selbst ernannten Apostel.

Bezirksamt Neukölln hat von der Teilnahme abgeraten

Erst im September 2016 wurde in Offenbach gegen Muntyans Auftritt in der dortigen Stadthalle demonstriert. Neuköllns Gesundheitsstadtrat Falco Liecke (CDU) warnte vor dem Auftritt in Berlin: "Jeder Mensch – ob religiös oder nicht – sollte stutzig werden, wenn selbst ernannte Vertreter Gottes mit Massengebeten Krebs heilen oder auf den Rollstuhl angewiesene Menschen wieder gehen lassen wollen", sagte er. Es werde "auf perfide Art und Weise mit den Hoffnungen und Ängsten der Menschen gespielt.“ Das Bezirksamt Neukölln rate von einer Teilnahme ab.

Per Postwurfsendung wurden die Berliner dennoch auf die Veranstaltung aufmerksam gemacht – sie landete ungefragt in Briefkästen, etwa in Neukölln. Interessenten mussten sich telefonisch anmelden, über eine Handynummer. Die Veranstaltung sei gratis, sagt Muntyans Assistentin am Apparat. Das macht stutzig, schließlich liegt die Saalmiete bei über 25.000 Euro, wie die "BZ" im Vorfeld berichtete.

Die Gemeinde, die Muntyan gegründet hat, heißt auf russisch "Vozrozh¬denie". Auf dem Flyer aus dem Briefkasten findet sich ein Internet-Link. Im Netz stößt man bei dem Namen des geistlichen Zentrums, das Muntyan aufgebaut haben soll, auf eine gleichnamige Bank, die laut Wikipedia in Russland 161 Filialen hat.

Vor seiner Bühnenshow am Sonntag hält Muntyan zunächst eine seltsame Pressekonferenz im Saal "Paris" des Hotels Estrel. Anschließend soll um 14 Uhr der Gottesdienst beginnen. Zwei Stunden soll dieser dauern. In dieser kurzen Zeit will Muntyan die Besucher von allerlei schlimmen Dingen heilen, die das Leben bereithält. Der selbst ernannte Apostel trägt ein eng anliegendes Oberteil und eine Jeans. Unter seinem Shirt zeichnet sich ein durchtrainierter Bizeps ab. Seine Augen sind stechend blau. Die Haare grau und kurz rasiert. Über dem Shirt trägt er eine silberne Kette mit modernem Kreuzmotiv. Eine junge Frau übersetzt alles, was er sagt, vom Russischen ins Deutsche. Sie spricht perfektes, nahezu akzentfreies Deutsch und arbeitet äußerst schnell. Die Vorgabe für Journalisten: Muntyan keine direkten Frage stellen. Aufgrund der Sprachbarriere, wie es heißt.

Muntyan weicht Fragen aus und verweist auf ein Erlebnis mit Gott

Ansonsten geriert Muntyan sich transparent. Auch eine Frau, die nach eigener Auskunft durch seine Wunder geheilt wurde, ist bei dem Pressetermin dabei. Die Präsentation von Muntyans Botschaft ist makellos. Doch er ist ein verbaler Houdini. Er schafft es, den Fragen immer wieder auszuweichen. Wie er zum Apostel wurde? Es habe da ein Erweckungserlebnis gegeben, welches direkt von Gott kam. "Gott hat zu mir gesprochen und mir eine Botschaft mitgeteilt. Ich solle den Menschen helfen und sie heilen", sagt er. Er erzählt vom Krebstod seiner Mutter, von der schlechten medizinischen Versorgung der Menschen in der Ukraine, von Rentnern, die von ihrer Rente nicht leben können. Er sagt, seine Organisation habe an Krankenhäuser in Kiew Fernseher für die Patienten gespendet. Ob er ein Medium sei? „Danke für diese Frage", sagt er und fährt fort zu beschreiben, wie ausdauernd er betet.

Muntyan vermischt hier wie auf der Bühne gekonnt Fakten und Realität, und versucht, sich durch einen emphatischen Anstrich eine Aura der Glaubwürdigkeit zu geben. Er agiert postfaktisch. Im Publikum sitzen Menschen, die sehr vielfältig aussehen: Jung, alt, viele Frauen, die mit Kindern gekommen sind, einige davon laufen mit Gehhilfen. Die Ordner schwirren geschäftig umher und verhindern, dass man sich zu sehr bewegt. Muntyan nennt alle, die gekommen sind, „meine Brüder und Schwestern“. Auf die Bühne holt er zunächst niemanden, das vermeintliche „Wunder“ bleibt aus. Eine Besucherin sagt, die Veranstaltung könne noch bis Mitternacht dauern.

Was Muntyan tut, ist eine bewährte Masche: Er spielt mit einem Phänomen, dass sich selektive Wahrnehmung nennt. Wer etwas Bestimmtes sehen will, sieht es auch. Und glaubt der Quelle, die sich einen glaubwürdigen Anstrich gibt. Das gelingt am besten, indem man vorgibt, ein Medium zu sein. Muntyan bedient sich der Mittel: Professionelle Soundtechnik, Kameras, ein großes Team. Doch seine Aussage ist inhaltsleer. Natürlich kann er diese Menschen nicht retten.

Ein junger Mann im Publikum wirkt sehr müde und alkoholisiert. Er sagt, er glaube an Muntyan und wolle ihn sehen. Er wirkt arglos, so wie viele hier. Manche wirken auch völlig weggetreten. Wieder andere so, als seien sie nicht Besucher, sondern Teil der Gemeinde. Genau hier setzen die Versprechen von Muntyan an: Sie scheinen einem Menschen in dem Moment, in dem er es am dringendsten braucht, etwas zu geben, versprechen eine Rettung. Es sind diese Momente, in denen Menschen gerne an ein Wunder glauben. Und genau das ist es, was Wunderheiler so perfide macht.