DDR-Geschichte

Die dramatische Geschichte hinter diesem Fluchttunnel

Bei Bauarbeiten kam der Eingang zu einem Tunnel zum Vorschein, der 1963 angelegt wurde. Er erzählt von gescheiterten Hoffnungen.

Der rechteckige Einstieg zum Tunnel ist deutlich an der dunklen Verfärbung zu erkennen

Der rechteckige Einstieg zum Tunnel ist deutlich an der dunklen Verfärbung zu erkennen

Foto: Berliner Wasserbetriebe/ Stephan Natz / BM

Ein Archäologe sieht anfangs nur Verfärbung, mehr nicht. Da ist heller Sand und plötzlich darin eine Ecke, die ganz anders ist. Dunkel und lehmig. Dass genau hier mal der Einstieg zu einem Fluchttunnel war, der im Sommer 1963 angelegt wurde, verrät die Verfüllung natürlich nicht. Und auch nicht die vielen dramatischen Geschichten, die mit diesem Tunnel zusammenhängen.

Eigentlich war es eine Betonplatte, eine sogenannte Fahrzeugsperre, die den Archäologen Torsten Dressler jetzt in den Mauerpark an die Bernauer Straße brachte. Bei Vorarbeiten der Berliner Wasserbetriebe, die hier aktuell einen Stauraumkanal bauen, war die Betonplatte zutage getreten. Ein aufmerksamer Anwohner bemerkte sie, ahnte, dass dies wohl Teil der Grenzanlage gewesen war. Über Umwege bekam so das Landesdenkmalamt davon mit, die Berliner Wasserbetriebe beauftragten den Ar-chäologen und so kam Torsten Dressler vor Ort. Der wiederum ist auch Experte für Berliner Fluchttunnel, deshalb wusste er, dass genau hier mal ein Fluchtversuch mit Tunnel gescheitert war. Als man auf die Steinfundamente eines ehemaligen Schuppens traf, war klar, in diesem Schuppen am ehemaligen Güterbahnhof war damals der Einstieg zum Tunnel gewesen.

Ziel des Tunnels war ein Keller in der Eberswalder Straße

Schicht für Schicht trug man den Sand ab, bis man auf die Verfärbung stieß. Im Westen war dessen Eingang gewesen. Ab März 1963 begannen vier junge Männer ihren Weg nach drüben zu graben, unter der Mauer hindurch – man wollte in Ost-Berlin im Keller des Eckhauses Eberswalder Straße 1 ankommen. Über Wochen, gut geschützt vom Schuppen, der früher mal eine Kartoffelhandlung gewesen war. Ein zeittypischer Versuch. Die Kernzeit solcher Fluchttunnel lag zwischen 1962 und 1965, weil da Ost-Berlin noch streng vom Westen abgeriegelt war. Rund 75 Tunnel wurden damals angelegt, aber nur durch 25 von ihnen glückte am Ende eine Flucht, erzählt Dressler. Auch dieser Fluchtversuch hier scheiterte. "Am 28. Juni 1963 flog alles auf", so Dressler.

Dass er so viele Details über diesen Fluchtweg an der Bernauer Straße, der nun gerade wiederentdeckt wurde, weiß, hat zwei Gründe. Erstens konnte Torsten Dressler in die Stasi-Akten des Falls schauen. Und zweitens hat er lange mit einem der Tunnelbauer gesprochen – Carl-Wolfgang Holzapfel. Der war damals als 19-Jähriger dabei.

Holzapfel, heute Vorsitzender der "Vereinigung 17. Juni 1953", ist in Berlin eine bekannte Figur. Er hat viele spektakuläre Aktionen während der Mauerzeit aber auch zuletzt gemacht. Ein Anruf bei ihm – waren Sie wirklich einer der jungen Männer, die damals mitschaufelten?

Ja, bestätigt er. Aber mit Schaufeln sei da nicht viel gewesen. "Wir mussten mühsam mit dem Spaten die Lehmschichten abkratzen", erzählt er. Heiß sei es da unten gewesen, schlechte Luft und niedrig. Nur 1,20 oder 1,30 Meter hoch, mit Balken abgesichert. Eine Zeit lang arbeiteten sie mit nacktem Oberkörper, er war für den Abraum zuständig, der nach oben gebracht werden musste. Immer wieder schürfte er sich den Rücken an Balken auf. "Da haben wir uns doch lieber etwas übergezogen."

Der Anlass für den Tunnel war ein trauriger. Ein gewisser Gerhard Weinstein wollte im Sommer 1961 mit seiner Frau umziehen, noch war die Mauer nicht gebaut. Man ließ die kleine Tochter Liane, damals zwei Jahre alt, bei den Schwiegereltern in Ost-Berlin, damit sie beim Umzug nicht in die Quere kam. Wie man das halt macht als junge Eltern.

Doch dann wurde am 13. August 1961 völlig unerwartet der Osten abgeriegelt. Die Tochter steckte mit den Großeltern hinter dem Eisernen Vorhang fest, kein Rauskommen. Weinstein wollte nun mit dem Fluchttunnel seine Familie rüberholen. Genauso wie ein Zoohändler und ein Möbelhändler aus Kreuzberg. Am Ende war geplant, dass 21 Menschen über diesen Tunnel fliehen sollten. Und fast hätte es geklappt, es fehlten nur noch wenige Meter bis zum ersehnten Keller. Dem Tor zur Freiheit.

Am Ende war es eine Affäre, die eine Flucht verhinderte

Alles flog durch einen der Tunnelbauer auf. Der war auch Kurier, ging also regelmäßig rüber nach Ost-Berlin. Dort bandelte er mit einer verheirateten Frau an. "Er hat ihr alles brühwarm erzählt", sagt Holzapfel – im Bett versteht sich. Aber deren Mann war ausgerechnet Grenz­offizier. Der kriegte von der Affäre Wind, beim nächsten Besuch wurde der Kurier verhaftet. Bald wusste die Stasi alles. Auf der West-Seite bemerkte man nun ein verdächtiges Zelt der Deutschen Post, das eilig vor dem Haus in der Eberswalder aufgestellt worden war. Doch die Herren in den grauen Post-Einteilern trugen Armeestiefel! Welcher Postangestellte trägt Grenzerstiefel? Da war klar, alles war aufgeflogen. Es folgten zig Verhaftungen in der DDR, die kleine Tochter der Weinsteins kam ins Heim.

Eine kleine Verfärbung – und so viel Geschichte, die sich daran erzählen lässt. Auch bei der "Stiftung Berliner Mauer", dem Mauermuseum, das ja direkt an der Bernauer Straße liegt, erkennt man die Chance des Ortes. "Hier wäre eine Art archäologisches Fenster denkbar, um den Befund zu zeigen und im Kontext der Teilungsgeschichte zu erklären", sagt Sammlungsleiter Manfred Wichmann. Fahrzeugsperre, Zaunpfosten und Tunneleingang – alles eng beieinander. Besser kann man Geschichte nicht anschaulich machen.

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