ZOB

Der Fernbusboom in Berlin ist vorbei

Am ZOB am Funkturm werden in diesem Jahr fast 50.000 Busse weniger halten als noch im Jahr 2016.

Ein Flixbus steht am Zentralen Omnibusbahnhof

Ein Flixbus steht am Zentralen Omnibusbahnhof

Foto: Reto Klar

Am Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) in Westend herrscht Hochbetrieb. Wie immer rings um die Weihnachtsfeiertage gehen besonders viele Menschen auf Reisen. Und gut jeder Zehnte nimmt dafür den Fernbus. In Spitzenzeiten fahren auf dem Gelände am Messedamm die Busse im Minutentakt ab.

Doch der ganz große Boom der Branche scheint erst einmal vorbei zu sein – zumindest in Berlin. Erstmals nach vier Jahren rasanten Wachstums wird es 2017 am Busbahnhof deutlich weniger Halte gegeben haben. Das belegen Zahlen der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), die der Berliner Morgenpost exklusiv vorliegen.

Demnach rechnet der ZOB-Betreiber IOB, eine 100-prozentige Tochter der BVG, an der zentralen Fernbus­haltestelle bis Jahresende mit rund 166.000 Nutzungen – also An- und Abfahrten von Fernbussen. Das wären fast 50.000 Fahrten oder rund ein Fünftel weniger als im Vorjahr. Damals hatte der ZOB-Betreiber noch stolz ein Allzeithoch von 214.249 Nutzungen vermeldet. Mit dem aktuellen Ergebnis für 2017 wird selbst die eher pessimistische Prognose der IOB unterschritten, die zu Jahresbeginn auf mindestens 167.000 Bushalte hoffte.

Zahlreiche Linienangebote sind weggefallen

Den Nutzerrückgang um mehr als 22 Prozent begründet die BVG mit der vollzogenen Konsolidierung des Fernbusmarktes. Dadurch seien zahlreiche Linienangebote weggefallen, sagte der BVG-Sprecher Jannes Schwentuchowski der Berliner Morgenpost. Hinter dem Managerbegriff Marktkonsolidierung verbirgt sich dabei das große Anbietersterben in der Fernbusbranche, das im Ergebnis eines knallharten Konkurrenzkampfes vor gut einem Jahr in Deutschland stattfand.

Den Anfang hatte im Juni 2016 der Anbieter Megabus gemacht, ein Ableger der Stagecoach Group, des zweitgrößten Busunternehmens Großbritanniens. Trotz einer vom irischen Billigflieger Ryanair abgeschauten aggressiven Preispolitik bekam Megabus kein Bein auf den stark expandierenden deutschen Fernbusmarkt.

Im November 2016 stellte schließlich die Deutsche Bahn mit BerlinLinienBus ihr Fernbusangebot weitgehend ein. Übrig blieb lediglich der IC-Bus, der nur noch auf einigen wenigen Linien etwa nach Stettin oder Breslau fährt – Strecken also, auf denen die Bahn ihre Zugverbindungen aus Kostengründen einstellte. Kurz zuvor hatte auch der Postbus kapituliert, der anfangs von der Deutschen Post und dem ADAC, später dann ausschließlich von der Post betrieben wurde. Sie alle konnten nicht gegen den Münchener Anbieter Flixbus bestehen, der nach einer 2015 vollzogenen Fusion mit dem Berliner Start-up MeinFernbus zum alleinigen Marktführer in Deutschland aufgestiegen war. Anders als einige seiner früheren Konkurrenten hat Flixbus dabei keine eigenen Busse, sondern nimmt Mittelständler unter Vertrag.

Flixbus hat Marktanteil von 94 Prozent

Nach Berechnungen des Iges-Institutes hat Flixbus inzwischen einen Anteil von 94 Prozent am deutschen Fernbusmarkt (Stand November 2017). Alle anderen noch verbliebenen Busanbieter wie Eurolines, IC-Bus oder Regiojet liegen bei einem Marktanteil von höchstens drei Prozent und weniger.

Als Quasi-Monopolist konnte Flixbus es sich leisten, wenig rentable Verbindungen rasch einzustellen und auf gut gebuchten Routen wie etwa Berlin–Hamburg weniger, dafür aber größere Busse fahren zu lassen. Dieses Vorgehen könnte auch die BVG-Aussage erklären, dass trotz Wegfalls zahlreicher An- und Abfahrten am ZOB in diesem Jahr dennoch wieder mit rund sechs Millionen Fahrgästen gerechnet wird.

Nicht ohne Auswirkung auf die Entwicklung der Fernbushalte dürfte auch der im Sommer 2015 begonnene Umbau des ZOB sein. Durch die umfangreichen Bauarbeiten standen und stehen auf dem Gelände am Messedamm deutlich weniger Haltestellen als 2015 zur Verfügung. Im November wurde die erste Umbauphase beendet, zehn neue Haltestellen im Bereich des früheren Busparkplatzes gingen in Betrieb. Dafür rückte die Baustelle nun in den mittleren Bereich vor, was vielen Busfahrgästen die Orientierung erschwert. Die Unternehmen freuen sich hingegen über die neue schräge Haltestellenanordnung, die eine schnellere Abfertigung der Busse ermöglicht.

Umbau des Busbahnhofes verlängert sich bis Ende 2021

Nach Baubeginn hatte der Senat als ZOB-Eigentümer das Projekt noch einmal umplanen lassen. So soll etwa die aus den 60er-Jahren stammende Wartehalle nicht nur saniert, sondern komplett neu errichtet werden. Damit wird sich die Zahl der Warteplätze von derzeit 85 auf 185 deutlich erhöhen. Erstmals wird es am ZOB dann auch ein barrierefrei erreichbares WC geben. Auch die störanfällige Fahrgastinformation aus dem Jahr 2005 soll nun ersetzt und zudem eine neue Leitstelle gebaut werden. All diese Korrekturen würden auch die Verdopplung der Baukosten von anfangs 14,3 Millionen auf nunmehr 29,9 Millionen Euro erklären, heißt es aus der Senatsverkehrsverwaltung. Was allerdings bedeutet, dass der Umbau nicht wie angekündigt 2019, sondern erst Ende 2021 abgeschlossen sein wird. Aber was wird in Berlin schon fristgerecht fertig.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.