Ansprache in Andacht

Bischof Markus Dröge: „Der Angriff sollte uns alle treffen“

Ansprache von Bischof Markus Dröge in der Andacht für die Angehörigen der Opfer und Verletzten.

Eingang zum Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz

Eingang zum Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz

Foto: Frank Lehmann

Friede sei mit euch, von dem, der da war, der da ist und der da kommt! Amen.

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Es ist Schreckliches passiert. Völlig unbeteiligte Menschen sind Opfer eines Anschlages geworden. Sie haben ihr Leben verloren, andere ihre Gesundheit, einige sind dauerhaft auf Pflege angewiesen. Sie, liebe Angehörige der Opfer, vermissen schmerzlich einen geliebten Menschen. Und wir alle haben Bilder gesehen, die wir nie mehr vergessen können, manche so nah, dass die Bilder bis heute erschreckend präsent sind. Das Leben ist nicht mehr so, wie es vorher war.

Heute, ein Jahr danach, kommt uns dies alles bedrückend nah. Trotz des Tageslichtes spüren wir das Dunkel, das sich durch die Tat eines Fanatikers über uns gelegt hat. Besonders bitter ist die Willkür, mit der Menschen getroffen wurden. Sie wollten nur einen Weihnachtsmarkt besuchen und wurden Opfer eines Angriffes, der uns alle treffen sollte, unser Land, unseren Staat unser freiheitliches Leben.

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Miteinander suchen wir heute Trost. Wir suchen nach Worten und Bildern, die helfen, die Härte des eigenen Schicksals zu tragen. In einer Zeit politisch tiefster Dunkelheit hat ein Mann aus dem Volk Israel mit Namen Jesaja seinen Mitmenschen folgende Worte zugesprochen, die seither vielen Trauernden Trost gegeben haben:

Es wird nicht dunkel bleiben über denen, die in Angst sind. Über denen, die da wohnen im finsteren Lande, scheint es hell.

Wie eine schützende Kuppel spannt der Prophet diese Worte über die Finsternisse seiner Zeit. Das, was Menschen erleben, Tod, Geschrei, Schmerz, soll nicht ewig bleiben: Über Tränen, Gewalt, Angst und Trauer soll es hell werden: Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht.

Die Lichter, die in den Wochen der Adventszeit unsere Städte schmücken, erinnern an diese Hoffnung. Nein, es soll nicht dunkel bleiben über denen, die in Angst sind. Die Kirche, in der wir heute unserer Trauer Ausdruck geben, umringt von den Ständen des Weihnachtsmarktes, nimmt diese Hoffnung auf. Sie trägt mit ihrem kriegszerstörten Turm die Botschaft der Versöhnung in die Welt: Nein, nicht Hass, nicht Sinnlosigkeit, nicht Erschrecken werden das letzte Wort behalten! Wo Menschen zusammenstehen, sich gegenseitig trösten, nicht zulassen, dass die Taten der Gewalt Hass in die Herzen säen, da ist heute schon das Licht zu spüren, das die Dunkelheit besiegt.

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Die Erfahrungen des 19. Dezember 2016 werden uns weiter durch das Leben begleiten. Sie werden eingeschrieben bleiben in die Geschichte unserer Stadt Berlin, eingeschrieben in die Geschichte der Gemeinde der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Vor einem Jahr hat sie erlebt, wie die Vorfreude auf das Weihnachtsfest jäh zerstört wurde, als der Terrorakt während der Chorprobe für die Weihnachtsgottesdienste seinen Schrecken verbreitet hat. Aber vor allem wird die Erfahrung dieses Tages in Ihre Herzen eingeschrieben bleiben, liebe Angehörige.

Ein Gedenkzeichen vor der Kirche wird ab dem heutigen Tag an den Anschlag vor einem Jahr erinnern. Es zeigt den Riss, die Wunde, mit der wir leben müssen. Es nennt die Namen, die wir erinnern, heute und immer. Der Riss wird gefüllt mit goldfarbenem Metall.

Es wird nicht dunkel bleiben über denen, die in Angst sind.

Der Lieddichter Jochen Klepper hat im Jahr 1938 das Bild aus dem Jesaja-Buch aufgenommen und die Verse gedichtet, die wir zu Beginn gesungen haben:

„Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und Menschenschuld. Doch wandert nun mit allen der Stern der Gotteshuld. Beglänzt von seinem Lichte hält euch kein Dunkel mehr. Von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her.“

Ein Licht, ein Stern, wandert mit uns. Wann immer wir in den Himmel schauen, werden wir den Stern sehen, der über uns steht und uns begleitet.

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Ein Zeichen dieses Lichtes, das uns begleitet, wollen wir heute untereinander teilen: Das Friedenslicht von Bethlehem, entzündet in der Geburtskirche Jesu in Bethlehem. Von dort wird es als Botschafter des Friedens jedes Jahr am dritten Advent von Pfadfindern in alle Welt gebracht. So ist es auch hier in der Kirche angekommen. Und es wird weiterverteilt in die Häuser der Menschen. Auf dem Weg hierher hat es schon über 3000 Kilometer zurückgelegt und viele Mauern und Grenzen überwunden. Es ist ein kleines Licht, unscheinbar. Es fällt nicht auf. Ein Windhauch nur und schon ist es aus. Wie der Frieden selbst, der oft so zerbrechlich ist. Lassen Sie uns dieses Friedenslicht untereinander weitergeben, als Zeichen dafür, dass wir zusammenstehen, als Zeichen unserer Hoffnung, dass das Licht des Friedens stärker ist als alle Gewalt, dass Liebe stärker ist als der Hass, dass es nicht dunkel bleiben wird über denen, die Trauer tragen. Amen.

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