Interview

Erzbischof Heiner Koch: „Berlin braucht mehr Religion“

Erzbischof Heiner Koch erlebt Berlin nicht als religionsfeindlich. Und er hat Pläne mit dem neuen theologischen Institut.

Interview mit Heiner Koch, Erzbischof von Berlin, in seinen Diensträumen am Hausvogteiplatz

Interview mit Heiner Koch, Erzbischof von Berlin, in seinen Diensträumen am Hausvogteiplatz

Foto: Anikka Bauer

Erzbischof Koch, seit zwei Jahren in Berlin, spricht sich für den Nachzug der Familien von Flüchtlingen aus. Alles andere wäre unmenschlich, eine Integration der Flüchtlinge ohne ihre Familien sei nicht möglich, sagt er im Interview mit der Berliner Morgenpost. Und spricht über die Religiosität in Berlin, über den Umbau der St. Hedwigs-Kathedrale und das Vorhaben, an der Humboldt Universität ein katholisches theologisches Institut zu gründen.

Herr Erzbischof, müssen wir uns für das kommende Jahr Sorgen vor neuen Kriegs- und Krisengebieten machen? Müssen wir fürchten, dass die Zeiten unsicherer werden, auch weil Deutschland noch keine Regierung hat?

Heiner Koch: Ich möchte dieses Szenario für Deutschland entdramatisieren. Dass wir noch keine neue Regierung haben, ist ärgerlich, aber keine Katastrophe. Das ist eine in der demokratischen Ordnung vorgesehene Möglichkeit. Mit Blick auf die Welt mache ich mir mehr Sorgen: Wenn ich an Nordkorea denke, kann ich nur hoffen, dass es genügend Bedächtige in der zweiten Reihe gibt, die eine Eskalation verhindern. Noch größere Sorge macht mir die Entwicklung im Nahen und Mittleren Osten. Und ich sehe große Gefahrenherde in Afrika. Wie wird es in den aktuellen Kriegs- und Krisengebieten weitergehen, wenn sich angesichts der innerafrikanischen Flüchtlingsströme die Lage weiter zuspitzt?

Ist die Integration der Flüchtlinge für uns 2018 eines der wichtigsten Themen?

Integration muss ein wichtiges Anliegen bleiben, denn Integration braucht Zeit, Geduld und auch Geld, vor allem Investitionen in Personal im Bildungsbereich, auch im Bereich der Ordnungs- und Sicherheitskräfte. Integration ist eine Sache von Jahren, vielleicht von Jahrzehnten.

Was halten Sie vom Familiennachzug?

Ich weiß, dass die Möglichkeit des Familiennachzugs auch missbraucht wurde, das muss verhindert werden. Aber ich bin dafür, dass Familien zusammenkommen, das ist entscheidend für eine gelingende Integration. Wenn die Menschen hierbleiben, wird auf Dauer eine Integration ohne die Familien nicht möglich sein, gerade auch weil die Familie für Menschen aus diesen Ländern zumeist eine viel größere Bedeutung hat als für uns. Familie bedeutet nicht nur Vater, Mutter, Kind, sondern Großfamilie.

2018 bietet gerade auch in Berlin viele Herausforderungen. Wo kann Kirche helfen?

Die Hauptfrage für Berlin scheint mir zu sein, zu welcher Stadt wollen wir uns entwickeln? Wo setzen wir Akzente? Wir sind bereit, mit den politisch Verantwortlichen und mit den Menschen zusammen an einer großen Zukunftsvision für diese Stadt mitzuarbeiten. Es kann beispielsweise nicht nur darum gehen, möglichst viele Wohnungen zu schaffen. Es geht auch um die Qualität des Lebensraumes, um gemischte Stadtquartiere, in denen es auch soziale Einrichtungen gibt. Das ist nicht nur eine Aufgabe der Parteien, da wollen wir als Kirche gemeinsam mit anderen gesellschaftlichen Kräften uns einbringen.

Wie würden Sie da als Kirche mitmachen?

Wir haben als Kirche nach wie vor eine breite Infrastruktur. Wir engagieren uns in allen Teilen der Stadt, in unseren Pfarrgemeinden mit unseren Haupt- und Ehrenamtlichen. Es gibt viele Gruppen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Die bringen sich ein in die Debatten der Stadt. Deswegen sind wir zum Beispiel im Quartiersmanagement engagiert. Das gehört wesentlich für mich zum Christsein dazu.

Könnte die katholische Kirche nicht mehr Schulen und Kitas gründen?

In den vergangenen Jahren haben wir zwar keine neuen Schulen gegründet, aber die Kapazitäten unserer 26 Schulen vergrößert. Die für eine Neugründung nötigen Eigenmittel und finanziellen Verpflichtungen können wir nicht aufbringen.

Jedes Jahr müssen Sie vielen Eltern, die ihr Kind auf eine katholische Schule schicken wollen, Absagen erteilen. Warum sind die Schulen so beliebt?

Da gibt es eine ganze Reihe von Gründen. Einer ist sicherlich das gute Klima an den Schulen, die hohe Wertschätzung des Einzelnen. Auch das Leistungsniveau ist hoch. Zudem glaube ich, dass gerade auch nichtchristliche Eltern ihren Kindern etwas mitgeben wollen, was sie ihnen selbst nicht mitgeben können.

Und wieviel Religion verträgt Berlin?

