Berlin

Zeit für den „Schwäxit“: Wenn die Schwaben Berlin verlassen

Weihnachten nach Hause zu fahren, ist für viele zugereiste Berliner Familie, Tradition. Julius Betschka ist mitgefahren, Richtung Schwaben.

Stefanie Schlotz unterhält sich mit einer Freundin. Zusammen reisen sie mit dem „Schwabenexpress“ von Locomore nach Stuttgart.

Stefanie Schlotz unterhält sich mit einer Freundin. Zusammen reisen sie mit dem „Schwabenexpress“ von Locomore nach Stuttgart.

Foto: Gregor Fischer

Den Brexit kennt jeder, klar. Aber was ist der „Schwäxit“? Die Zeit, in der man fast allein durch den verlassenen Prenzlauer Berg und Friedrichshain spazieren kann, in der niemand mehr „schwätzat“, kurz: die Zeit, wenn die Schwaben Berlin verlassen. Zu Weihnachten in ihre Heimat fahren, nach Stuttgart, Waiblingen oder Biberach. Natürlich verlassen nicht nur die Schwaben Berlin, aber was wäre diese Stadt ohne ihre Klischees, ohne Spätzlekrieg und Schwabenhass, ohne Kehrwoche und Maultaschen. Wie ist es also in einem Zug voller Schwaben?

Freitag, 22. Dezember. Pünktlich um 14.53 Uhr fährt der orangefarbene Zug von „Locomore“ im Berliner Hauptbahnhof ein, Gleis 13. Der Bahnsteig ist voll: Bärte, Jutebeutel und Rollkoffer, größer als ihre Besitzer. Der Retro-Zug aus den 60er-Jahren gilt als „Schwabenexpress“. Die Strecke Berlin–Stuttgart fährt er in sieben Stunden, die Tickets kauft man bei Flixbus. Die Reise dauert länger als mit der Deutschen Bahn, kostet ein paar Tage vor Weihnachten aber nur die Hälfte. Und der Schwabe an sich, sagt man, soll ja geizig sein.

Der Zug ist nahezu ausgebucht. Schwäxit eben, denkt man. Die Frage, wie viele der über 500 Reisenden wirklich Schwaben sind, klärt sich rasch, geht man durch die Abteile: Etwa jeder Zweite kommt aus dem Schwäbischen – aus „Bade-Wüddeberch“. Nur ab und an fleht ein stolzer Badener: „Bitte, sagt nicht Schwabe zu mir!“ Ein alter, historischer Streit: Wenn jemand den Badener einen Schwaben schimpft, ist das so, als würde man einen Schalke-Anhänger einen Dortmund-Fan nennen.

Die Berliner Schnauze ist für den 21-Jährigen kein Problem

In Wagen fünf sitzt Luca Adinolfi (21). Er ist vor fünf Monaten aus Stuttgart nach Berlin gezogen, wird hier zum Mediengestalter ausgebildet. Sein Opa kam einst aus Neapel ins Schwabenland, als Gemüsehändler. Sein Enkel trägt heute auf dem Weg in die Heimat das Trikot des VfB Stuttgart. Schwabenstolz, denkt man. „Zufall“, sagt Adinolfi. Im Locomore sitzt er, das gibt er zu, weil er „das schwäbische Problem“ hat. „Es war eben am günstigsten.“ Nach Berlin hat es ihn nicht gezogen, das war wieder: Zufall. Sein Ausbildungsbetrieb sei eben dort. Am neuen Zuhause mag Adinolfi die Weltoffenheit. Man gehe in eine Kneipe und lerne sofort Menschen kennen, die Stuttgarter seien distanzierter. „Bei uns ist jeder eher für sich.“ Die mithin schroffe Berliner Schnauze: kein Problem, für den 21-Jährigen. Fragt man ihn, ob ihn dennoch etwas störe in Berlin, zögert er eine Weile: „Es ist schon ziemlich dreckig an vielen Ecken“, lacht er. Endlich – ein echter Schwabenmoment. Kehrwoche. Schaffe, schaffe, Häusle baue. Wobei, denkt man dann, recht hat er ja. Berlin, Du kannst schon speckig sein, dreckig, grau.

Geselligkeit sagt man ihnen nicht unbedingt nach, den Schwaben. Doch der Schwäxit scheint eine lustige Angelegenheit. Auffällig viel getrunken wird im Zug nach Stuttgart. Etwa bei Hannover stolpern die Ersten mit dem dritten, vierten Bier an einem vorbei. Es gibt Lammsbräu im Bordbistro, glutenfrei, bio, für dreinochwas. Ein bisschen Prenzlauer Berg auf dem Weg ins Ländle. Im ersten Wagen sitzen, weithin hörbar, sieben Freunde aus Reutlingen. Je mehr Bier, je breiter das Schwäbisch. Hier gibt’s Sternburg Export, zwei Kästen. „War günstiger als im Bordbistro“, ruft einer und reicht einem eine der braunen Flaschen. Prost.

Weite Teile des Zuges bestehen aus Abteilen, jeweils sechs Sitze, rote Bezüge. Im Gang vor ihrem Abteil lehnt Stefanie Schlotz (24). Auch sie, seit fünf Jahren in Berlin, ist auf dem Weg in die Heimat: Hohengehren, 25 Kilometer östlich von Stuttgart. Ein kleiner Ort. „Man läuft 15 Minuten von unserem Haus aus und ist mitten im Wald“, sagt sie in leichtem Schwäbisch. Das sei das Einzige, was sie in Berlin vermisse: die Natur. Nach dem Abitur ist sie für eine Zeit nach Südamerika gegangen, kam zurück nach Deutschland, wollte raus aus der Provinz, nach Berlin. Sie genießt die vielen Clubs, mag es, im multikulturellen Neukölln zu wohnen. Doch Weihnachten nach Hause zu fahren, ist für sie Familie, Tradition. So wie für viele im Zug: Wenn Berlin sich leert, füllen sich die Ortschaften im Ländle.

„In Esslingen, wo ich zur Schule gegangen bin, gibt es eine schöne Tradition: den heiligen Vormittag“, erzählt Schlotz. Am 24. Dezember, vor der Bescherung, strömen die Menschen in die Bars und Restaurants. Während in den Berliner Eckkneipen einsame Trinker ihr letztes Bier leeren, treffen sich in Esslingen alte Freunde, stoßen an auf Weihnachten, das Wiedersehen. Bestellen Kartoffelsalat und Maultaschen.

Denn, das lernt man im Schwaben­express: Schwaben lieben Maultaschen. Und, Pünktlichkeit: So rechtzeitig der Zug Berlin verlassen hat, so pünktlich fährt er um 21.30 Uhr in Stuttgart ein. Schlotz und die anderen sind angekommen im Ländle. Doch schon nach den Feiertagen werden sie zurückkehren, die Schwaben: der Schwäxit, eine Weihnachtsgeschichte. Wissend wünscht ein Zugbegleiter zum Abschied: „Ein frohes Fest – und bis bald!“