S-Bahnhof Tiergarten

Wandbild „Weltbaum“ am Tiergarten verschwindet hinter Neubau

Die Unternehmensgruppe HGHI baut vor das erste Wandbild Berlins ein 32 Meter hohes Gebäude.

Ben Wagin und seine Künstlerkollegin Dafne B mit der Skizze zum Fassadengemälde, das 1975 entstand

Ben Wagin und seine Künstlerkollegin Dafne B mit der Skizze zum Fassadengemälde, das 1975 entstand

Foto: Anikka Bauer

Berlin. Die Farbe ist verblasst, sie blättert ab – doch noch schickt der „Weltbaum“ am S-Bahnhof Tiergarten seine Botschaft in die Welt: „Der Baum bist du“. Seit mehr als vier Jahrzehnten gehört das Fassadenbild an der Bach- Ecke Wegelystraße zum Berliner Stadtbild. Aber es ist akut gefährdet. Mit schwerem Gerät wird auf dem Grundstück direkt vor dem Bild gearbeitet, Baucontainer versperren bereits zum Teil die Sicht aufs Gemälde – und Anfang März will die HGHI Holding GmbH auf dem kleinen dreieckigen Eckgrundstück genau vor der bemalten Brandmauer mit dem Bau eines siebenstöckigen, 32 Meter hohen Bürogebäudes beginnen. Spätestens im Sommer 2019 sollen die ersten Mieter ihre Büros beziehen.

Ben Wagin, 87 Jahre alt und schillerndes Urgestein der West-Berliner Kulturszene, der die Künstler Peter Janssen, Siegfried Rischar, Fritz Köthe und Narenda Kumar Jain für das gemeinsame rund 650 Quadratmeter große Fassadenwerk 1975 zusammenbrachte, ist in Sorge. Niemand – weder Politiker noch die Bauherren – hatten ihn bis vor Kurzem gefragt, was mit dem Bild überhaupt passieren soll, berichtet er im Gespräch mit der Berliner Morgenpost. Lange sah es so aus, als ob es einfach hinter dem Neubau verschwindet.

Dabei gilt es als eines der ersten, wenn nicht als das erste großflächige Berliner Wandbild. Es heißt „Weltbaum I – Grün ist Leben“ und zeigt den Auspuff eines Motorrads und einen Baum, der ob seiner Zerstörung durch die Abgase vor Schmerzen schreit. Oberhalb dieser Szenerie fuhr ursprünglich mal ein Lastkahn, der Bäume transportierte. Die düstere Vision der Künstler: Irgendwann werden wir unsere Natur importieren müssen, weil wir unsere eigene zerstören.

Ben Wagin ist sauer, spricht wie immer Klartext: „1975 hat es diese Ratten noch nicht gegeben, die sich jetzt an Berlin bedienen. Damals hättest du keine Chance gehabt, auch nur einen Ast von einem Baum zu nehmen, es war Respekt da“, sagt er. Der damalige Bausenator Harry Ristock (SPD) habe das Wandbild bei der Übergabe mit seinem Namen unterzeichnet. Ohne ihn wäre die durch den Krieg und die Blockade Berlins größtenteils zerstörte Baumstruktur in der Stadt nicht nachgepflanzt worden, sagt Wagin, der als Baumpate auch selbst in den Bezirken Tausende von Ginkgos gepflanzt hat.

„Ben ist Urheber des Bildes, aber es gehört der Stadt“

Auch Ben Wagins Künstlerkollegin Dafne B findet den Umgang mit dem „Weltbaum“ nicht in Ordnung: „Das Verhalten ist respektlos dem Werk, aber auch Ben gegenüber. Ben ist Urheber, aber es gehört doch der Stadt“, findet die 40-Jährige. Sie möchte deshalb, dass das Bild erhalten bleibt, aber auch weiterhin zu sehen sein soll. Und der Name habe auch für das neue Gebäude stehen können: „Das ist das Haus vom Weltbaum“, schlägt sie vor.

Wagin wohnt nicht weit entfernt von seinem Wandbild, gleich auf der anderen Seite der Gleise an der Joseph-Haydn-Straße in einem Altbau. Nicht zuletzt ihm ist es zu verdanken, dass es den noch gibt. Das Wohnhaus hatte er 1947 entdeckt. Er engagierte sich dafür, dass zumindest einige alte Häuser am Rande des neuen Hansaviertels nicht der Neubebauung geopfert wurden. Dazu zählt auch das Haus Siegmunds Hof 21 Ecke Bachstraße, dessen Brandwand seit 42 Jahren das Wandgemälde ziert.

Nach der Anfrage der Berliner Morgenpost traf sich der Investor, der das Bürogebäude baut, mit Ben Wagin. „Wir befinden uns im engen Austausch mit dem Künstler, um eine Lösung zu finden“, teilte HGHI-Unternehmenssprecher Mirco Hillmann mit. „Das Wandbild ,Weltbaum‘ bleibt von den baulichen Veränderungen unberührt“, teilte der Sprecher nach dem Treffen weiter mit. In „enger Abstimmung mit Herrn Wagin prüfen wir derzeitig verschiedene Möglichkeiten zur zukünftigen Darstellung des Weltbaums“, so Hillmann weiter. Es werde auch überlegt, „den Stadtplatz mit Ginkgobäumen zu bepflanzen, um Herrn Wagins Baumpflanzaktion zu unterstützen“.

Konkret könnte das beispielsweise so aussehen, dass im Neubau ein Fenster den Blick auf das Bild ermöglicht. Da der Neubau nicht direkt an das Wohnhaus angrenzt, sondern in geringem Abstand dazu, könnte dort zudem ein begehbarer Weg entstehen. Den freien Blick von der S-Bahn aus wird der Neubau aber versperren.

Dafne B würde es deshalb begrüßen, wenn der Weltbaum vom S-Bahnhof Tiergarten noch an anderer Stelle in der Stadt, beispielsweise auf einer leeren Brandwand nahe des S-Bahnhofs Friedrichstraße, neu aufgemalt würde – von jungen Street-Art-Künstlern, die ohnehin im kommenden Jahr viele Pläne für Berlin haben.

Laut Senatskulturverwaltung ist der „Weltbaum“ als Direktauftrag im Rahmen einer Maßnahme der damaligen Senatsverwaltung für Bauen und Wohnen entstanden. Der Künstler Ben Wagin sei „unbestritten ein Glücksfall für Berlin“, sagte Daniel Bartsch, Sprecher von Kultursenator Klaus Lederer (Linke). „Da Berlin dem Künstler Ben Wagin viel zu verdanken hat, er auch durch die Stadt Berlin zu hoher Wertschätzung gekommen ist, sind wir für Gespräche mit ihm offen“, bot Bartsch an.

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