Berlin verträgt Religion und braucht mehr Religion, als es heute hat. Ich bleibe bei meiner Überzeugung: Einen nicht-religiösen Menschen gibt es nicht. Die Grenze zwischen gläubig und ungläubig ist ohnehin fließend. Ich habe etliche Menschen kennengelernt, die sehr gläubig sind, obwohl sie keiner Kirche angehörten. Ich erlebe Berlin übrigens nicht als religionsfeindlich, die Stadt tut sich mitunter schwer mit Religion.

Ärgert es Sie, dass die Kirchen nur zu Ostern und Weihnachten meist besonders voll sind?

Ich freue mich, dass so viele Menschen kommen, auch wenn es nur an Weihnachten ist. Im Rheinland, wo ich herkomme, ist das Katholische zwar noch mehr verbreitet, aber der Gottesdienstbesuch ist in Berlin eher höher. Ich erlebe gerade im Osten des Landes eine große Ernsthaftigkeit: Wer sich hier taufen lässt, wer hier seinen Glauben bekennt, der ist Christ mit voller Überzeugung. Für den ist das nicht irgendeine Modeerscheinung. Das begeistert mich.

Fühlt sich die katholische Kirche von Berlins rot-rot-grüner Regierung gut behandelt?

Ich habe gute Kontakte zu allen drei Regierungsparteien. Was die Umgestaltung der St. Hedwigs-Kathedrale angeht, stehen wir in Verhandlungen mit Regierung und Verwaltung. Auch was die Gründung eines katholischen theologischen Instituts an der Humboldt-Universität anbelangt, sind wir auf einem guten Weg. Ich bin zuversichtlich, dass wir im neuen Jahr zu guten Lösungen kommen.

Aber bei dem neuen Institut an der Humboldt Uni gibt es noch Uneinigkeit darüber, ob es vier oder fünf Lehrstühle erhält.

Wie gesagt, wir sind noch in Gesprächen. An der Humboldt-Universität befindet sich die evangelische theologische Fakultät, dort ist die islamische Theologie vorgesehen, da werden sich viele Möglichkeiten der Kooperation ergeben. Wir liegen mit der St. Hedwigs-Kathedrale als unserem Zentrum direkt gegenüber. Allein schon diese räumliche Nähe im Zusammenspiel mit Humboldt-Forum, Staatsoper und juristischer Fakultät wird sehr viel Miteinander ermöglichen.

Der Humanistische Verband Berlin-Brandenburg (HVD) soll nun auch in Berlin als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt werden. Damit erhält die Weltanschauungsgemeinschaft den gleichen Status wie die Kirchen. Sehen Sie das kritisch?

Das ist die Entscheidung des Senats, ich bestreite dies nicht. Der vom HVD verantwortete „Lebenskundeunterricht“ wird in gleicher Weise vom Land Berlin gefördert wie der Religionsunterricht. Allerdings kann der HVD nicht für alle Religionslosen sprechen, sondern nur für seine 13.000 Mitglieder in Berlin und Brandenburg.

Sieht die katholische Kirche die Ehe für alle problematisch?

Ich verstehe das Anliegen homosexueller Männer und Frauen, dass ihre Liebe, ihre Partnerschaft, wertgeschätzt wird. Da ist sicherlich in der Vergangenheit vieles passiert, was sie verletzt hat. Trotzdem bin ich der Überzeugung, dass es gut ist, eine differenzierte Wirklichkeit auch differenziert zu bezeichnen. Wenn ich die Bereitschaft von Mann und Frau, Eltern zu werden, als Ehe bezeichne, und andere Beziehungen nicht als Ehe bezeichne, ist das meines Erachtens der Realität näher als die Tendenz, alles gleich zu bezeichnen und gleich zu machen. Ich kann nicht sehen, dass das zu Diskriminierung führt. Im Gegenteil: verweigerte Differenzierung ist auch manchmal verweigerte Wertschätzung.

Apropos Wertschätzung: Rund 1000 Unterschriften, so sagen Kritiker, seien bereits gegen den Umbau der St. Hedwigs-Kathedrale gesammelt worden. Nehmen Sie diese Stimmen ernst?

Ich habe sie immer sehr ernst genommen, weil ich davon überzeugt bin, dass es nicht nur architektonische Fragen sind, um die es geht. Seit meinem Amtsantritt habe ich viele sehr persönliche und emotionale Geschichten gehört, die die Menschen mit ihrer Kathedrale haben. In der Bischofskirche verdichtet sich die Bistumsgeschichte. Ich habe alle Gremien des Erzbistums befragt, und alle haben sich für die Umgestaltung ausgesprochen. Nur das Votum der Kunstkommission war unentschieden. Auf dieser Grundlage und aus persönlicher Überzeugung habe ich die Entscheidung für die Umgestaltung getroffen. Denn ich bin von dem theologisch-liturgischen Konzept der Umgestaltung überzeugt.

Was gibt uns im nächsten Jahr Zuversicht?

Aus der Flüchtlingskrise habe ich gelernt: Gemeinsam schaffen wir viel mehr als wir uns zutrauen. Ich blicke zuversichtlich auf 2018, wenn wir aufhören, uns die eigenen Fähigkeiten und Ressourcen kleinzureden. Berlin hat im Laufe der Geschichte kämpfen gelernt. Was ist hier alles Großes geschehen! Ich kenne viele Menschen in Berlin, die bereit sind, sich zu engagieren und Verantwortung zu übernehmen. Meine Zuversicht kommt aus meiner festen Überzeugung: Gott ist in dieser Stadt ganz lebendig da, für alle Menschen!