Franziskanerkloster

Die Barbiere von Pankow helfen Wohnungslosen

Im Franziskanerkloster haben Friseure am Sonntag Bedürftigen die Haare geschnitten. Manchem hilft die Frisur bei der Wohnungssuche.

Barber Angels Brotherhood / schneidet Bedürftigen die Haare im Franziskaner Kloster, in der Wollankstraße / vl. Oben Angels Cutter, Ginger, Pako / Unten Orwiedo, Lothar und Uwe

Barber Angels Brotherhood / schneidet Bedürftigen die Haare im Franziskaner Kloster, in der Wollankstraße / vl. Oben Angels Cutter, Ginger, Pako / Unten Orwiedo, Lothar und Uwe

Foto: Reto Klar

An seinen neuen Anblick im Spiegel muss Richard Schmitt sich noch gewöhnen. Bevor er am Vormittag in die Suppenküche des Franziskanerklosters Pankow kam, hatte man nicht wirklich viel von seinem Gesicht gesehen. Die braunen, teils grauen Barthaare wuchsen zottelig in alle Richtungen, waren unterschiedlich lang, mit dem Haupthaar sah es nicht anders aus. Jetzt ist alles gestutzt, Richard Schmitt wirkt mindestens sechs Jahre jünger. Dass er seit Jahren auf der Straße lebt, sieht man ihm nicht sofort an. Zu verdanken hat er seinen neuen Haarschnitt den Barber Angels, die am Sonntag ihren ersten Einsatz in Berlin hatten.

Mehr als 200 obdachlose und bedürftige Menschen sind zur kostenfreien Frisieraktion der „Barber Angels Brotherhood“ nach Pankow gekommen und haben sich einen neuen Haarschnitt verpassen lassen. In dem Wohltätigkeitsverein sind Friseure aus ganz Deutschland vertreten, die an einem Sonntag oder Montag im Monat ehrenamtlich helfen. 17 von ihnen sind am vergangenen Wochenende nach Berlin gereist, die meisten aus Baden-Württemberg. Mit einem gepflegten Äußeren wollen sie den Bedürftigen ihr Gesicht zurückgeben und mehr Würde verschaffen, so die Philosophie des Vereins. Um Berührungsängste vor Friseursalons abzubauen, sind sie in Rockerkluft im Einsatz, mit Weste und aufgenähtem Klub-Emblem. Dazu der Name des jeweiligen Barber Angel.

Auf Tina Flohrs Emblem steht Barberlady Tina. Die 28 Jahre alte Friseurin kommt aus dem Stuttgarter Raum, für sie seien diese Friseur-Aktionen eine Herzensangelegenheit, wie sie sagt. Ihre Mutter kam einst als Alleinerziehende mit ihr und den beiden Schwestern aus Kroatien nach Deutschland. „Wir hatten nie Geld, nur wenig Essen im Kühlschrank und mussten Klamotten aus der Altkleidersammlung tragen.“ Die Haare haben sie sich gegenseitig geschnitten, nach der Schule entschied sie sich für die Ausbildung zur Friseurin.

Ihre Motivation für die vielen Stunden ehrenamtlicher Arbeit sind die Reaktionen der Menschen. Viele seien sehr dankbar dafür, dass sich jemand Zeit für sie nimmt und sich um ein gepflegteres Aussehen bemüht. „Ein neuer Haarschnitt kann auch Selbstbewusstsein verleihen und einen Neuanfang bedeuten“, sagt Tina Flohr. Manchmal passiere das tatsächlich. Ihr persönlicher Glücksmoment: Eine junge, obdachlose Frau, der sie die langen Haare zu einem Bob schnitt. Wenig später habe sie von ihr eine Nachricht bekommen, dass sie ein WG-Zimmer gefunden hatte und kurze Zeit darauf sogar noch eine Festanstellung. „Solche Erfahrungen sind so toll.“

Entstanden ist die „Barber Angels Brotherhood“ im November 2016 auf Initiative des Friseurs Claus Niedermaier, der einst Prominenten in Hollywood die Haare schnitt. Die Initialzündung kam ihm auf dem Sofa, wie er erzählt. Als er einen Bericht über Obdachlose im Fernsehen sah, wollte er mit seinen Mitteln etwas Gutes tun. Wenig später tat er sich mit zehn befreundeten Friseuren zusammen und gründete den Verein. Mittlerweile zählt er 111 Mitglieder, aus Berlin ist allerdings noch niemand dabei. Im vergangenen Jahr haben alle Barber Angels zusammen 3500 Bedürftigen die Haare und Bärte geschnitten. Jedes Mitglied zahlt einen Jahresbeitrag von 15 Euro und verpflichtet sich, pro Monat einen Einsatz von etwa drei Stunden zu leisten. Das funktioniere gut.

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