Neue Studie

Berlin ist Schlusslicht bei der Lehrlingsausbildung

Die Bertelsmann-Stiftung legt eine neue Studie vor. Seit 2007 ist in Berlin jeder fünfte Ausbildungsplatz verschwunden.

Auszubildender an der Drehbank

Auszubildender an der Drehbank

Foto: dapd / dapd/DAPD

Berlin. Die Zeiten, in denen der Weg in den Beruf meist über eine betriebliche Ausbildung führte, scheinen vorüber. Klassische Ausbildungsberufe wie Schlosser, Zerspaner oder Elektriker werden immer weniger ausgebildet. Seit 2007 ist in Berlin jeder fünfte Ausbildungsplatz verschwunden. Das geht aus dem „Ländermonitor berufliche Bildung 2017“ der Universität Göttingen hervor, der von der Bertelsmann-Stiftung gefördert und am Montag der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

In ganz Deutschland wird, so ein Ergebnis der Studie, weniger ausgebildet. Doch nirgendwo ist die relative Zahl der Betriebe, die ausbilden, geringer als in Berlin: Nur 11,9 Prozent stellen Lehrlinge ein. 1990 waren in es in Berlin noch 16 Prozent der Unternehmen. Im Bundesdurchschnitt bildet heute immerhin jeder fünfte Betrieb aus. Auch deshalb ist die Zahl derjenigen, die in Berlin eine Ausbildung beginnen gering: So starteten 2015 in Berlin nur noch 16.218 Jugendliche ihren Weg in den Beruf mit einer Ausbildung. Ganze fünf Prozent weniger, als noch 2013.

Insgesamt, das zeigt die Studie, haben Ausbildungsberufe in Berlin einen schwereren Stand, als im Rest der Republik. Nur jeder zweite Berliner Beschäftige habe einen Ausbildungsabschluss. Die Autoren der Studie kritisieren, dass es in Berlin einerseits zwar viele Hochqualifizierte gebe, aber auch jeder Vierte über gar keinen Berufsabschluss verfüge. Der Mittelbau – also die betrieblich Ausgebildeten, die oft in sicheren Tarifverträgen stecken – sei dafür kleiner als in anderen Bundesländern. Das sei auch darauf zurückzuführen, dass es in keinem Bundesland so wenige Jobs im Produktionsbereich gäbe, wie in Berlin: Nur 16,4 Prozent arbeiteten in diesen klassischen Ausbildungsberufen. Die Autoren sprechen deshalb vom „schwierigsten Arbeits- und Ausbildungsmarkt der Republik“. Die angekündigten Kündigungen und Werksschließungen in der Produktion von Siemens und General Electric sowie die Pleite von Air Berlin werden diese Situation wohl weiter zuspitzen.

Allerdings sinkt auch das Interesse der Jugendlichen an einer Ausbildung: Während die Zahl der Ausbildungsplätze seit 2007 zwar um 20 Prozent sank, ging die Zahl der Bewerber auf einen Ausbildungsplatz sogar um etwa ein Drittel zurück – noch stärker also, als die angebotenen Plätze. Besonders stark sank die Zahl außerbetrieblicher Ausbildungen, also staatlich geförderter Programme, während die Ausbildungen in Betrieben sogar leicht anstiegen. Deshalb hat sich die Lage auf dem Ausbildungsmarkt insgesamt entspannt: Mittlerweile stehen für 100 Bewerber in Berlin 93 Ausbildungsplätze bereit. Im Jahr 2007 waren es nur 78 Plätze.

Schlechte Chancen für Hauptschüler und Ausländer

Trotz verbesserter Lage haben Berliner Hauptschüler und Ausländer eher schlechtere Ausbildungschancen. Fast die Hälfte der Jugendlichen, die über keinen Abschluss oder nur einen Hauptschulabschluss verfügen, konnten 2015 keine Ausbildung aufnehmen. Sie wechselten meist in berufsvorbereitende Angebote der Arbeitsagentur oder in ähnliche Angebote der Berufsschulen. Auch Ausländer bekommen oft keinen Ausbildungsplatz und wechseln zu 45 Prozent in das Übergangssystem. Gerade für diese beiden Gruppen sei es deshalb wichtig, dass Betriebe ausreichend ausbilden.

Berlins Arbeitssenatorin Elke Breitenbach (Linke) erklärte am Montag, dass die Stadt weiterhin weit entfernt davon sei, ein ausreichendes Angebot an betrieblichen Ausbildungsplätzen zu haben. Sie richtete einen Appell an die Unternehmern: „Wenn Betriebe nicht mehr junge Berlinerinnen und Berliner ausbilden, ist deren Klage über fehlende Fachkräfte kaum nachvollziehbar.“ Der Fachkräftemangel, der sich auch in Berlin abzeichne, könne „zu einer echten Hypothek für die Zukunft der Betriebe werden“.

Die Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK) wies Breitenbachs Kritik zurück. Die in der IHK organisierten Unternehmen hätten ihre angebotenen Ausbildungsstellen in den vergangenen Jahren sogar gesteigert. Auch die Autoren der Studie bestätigen: Der starke Rückgang an Ausbildungsplätzen in Berlin ist vor allem auf einen Rückgang bei den außerbetriebliche Ausbildungen zurückzuführen. Das Grundproblem sei ohnehin ein anderes, sagte Marion Haß, Geschäftsführerin Wirtschaft und Politik bei der IHK Berlin, der Berliner Morgenpost: „Es bewerben sich in Berlin immer weniger junge Menschen auf eine duale Ausbildung, obwohl sich viele Betriebe für ihren Nachwuchs mächtig ins Zeug legen.“ Vor zehn Jahren hätten die Betriebe noch 10.000 Bewerber mehr gehabt, als heute. Einige Unternehmen würden auf fehlende Bewerber reagieren, indem sie sich aus der Ausbildung zurückziehen und ihren Fachkräftebedarf zum Beispiel mit dualen Studierenden oder aus dem Arbeitsmarkt decken. „Die beste Ausbildungsoffensive für Berlin wäre es, konsequent daran zu arbeiten, dass Berliner Schulabgänger über vergleichbare Kompetenzen in Deutsch und Mathe verfügen wie Azubis aus anderen Bundesländern“, sagte Haß.

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